Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Jump to sub navigation

Die Glocken der Stiftskirche

Mit Sicherheit hatte die Stiftskirche schon im Mittelalter ein bedeutendes Geläut, lebte doch um 1450-1480 der Glockengießer „otto von lautern“ in der Stadt, von dem bekannt ist, daß er 1452/53 das große Geläute für den Speyerer Kaiserdom geschaffen hat. Wie dieses einst klanglich berühmte Domgeläute, so gingen mit Sicherheit auch die Glocken der Stiftskirche entweder schon im 30jährigen Krieg oder um 1689 in den Reunionskriegen Ludwigs XIV. unter, spätestens aber wurden sie durch die französischen Revolutionstruppen nach 1794 als Kriegsbeute abgenommen und zu Kanonen umgegossen.

Mit Sicherheit ist aus dem Gießereikatalog bekannt, daß der ab 1861 in Kaiserslautern arbeitende Glockengießer Georg Hamm im Jahre 1863 zumindest vier neue Glocken gegossen hat (h°, dis’, fis’, h’ mit 1821, 974, 580 und 262 kg Gewicht), vielleicht zu einem historischen Bestand von einer oder zwei Glocken, welche die früheren Kriegsbeschlagnahmen übrig gelassen haben.

Nachdem auch 1917 alle Glocken bis auf die jeweils kleinste für die Rüstung des Ersten Weltkrieges beschlagnahmt wurden, gossen die Gebrüder Pfeifer 1927 ein neues, großes fünfstimmiges Geläute: h° (2400 kg)-cis’-dis’-fis’-gis”.

Die Hamm’sche Gießerei wurde 1881 von Joh. Georg Pfeifer (zugewandert aus Donauwörth) übernommen und nach dessen Tod ab 1914 durch die drei Söhne Georg, Adolf und Christian weitergeführt bis 1938.
Dieses bedeutende und, nach dem noch vorhandenen der Kaiserslauterer Apostelkirche, zweitgrößte Geläute wurde 1942 für die Rüstung des Zweiten Weltkrieges wiederum eingeschmolzen, die kleinste auf dem Turm verbliebene Glocke wurde mit der Kirche durch Bomben zerstört.

1957 erhielt die Stiftskirche dann - abgestimmt auf alle übrigen Glocken der Innenstadt - eines der ganz großen Geläute der Pfalz, gegossen von Gebrüder Bachert in Karlsruhe. Die sechs, musikalisch sehr gut gelungenen Glocken bilden mit ihrer Tonfolge as°-c’-es’-f'-g’-b’ ein spannungsreiches und reizvolles Plenum, das in dieser Form nur sehr selten disponiert wird (interessant ist der musikalische Vergleich mit dem Gseläute gleicher Disposition in der katholischen Pfarrkirche zu Waldfischbach, gegossen von Hamm/Frankenthal 1950 und 1956). Die ganz bewußt eingebauten Dissonanzen der Septime und None geben dem Gesamtklang sein besonderes und unverwechselbares Gepräge.

Eine besondere Beziehung zur Stiftskirche hat bezüglich Zier und Inschriften die UNIONSGLOCKE es’, welche an die Pfälzische Kirchenunion von 1818 erinnern will: Auf der Flanke trägt sie das Unionszeichen, um den Schlagring das Schriftwort: + DES HERRN APOSTEL SPRICHT. SEID FLEISSIG ZU HALTEN DIE EINIGKEIT IM GEISTE DURCH DAS BAND DES FRIEDENS +.

Um die Schulter finden sich Eigentums- und Stiftervermerk: + DER WIEDERAUFBAUVEREIN DER APOSTELKIRCHE KAISERSLAUTERN SCHENKTE MICH DER STIFTSKIRCHE + GEBRÜDER BACHERT - KARLSRUHE GOSSEN MICH IM JAHRE DES HERRN 1957 +.
Volker Müller

Aus: "Die Stiftskirche in Kaiserslautern" | Sonderdruck aus "DER TURMHAHN", Blätter vom künstlerischen Schaffen und Bauen in der Pfälzischen Landeskirche, 34. Jahr, Heft 3/4, 1990

Bild: Die neuen Glocken auf dem Transport zur wiederaufgebauten Stiftskirche, 26. Oktober 1957.

carillon.jpg