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Predigten von Pfarrer Tilman Grabinski

Predigt zu Micha 7, 18-20, 28.6.2020

Predigt zu Micha 7, 18-20, Friedenskirche KL, 28.6.2020,
Pfarrer Tilman Grabinski
Es gilt das gesprochene Wort.

„Ich bin nicht für den Himmel geschaffen.“ Das sagte Freddy Mercury, der charismatische Sänger der Rockgruppe Queen. „Nein, ich will nicht in den Himmel kommen. Die Hölle ist viel besser. Denke an all die interessanten Leute, die du da unten treffen wirst!“
Und der französische Schriftsteller Molière meint: „Der Himmel dürfte aus klimatischer Sicht angenehmer sein als die Hölle. Allerdings vermute ich, dass die Hölle in gesellschaftlicher Hinsicht weit interessanter ist.“
Wer so denkt, für den ist der Himmel ein total langweiliger Ort. Da sitzt man mit voller Langeweile auf einer Wolke und schaut sehnsüchtig auf die Erde, wo das Leben tobt oder wünscht sich in die Hölle. Denn da sind eben nicht nur die braven, langweiligen und moralischen Leute.
Stimmt das? Was macht man im Himmel? Ist das ein langweiliger Ort?
Immerhin ist der doch ein zentraler Ort Platz viele Menschen. „Wir kommen alle, alle in den Himmel“ singt man zur Faschingszeit. Viele Menschen gehen davon aus, dass sie nach dem Tod dort hinkommen. Wäre doch blöd, wenn es dort uninteressant ist.
In vielen Religionen ist der Himmel so etwas wie ein irdisches Paradies. So wie die Erde, nur viel, viel besser.
Da kann man – so glaubten es zumindest die alten Germanen - saufen ohne Kopfweh zu bekommen, sich auf dem Schlachtfeld austoben, anderen den Schädel einschlagen und am nächsten Morgen sind wieder alle vereint an Odins Tafel. Kann man toll finden, muss man aber nicht.
Oder man hat 70 Jungfrauen an der Hand, mit denen man unendlich - Federball spielen kann.
Jesus dagegen benutzt ein anderes Bild. Er vergleicht den Himmel mit dem schönsten Fest, das wir Menschen haben: Mit einer Hochzeit.
Warum gerade dieser Vergleich?
Weil ein Hochzeitsfest die Liebe feiert: Zwei Menschen versprechen sich tiefe, innige, unverbrüchliche Gemeinschaft. Sie wollen beieinanderbleiben, sich lieben und ehren. Sie sind miteinander glücklich, wollen einander glücklich machen.
Was heißt nun dieser Vergleich für die Frage nach dem Himmel?
Ich denke, Jesus will damit folgendes sagen:
Wir treffen im Himmel Gott, unseren Liebste, unsere Liebste! Wir haben endlich vollkommene Gemeinschaft mit Gott. Kein Leid mehr, keine Tränen, keine Schmerzen, keinen Tod, keine Zweifel mehr, keine Unklarheiten. Wir werden Gott sehen. Wir werden die Liebe in Person sehen, erkennen und erfahren.
Weil das aber noch ziemlich abstrakt klingen kann, bitte ich Sie und euch sich einmal etwas vorzustellen:
Nämlich den Menschen, in den Sie verliebt sind oder waren. Oder den, den sie wirklich lieben. Oder den, den sie einmal wirklich geliebt haben. Vergegenwärtigen oder erinnern Sie sich an das Gefühl, das Sie haben oder hatten, wenn sie ihn oder sie sehen oder gesehen haben. Vergegenwärtigen oder erinnern Sie sich an das, was in Ihnen los ist oder war, als sie dem oder der anderen Ihre Liebe offenbarten und erlebten: Meine Liebe wird erwidert. Okay?
Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie erleben das im Himmel, wenn Sie 
leibhaftig und tatsächlich Gott treffen und erkennen: Der hat mich schon immer geliebt. Und Sie erwidern seine Liebe. Und merken: Das Gefühl, das Sie sich eben vergegenwärtigt habe, ist nur ein schwacher Abklatsch von dem, was Sie jetzt im Himmel erleben. Diese glückselige Erfahrung und Erkenntnis hört nicht mehr auf. Sie beginnt schon in unserem Leben hier als Glaube und Gottvertrauen – das ist ja auch der Weg in den Himmel.
Aber Gottvertrauen ist so viel mehr als nur eine richtige intellektuelle Erkenntnis – das ist es auch, aber nicht nur.
So viel mehr als das Einhalten bestimmter Regeln – das ist es auch, aber nicht nur.
So viel mehr als eine bestimmte ethische Grundhaltung - das ist es auch, aber nicht nur.
Nein, im Grunde geht es darum Gott zu erfahren. Gott ist nicht irgendwer irgendwo irgendwie, sondern lebt und wirkt mit seiner Kraft und Liebe in uns.
In unserem Leben hier erleben wir das immer wieder gebrochen und zweifeln daran. Manchmal kann man Gottes Liebe jetzt schon unmittelbar erfahren, aber eben nicht ständig.
Im Himmel wird das anders sein. Ich glaube so etwas in der Art will Jesus uns klarmachen, wenn er den Himmel mit einer Hochzeitsfeier vergleicht: Auf ewig zusammen zu sein mit dem, der mich und Sie und uns schon immer unendlich liebt und wir erwidern diese Liebe.
II
Das ist nämlich unser Part. Wir erwidern diese Liebe!
(Chor singt:) „Und wenn am Ende die Kräfte schwinden wenn meine Zeit dann gekommen ist wird meine Seele dich weiter preisen zehntausend Jahre und in Ewigkeit. Komm und lobe den Herrn, meine Seele sing, bete den König an. Sing wie niemals zuvor, nur für Ihn und bete den König an, und bete den König an, und bete den König an.“
„Komm und lobe den Herrn!“ Wir Deutschen haben es im Allgemeinen nicht so mit dem Loben. Haben Sie gewusst? Es gibt im Englischen den besonderen Ausdruck: „German Angst“. Wir haben es eher mit der Ängstlichkeit, mit dem Jammern und dem Kritisieren. „Net geschennt ist Lob genug.“
Aber gelobt zu werden motiviert viel mehr als kritisiert zu werden.
Menschen, die gelobt werden, sind nachweislich leistungsfähiger, stecken sich höhere Ziele und nicht zuletzt trägt die Anerkennung durch andere dazu bei, physisch und psychisch gesund zu bleiben.
Wenn es aber um das Lob Gottes geht, führt uns das in die falsche Richtung. Denn in diesem Sinne braucht er unser Lob nicht. Er muss nicht motiviert werden.
Müsste Gott in diesem Sinne gelobt werden, wäre er ein eigensüchtiges und selbstverliebtes Wesen.
Aber es gibt ja noch ein anderes Lob – nämlich das spontane.
Da ist es mir ein echtes Bedürfnis, dem anderen etwas Gutes zu sagen. Er oder sie hat etwas Tolles gemacht; was Gutes gesagt; was Schönes an – und ich nehme das wahr und sage es dann einfach.
Es gibt natürlich Menschen, die nehmen alles für selbstverständlich und loben niemals oder beißen sich lieber die Zunge ab als ein Lob auszusprechen. Aber jeder, der mit so jemanden zu tun hat, weiß wie anstrengend und unangenehm das ist.
Nein, spontan zu loben, ist auf jeden Fall besser
Und das ist die Antwort auf meine Frage zu Beginn: Was macht man im Himmel?
Wir erwidern Gottes Liebe zu uns und loben ihn! So wie es der Prophet Johannes schon mal gesehen hat, als er in einer Vision am himmlischen Gottesdienst dabei sein durfte. Wir haben davon in der Schriftlesung gehört.
III
Gott loben! Wofür eigentlich?
Zum Beispiel dafür:
„Wo ist solch ein Gott, wie du bist?“ Das sind Worte des Propheten Micha aus dem Alten Testament, überliefert im 7. Kapitel seines Buches, ca. 2.700 Jahre alt. „Ein Gott, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Volkes; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du Gott wirst Jakobs Nachkommen die Treue halten und Abrahams Nachkommen Gnade erweisen, wie du unsern Vorfahren vorzeiten geschworen hast.“
Sie sind übrigens der Anlass, warum ich über das Lob Gottes predige. Denn das steht einfach so da im AT.
Warum sagt man Gott so etwas? Warum sagt man so etwas über ihn?
Da werden wir nicht aufgefordert oder ermahnt anderen zu vergeben.
Gott wird einfach spontan gelobt. Einfach weil es angebracht ist.
Gott trampelt auf unserer Schuld herum, macht sie platt, macht sie unschädlich, dass sie uns nicht mehr bedrohen, uns nicht mehr für immer von Gott trennen kann. Was er versenkt, das ist endgültig weg, in alle Ewigkeit; wird nie mehr an die Oberfläche gelangen, ist vergeben und vergessen.
„Gott ist“, so sagt es Martin Luther, „ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel.“
Wer das schon weiß und erfahren hat, hat genug Gründe Gott zu loben.
Und wer das erfahren will, weil ihn etwas drückt, der wende sich einfach an Gott.
Gott zieht seine Liebe niemals zurück.
(Seine Liebe erklärt, warum er immer mal wieder als zornig in der Bibel geschildert wird.
Er kann und will uns und seine Welt nicht einfach laufen lassen. Er ist nicht gleichgültig – das wäre nämlich das Gegenteil von Liebe. Zornig wird man nur über das, oder den, der einem wichtig ist. Gott sehnt sich nach uns. Er will nicht allein sein. Er ist eben nicht der Gott der Philosophen, der „an“ und „für sich“ Gott ist. Er ist kein „unbewegter Beweger“, keine „erste Ursache“, die nur einen Betrieb in Gang wirft und sich dann zurückzieht. Er liebt uns und seine Welt! Und darum wird er zornig, wenn die, die er liebt, ihn verachten. Oder anderen das Leben schwermachen.)
Aus Liebe kam er in der Gestalt von Jesus, damit wir durch den Glauben ihn persönlich kennen lernen können und so den Weg zum Himmel finden 
und wir mit ihm als seine Kinder zusammen sein können, heute und morgen und immer. Selbst unser Tod kann die Liebe Gottes nicht beenden.
Loben werde ich Gott dann, wenn ich dankbar bin und staunen kann. Wenn ich alles, was mir an Gutem widerfährt, für selbstverständlich nehme, werde ich stumm bleiben und unzufrieden werden. Wie wenig selbstverständlich ist, zeigt uns doch gerade die Coronazeit.
Für was können und wollen Sie Gott loben?
Gottes Gegenwart anzuerkennen, ihn zu loben, erhebt aus dem Staub des Alltags. Denn dann schaue ich auf Gott, den Geber aller guten Gaben – hebe sozusagen meinen Blick nach oben. Gott ist da. Das ist gut. Das tut gut.
Wir haben ein Zuhause. Lobe den Herrn. Oder wie das auf Hebräisch heißt: Halleluja! Amen.

Predigt zu Lukas 17, 7-10; 14.6.2020

I
Vor einiger Zeit habe ich jemanden beerdigt, die mit 74 Jahren gestorben. Einer der Angehörigen hat mir gesagt: „Die letzten ca. 2,5 Jahre war die Mutter Gefangene und Opfer von Parkinson und Alzheimer. Beide Krankheiten haben sie lange leiden lassen und ihr einen langsamen und grausamen Verfall beschert ohne Aussicht auf Besserung oder gar Heilung. Was ich mich oft gefragt habe ist, womit hat sie das eigentlich verdient? Warum gibt es diese Ungerechtigkeit, dass ein Trump im gleichen Alter gesund ist und Menschen und unserem Planeten ungestraft schaden darf, aber mein Mutter, die immer hilfsbereit war und kranken Menschen 45 Jahre lang im Krankenhaus gedient hat, leiden und so sterben musste?! Nicht einmal ihre Rente konnte sie genießen, weil die Krankheiten viel zu früh zuschlugen.“
Hat die Verstorbene das verdient? Ist so ein Lebensende gerecht?
Schwere Fragen.
Die allermeisten Menschen haben ein tief sitzendes Gefühl, was gerecht ist und was ungerecht; eine tief sitzende Sehnsucht: Es soll im Leben gerecht zugehen. Gerecht im Sinne von: ein gutes Leben mit guten Taten soll mit Glück und Gesundheit belohnt werden; die Bösen dagegen sollen zumindest ein böses Ende erleiden.
Und wenn es dann doch anders zugeht, zweifeln viele am Leben, zweifeln an Gott.
Denn wer, wenn nicht Gott müsste für Gerechtigkeit sorgen? Schließlich heißt es doch von ihm, dass er uns liebt und nichts Böses für uns im Sinn hat.
Ich erlebe: Für einige Menschen - ziemlich viele sogar - gibt es ein stillschweigendes Abkommen, einen Deal, zwischen ihnen und Gott. In meinen Worten lautet das Abkommen so:
„Ich glaub an dich, Gott; zumindest glaube ich, dass es dich gibt. Ich tue nichts Böses, zumindest nichts wirklich Böses. Wer ist schon immer gut? Das, lieber Gott, ist mein Teil der Abmachung. Und du hältst dich dann bitteschön an deinen Teil: Du passt auf, damit mir oder meinen Angehörigen nichts Schlimmes zustößt.“
Woher weiß ich von diesem stillschweigenden Abkommen? Nun z.B. von solchen Bemerkungen wie anlässlich der eben erwähnten Beerdigung. Manche Menschen sprechen ganz offen von dieser Erwartung an Gott. Bei manchen ist es daran zu merken, wie enttäuscht sie von Gott sind, wie wütend auf ihn, wenn dann doch Schlimmes im Leben geschieht.
II
Was aber wäre, wenn es so ein Abkommen gar nicht wirklich gibt? Was wäre, wenn wir zwar diesen Wunsch haben, aber Gott diesem Deal gar nicht zugestimmt hat? Dann wäre es hinfällig, denn ein Abkommen braucht ja immer zwei Vertragspartner.
Ich glaube, Jesus wollte genau das klarmachen, als er einmal folgende Geschichte erzählt hat:
»Stellt euch vor, ihr habt einen Knecht, der vom Pflügen oder Schafehüten heimkommt. Was tut ihr dann? Sagt ihr etwa zu ihm: ›Komm an den Tisch und iss‹? Doch bestimmt nicht! Ihr gebt ihm den Auftrag: ›Mach mir etwas zu essen, binde dir eine Schürze um und bediene mich bei Tisch! Wenn ich fertig bin, dann kannst du auch essen und trinken.‹ Kann der Knecht dafür etwa einen besonderen Dank erwarten? Ich meine nicht! Es gehört doch schließlich zu seiner Arbeit. Das gilt auch für euch. Wenn ihr alles getan habt, was ich euch befohlen habe, dann sollt ihr sagen: ›Wir sind einfache Knechte und haben nur unseren Auftrag ausgeführt!‹« (Lukas 17, 7-10)
Natürlich: Heute ist vieles bei uns anders als in dem Beispiel von Jesus. Deswegen habe ich mir überlegt, wie er seine Geschichte heute erzählt hätte. Vielleicht so:
„Stellt euch eine Reinigungsfirma vor. Soll der Chef etwas jeden Tag jedem Mitarbeiter überschwänglich die Hand schütteln? „Vielen Dank. Sie haben die Toiletten gereinigt! Toll!! Sie wischen hier Staub. Grandios! Und den Mülleimer leeren Sie auch? Das ist ja ein unglaublicher Einsatz. Vielen, vielen Dank! Ich freue mich, wenn Sie morgen wieder da sind und ich mit Ihnen arbeiten darf.“ Natürlich nicht! Das ist die normale Arbeit, dafür werden die Mitarbeiter bezahlt.“
„Hat ein Knecht draußen auf dem Feld seine Pflicht zu tun?2
„Ja natürlich“ antworten die Jünger.
„Hat er nach der Arbeit auf dem Feld nicht auch noch seine Arbeit im Haus zu erledigen bevor er Feierabend hat?“
„Aber ja, selbstverständlich“ antworten sie wieder.
„Muss ihm deswegen extra gedankt werden, wenn er tut, was seine Aufgabe ist?“ „Natürlich nicht! Es ist doch selbstverständlich!
Und dann kommt der Hauptsatz:
„Wenn ihr alles getan habt, was ich euch befohlen habe, dann sollt ihr sagen: Wir sind einfache Knechte und haben nur unseren Auftrag ausgeführt!“
III
Was bedeutet das, wenn ich das, was Jesus so lapidar feststellt, auf die Frage nach der Gerechtigkeit im Leben beziehe und Gottes vermeintliche Pflichten dazu?
Ich verstehe das so: Es gibt kein Abkommen zwischen uns und Gott, das ihn zu bestimmten Dingen verpflichtet. Er ist nicht verpflichtet uns vor den Gefahren des Lebens, vor den Schlägen, die es manchmal austeilt, zu beschützen. Wir können ihm auch nicht mit unseren guten Taten kommen, die sich wie ein Schutzschild zwischen uns und dem manchmal so bösen Schicksal stellen.
Jesus fragt sozusagen: „Soll ich euch etwa dafür belohnen, dass ihr keinen Menschen umbringt? Soll ich mich bei euch bedanken, dass ihr nicht lügt? Das ist doch wohl selbstverständlich! Eure guten Taten machen euch bei Gott nicht beliebter. Und es wäre auch schlimm, wenn ihr das Gute nur deswegen tut, bzw. das Schlechte nur deswegen lasst, damit ihr von Gott dafür belohnt werdet.“
Nirgends in der Bibel – die ja doch ein recht dickes Buch ist – verspricht Gott, uns immer und überall vor allem Übel zu beschützen.
Und selbst wenn es manche Aussagen gibt, die man in diese Richtung verstehen könnte, wie z.B. im Psalm 91, den wir eben zusammen gebetet haben, spricht doch eine Sache ganz entschieden dagegen: Nämlich das Lebensende von Jesus.
Wer, wenn nicht er als der Sohn Gottes, wäre vorherbestimmt für ein glückliches, sorgenfreies und langes Leben?
Stattdessen ein grausamer Tod mit Anfang 30, vorher verraten und verkauft, gefoltert und verhöhnt.
Warum hat er sich nicht enttäuscht von Gott abgewandt? Das hätte wohl jeder verstanden.
Aber Jesus war ein weiser Mensch voller Vertrauen ins Leben und in Gott, voller Gotteserkenntnis. Und deswegen hat er gewusst: „Wenn ich von Gott erwarte, er habe mich vor allem Leid zu beschützen, dann täusche ich mich. Ich täusche mich selbst. Und tue gut daran, mich davon ent-täuschen zu lassen.“
Jesus hat sich angesichts seines brutalen Lebensendes nicht enttäuscht von Gott abgewandt, weil er gar nicht erwartet hat, Gott müsse ihn vor allem Leid beschützen.
Was hat er aber dann erwartet?
Er hat erwartet: Gott soll zu seinem Namen stehen. Und der lautet auf Deutsch: „Ich bin da. Ich werde da sein.“ (Exodus 3,14)
Und genau das hat er getan, als er Jesus an Ostern von den Toten auferweckte.
Das ist der Grund, warum Jesus versprechen konnte: „Ich bin bei euch, in allem, was geschieht.“ (Matthäus 28, 20).
Das ist der Grund, warum er seinen Jüngern sagte: „Wenn Gott die Welt neu macht und der Menschensohn in all seiner Herrlichkeit auf dem Thron sitzen wird, dann werdet ihr ebenfalls auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten, weil ihr mir nachgefolgt seid. Jeder, der sein Haus, seine Geschwister, seine Eltern, seine Kinder oder seinen Besitz zurücklässt, um mir zu folgen, wird dies alles hundertfach zurückerhalten und das ewige Leben empfangen. Viele, die jetzt einen großen Namen haben, werden dann unbedeutend sein. Und andere, die heute die Letzten sind, werden dort zu den Ersten gehören.“ (Matthäus 19, 28-30)
Jesus will damit nicht aufs Jenseits vertrösten, sondern Hoffnung machen.
Es gibt es in unser aller Leben Knoten, die sich nicht lösen; schicksalsschwere Tiefschläge; Kröten, die geschluckt werden müssen.
Wer meint, er habe nur dieses eine Leben, der wird durch diese Kröten, Schläge und Knoten um das einzige gebracht, was er zu haben meint.
Aus Gottes Sicht steht unser Leben aber in einen viel größeren Zusammenhang. Damit wird unser Leben hier und jetzt nicht unwichtig, aber es ist Gott, der alles zusammen führt und nicht wir.
Wir sind von ihm abhängig. Ob wir es wollen oder nicht. Wir haben unser Leben nicht in der Hand. Zumindest das zeigt doch die momentane Coronakrise.
Gott als der Allmächtige und Barmherzige aber hat alles in der Hand. Sogar den Tod und das Sterben. Er wird für Gerechtigkeit sorgen. Unser Lebensende ist nicht das Ende seiner Geschichte mit uns.
IV
Als Jesus mal gefragt wurde, was denn das Wichtigste sei, hat er eben nicht gesagt: „Tue Gutes, damit es dir gut geht.“
Nein, seine Antwort war: „Liebe Gott und deine Mitmenschen wie dich selbst.“ Das ist unser Auftrag im Leben.
Es ist keine Gnade, dass ich nicht anlüge, nicht stehle, nicht töte, sondern ich bin es den anderen schuldig.
Warum sonst sagt Jesus: „Wenn ihr alles getan habt, was ich euch befohlen habe, dann sollt ihr sagen: Wir sind einfache Knechte und haben nur unseren Auftrag ausgeführt!“
Und deswegen kann und darf ich mir auf mein „Gutsein“ nichts einbilden – vor Gott schon mal gar nicht.
Man kann es auch noch anders herum sagen: Wer gegenüber Gott anfängt zu rechnen, der hat noch nicht wirklich begriffen, was beim Apostel Paulus so lautet: „Gott aber hat uns seine große Liebe gerade dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8)
V
Was bleibt denn jetzt von Glauben?
Gottvertrauen! Er liebt mich und ich kann nichts tun, damit er mich mehr liebt oder weniger. Er ist da. Ich bin mit ihm verbunden und verbinde mich mit ihm. Um dann das zu tun, was ich tun soll und was in meiner Macht steht und was Gott in meine Macht legt: Glauben, hoffen, lieben. Und Gott tut das, was in seiner Macht steht, jetzt oder später. Und lässt sich dabei noch nicht mal vom Tod aufhalten.
Vertraue ich darauf, brauche ich nicht mehr ständig ein Dankeschön vom lieben Gott. Dann trägt
der Glaube den Lohn in sich selbst.
Amen.

Predigt vom 7.6.2020

Predigt zu 1. Korinther 12, 6-11, Friedenskirche KL, 7.6.2020, Pfarrer Tilman Grabinski
(Es gilt das gesprochene Wort.)

Homeoffice ist ja in aller Munde. Lust und Frust liegen da nahe beieinander. Ein Vater hat mir erzählt, dass er jetzt immer um 6.00h morgens anfängt, damit er wenigstens zwei Stunden in Ruhe und am Stück arbeiten kann. Homeoffice ist aber gar nichts Neues. Kaum zu glauben, aber wahr: Jesus war der erste im Homeoffice! Denn an Himmelfahrt hat er sich entschlossen, wieder von zu Hause aus zu arbeiten. Und wie im Moment war das auch eine sinnvolle, sogar notwendige Entscheidung: Er sagt selbst, dass er gehen muss – wie gesagt – ins Homeoffice, damit Gott in einer neuen Form kommen kann Gott hat sich vorher in Jesus gezeigt. Und jetzt ist er als Heiliger Geist immer und überall da und wir können ihn erleben. An Pfingsten vor fast genau 2.000 Jahren hat Gott genau das in die Wege geleitet: „Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem die Jünger von Jesus sich versammelt hatten. Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederließ. So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt.“(Apostelgeschichte 2) Vor langer, langer Zeit saßen also ein Dutzend Menschen zusammen – unter sich und abgeschirmt von ihrer feindlichen Umgebung. Und auf einmal kam der Geist Gottes über sie. Und sie wurden mutig und gingen hinaus auf die Straße und erzählten allen, was für eine ungeheure Veränderung Jesus Christus in ihr Leben gebracht hatte. Erzählten von seiner Auferstehung. Erzählten, er ist der Herr und der Retter. Erzählten von der neuen Gestalt Gottes, dem Heiligen Geist, den sie bekommen haben. Und nicht nur das: „Kehrt um zu Gott!“, forderte Petrus seine Zuhörer auf. „Jeder von euch soll sich auf den Namen von Jesus Christus taufen lassen! Dann wird euch Gott eure Sünden vergeben, und ihr werdet den Heiligen Geist empfangen.“ (Apostelgeschichte 2,38) Das ist im Grunde ungeheuerlich: Gott ist in der Gestalt des Heiligen Geistes nicht nur immer und überall da, sondern um Petrus zu zitieren: „Ihr werdet ihn empfangen.“ Soll heißen: „Ihr werdet Gott empfangen.“ Der Schöpfer von Himmel und Erde; der Grund und die Ursache des Universums und allen Lebens, der Allmächtige und Barmherzige – möchte in mir seinen Platz haben. In Ihnen, in euch, in uns! Und er möchte das nicht nur – nein, er setzt seinen Wunsch um! Gott gibt dem Homeoffice eine ganz neue Dimension: Er entscheidet: Wir sind jetzt sein Home, sein Zuhause! Er hat sein Homeoffice in uns! Sagen Sie sich das mal: „Gott lebt in mir!“ „Ich bin Gottes Zuhause.“ Ich behaupte: Wenn wir uns immer darüber klar wären und das immer präsent hätten und immer glauben würden – die Angst würde aus unserem Leben verschwinden; das Gefühl, wir seien minderwertig würde verschwinden, jede Hektik oder Panik. In der Welt, in der Jesus lebte und dann seine ersten Anhänger, gab es viele Häuser für Gott und die Götter. Zwar hatten die Juden nur einen Tempel, aber die Griechen und Römer hatten viele. Ein Tempel ist ein Ort, wo man sich sicher sein kann: Dort finde ich die Gottheit. Was passiert, wenn wir diesen Gedanken zusammenbringen mit den Worten von Petrus? Richtig! Wir sind ein Tempel! Und genauso formuliert es völlig logisch und richtig auch der Apostel Paulus: „Oder habt ihr etwa vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den euch Gott gegeben hat“ (1Korinther 6,19)?

II In der Gestalt des Heiligen Geistes lebt Gott in uns. Was heißt das? Nun, es bedeutet vieles, aber jetzt möchte ich dazu einen Gedanken des Apostels Paulus auslegen. Er schrieb ihn auf in seinem ersten Brief an die Christen in der griechischen Stadt Korinth, im 12. Kapitel: „Es gibt verschiedene Wirkungen des Geistes Gottes; aber in jedem Fall ist es Gott selbst, der alles bewirkt. Wie auch immer sich der Heilige Geist bei jedem Einzelnen von euch zeigt, seine Gaben sollen der ganzen Gemeinde nützen. Dem einen schenkt er im rechten Augenblick das richtige Wort. Ein anderer kann durch denselben Geist die Gedanken Gottes erkennen und weitersagen. Wieder anderen schenkt Gott durch seinen Geist unerschütterliche Glaubenskraft oder unterschiedliche Gaben, um Kranke zu heilen. Manchen ist es gegeben, Wunder zu wirken. Einige sprechen in Gottes Auftrag prophetisch; andere sind fähig zu unterscheiden, was vom Geist Gottes kommt und was nicht. Einige reden in unbekannten Sprachen, und manche schließlich können das Gesagte für die Gemeinde übersetzen. Dies alles bewirkt ein und derselbe Geist. Und so empfängt jeder die Gabe, die der Geist ihm zugedacht hat. Jedem hat Gott seine ganz bestimmte Aufgabe in der Gemeinde zugeteilt. Aber jeder Einzelne soll sich um die Gaben bemühen, die der Gemeinde am meisten nützen.“ (1Korinther 12, 6-11.28a.31a) Natürlich hat jeder so seine Gaben, Begabungen und Fähigkeiten: das Singen, das Musizieren, das Organisieren. Mancher hat ein Verkaufstalent. Einer meiner Freunde hat die Gabe Menschen kennenzulernen und verschiedene Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Vieles davon bringen wir schon mit und vieles lernen und erwerben wir im Laufe unseres Lebens. Aber davon redet Paulus nicht. Er meint Gaben, Begabungen und Fähigkeiten, die Gottes Geist in uns hinein legt und zwar als besonderen Gaben, als besondere Geschenke an uns Christen. Das Fachwort dafür lautet „Charisma“ oder in der Mehrzahl „Charismen“: - Das Charisma, das richtige Wort zur rechten Zeit sagen zu können. - Das Charisma das zu erkennen, was Gott wichtig ist und das weiterzugeben. - Das Charisma eines tiefen Glaubens. - Das Charisma Kranke heilen zu können. Aber auch andere, die an anderen Stellen im NT vorkommen: - Das Charisma zu teilen. - Das Charisma barmherzig zu sein. - Das Charisma intensiv beten zu können. - Das Charisma besonders gastfreundlich zu sein. Und anderes mehr. Mal ein Charisma, das besonders heraussticht, mal eins, das nicht sonderlich auffällt. Auf jeden Fall aber immer gleich wichtig und nötig. Unsere Talente sind uns meist selbst bekannt und vertraut. Charismen dagegen werden erst auf dem geistlichen Weg der persönlichen Nachfolge und des Glaubens bewusst. Talente liegen offen zu Tage. Charismen erfordern oft längere geistliche Reifungswege, z.B. durch bewusstes Einüben. Gott legt viel in uns, seine Tempel, hinein. Denn er traut uns viel zu. Durch uns soll die Welt ein besserer Ort werden. Durch uns sollen sich Glaube, Hoffnung und Liebe verbreiten. Zum Wohle anderer, zum Wohle der Gemeinde, unserer Gemeinde, zum Wohle der Welt.

III Paulus meint: „Jedem hat Gott seine ganz bestimmte Aufgabe in der Gemeinde zugeteilt.“ Auf der einen Seite hat das der evangelische Teil der Christenheit mit der Reformation wieder entdeckt, aber das ist dann leider auch im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder verlorengegangen. Immer wieder wurde alles auf die Hauptamtlichen gesetzt, auf die Priester, Pfarrer, Diakone. Das entspricht aber nicht der Idee Gottes, die er mit seinem Homeoffice umsetzte. Wie war in der Schriftlesung zu hören? „Ihr alle seid der eine Leib von Christus, und jeder Einzelne von euch gehört als ein Teil dazu. Jedem hat Gott seine ganz bestimmte Aufgabe in der Gemeinde zugeteilt.“ Alles auf die Hauptamtlichen zu setzen ist alleine schon deshalb fahrlässig, weil es davon wohl weniger geben wird. Aber vor allem aber, weil es zu einer totalen inhaltlichen Verarmung der Kirche führt, wenn es nur auf die Begabungen, Talente, Charismen und Zeit weniger ankommt.

IV Gott hat das schon immer gewusst. Deswegen auch seine Charismen, seine Geschenke, an jeden Christen. Aber was nützen Geschenke, wenn man sie nicht auspackt? Gar nichts! Eine Hilfe zum Auspacken der Geschenke haben Sie auf Ihren Plätzen. Wer am Bildschirm dabei ist, schicke uns bitte eine Mail, dann bekommt er diese Hilfe zugesandt. Nehmen Sie das mit. Füllen Sie diesen Gabentest aus. Mit relativ wenig Aufwand bringt er Sie auf die Spur, welches Charisma Sie haben könnten. Und dann nehmen Sie das Ergebnis ernst. Wenn ich jemandem etwas schenke, dann freu ich mich, wenn der Beschenkte sich freut. Noch mehr freue ich mich, wenn er das Geschenk auch nutzt. Sie machen Gott eine große Freude, wenn sie seine Geschenke nutzen und sie einsetzen. Und wer nicht weiß, wie, melde sich bei mir. Wir werden einen Weg finden. Sie werden merken, wie erfüllend es ist, das zu tun, was man kann. Jesus meint: „Alles ist möglich, wenn du mir vertraust.“ (Markus 9, 23) Soll heißen: Ich schließe mich an Gottes Kraft an und tue dann das, was in meiner Macht liegt und das, was er in meine Macht legt. Ich vertraue ihm: Er wird tun, was in seiner Macht liegt. Gott benutzt uns eben nicht nur als Homeoffice, sondern lebt und wirkt in uns. Was ist das für ein Potential!
Amen.

Predigt vom 08. März

Predigt Friedenskirche KL, 8.3.2020, Pfarrer Tilman Grabinski
(Es gilt das gesprochene Wort.)

„Betet unablässig!“ (1. Thessalonicher 5, 17)

I
Die Katze ist auf einen jungen Baum geklettert und traut sich nicht mehr runter. Der Mann nimmt daraufhin ein Seil, macht das eine Ende an der Anhängerkupp-lung des Autos fest und wirft das andere als Schlinge hoch in den Baum. Als die Schlinge sich verfängt, fährt er langsam mit dem Auto los, so dass der Baum sich nach unten biegt. Aber kurz bevor die Katze runterspringen kann, löst sich das Seil, der Baum schnellt zurück und die Katzer fliegt in hohem Bogen davon, so dass der Mann sie nicht mehr findet. Nach einigen Tagen sieht er eine Bekannte aus einer der Nachbarstraßen im Supermarkt am Katzenfutterregal und spricht sie an: „Was ist los? Ihr habt doch keine Katze und wollt doch auch keine.“ „Du hast Recht“ meint die Nachbarin, „aber unsere Tochter liegt uns schon seit lan-gem in den Ohren, dass sie eine will. Und als wir vor einigen Tagen im Garten saßen, hat sie damit wieder uns alle genervt. ‚In Gottes Namen, dann bet halt um eine Katze‘ sagte ich zu ihr. Meine Tochter schaute mich an, schloss die Augen, faltete die Hände und betete um eine Katze. Und du glaubst nicht, was in diesem Moment durch die Luft flog und genau in ihrem Schoß landete.“
Man kann so beten wie das Mädchen. Man soll auch so beten. Und doch ist Beten mehr.

II Beten meint mit Gott in Verbindung zu sein.
Nun sind wir das ja sowieso. Ich habe es schon öfter gesagt: Keiner von uns könnte einen einzigen Atemzug tun, ohne Gottes Energie und Kraft und Liebe. Das Atmen geschieht im Grunde von selbst, so wie unser Herzschlag. Niemand von uns nimmt es sich vor. Und das ist auch gut und notwendig, denn beides ist elementar.
Ich weiß noch, was für ein bewegender Moment es für mich war, als bei einer Untersuchung ein Ultraschall von meinem Herzen gemacht wurde und ich ihm beim Schlagen zusehen konnte. „Das hält mich am Leben!“ dachte ich mir. Uner-müdlich, ohne zu ermüden pumpt es. Nur, wenn es besonders schnell schlägt oder wenn es krank wird, merken wir das überhaupt. Ansonsten arbeitet es vor sich hin, ungefähr 100.00mal am Tag. Wird jemand 80 Jahre alt, hat das Herz ungefähr drei Milliarden Mal geschlagen und man hat über 600 Millionen mal geatmet. Ist man gesund, geschah das alles ohne Mühe und ohne bemerkt zu werden.
Allein darüber, dass wir atmen und unser Herz schlägt, sind wir mit Gott und seiner Liebe verbunden.
Dass das tatsächlich so ist, kann man z.B. daran sehen, dass Jesus sich sicher ist, dass Gott weiß, wie viele Haare wir haben (Lukas 12, 7). Das ändert sich ja lau-fend - spätestens nach jedem Duschen sehen wir das im Haarsieb. Gott muss uns also sehr nahe sein, wenn er diese täglichen Änderungen mitbekommt.
Jesus sagt dazu: „Gottvater, so wie du in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns fest miteinander verbunden sein. Ich habe den Menschen gezeigt, wer du bist, Vater im Himmel, und werde es weiter tun. So wird die Liebe, die du zu mir hast, auch sie erfüllen und ich werde in ihnen leben.“ (Johannes 17, 21.26)
Beten meint unter anderem, dass wir bewusst eintreten in diese uns unbewusste Verbindung. Es ist so vielmehr als dass ich bewusste Worte an Gott richte mit dem, was ich will und mir wichtig ist. Das ist es auch. Aber wenn das Beten doch ausdrückt, dass ich eine Beziehung zu Gott eingehe und habe und mich mit ihm verbinde, dann kann man das vergleichen mit unseren menschlichen Beziehun-gen: Wenn ich mit jemandem eine gute Beziehung habe, dann rede ich mit dem oder der anderen doch nicht nur darüber, was ich will. Nein, dann denke ich an ihn oder sie. Dann gibt es oft eine wortlose Verbindung; dann fühle ich mich beim andere einfach wohl, ohne dass wir ständig reden müssen; dann leide ich darunter, wenn wir getrennt sind; dann interessiert es mich, wie es dem andere geht.
Beten meint, dass wir bewusst eintreten in die uns unbewusste Verbindung, die Gott ständig zu uns hat.

III
Und wenn schon alleine die unbewusste Verbindung zu Gott uns am Leben hält, was bewirkt dann erst eine bewusste?
Jesus war ständig in Verbindung mit Gott – bis auf einmal und das war der Mo-ment seines größten Schmerzes, schlimmer als der Tod! (Markus 15, 34) Und weil er ständig in Verbindung mit Gott lebte und sich dessen auch bewusst war, konnte er großartige Dinge vollbringen, konnte selbstbewusst leben, konnte in jedem Moment hoffen, lieben und glauben.
Und deswegen sagt er zu uns: „Ich versichere euch: Wer im Glauben mit mir ver-bunden bleibt, wird die gleichen Taten vollbringen, die ich tue. Ja, er wird noch größere Taten vollbringen, denn ich gehe zum Vater. (Johannes 14, 12) Ich versi-chere euch: Wenn ihr glaubt und nicht im Geringsten daran zweifelt, dass es wirklich geschieht, könnt ihr zu diesem Berg sagen: ›Hebe dich von der Stelle und stürze dich ins Meer!‹, und es wird geschehen.“ (Markus 11, 23)
Was meint Jesus damit? So wie ich das verstehe, sagt er damit, dass wenn wir mit ihm verbunden sind, uns noch ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen als wir uns das vorstellen können. Zu glauben meint sich Gott mit seiner Kraft anzuvertrauen (Johannes 1, 12). „Und dann sollt ihr erfahren, wie uner-messlich groß die Kraft ist, mit der Gott in uns wirkt. Es ist dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckte.“ (Epheser 1, 19f)
Dieselbe Kraft, die Jesus vor 2000 Jahren von den Toten auferweckt hat steht uns zur Bewältigung unseres Alltags zur Verfügung. Wir müssen sie nur in Anspruch nehmen. Kein Problem, in dem Sie stecken, ist zu groß für Gott. Und für ihn gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Viel zu oft sind unsere Gebete zu bescheiden, denn Gott gibt am liebsten große Gaben. Von einigen habe ich vor fünf Wochen er-zählt.
Deswegen wimmelt es im Neuen Testament von Empfehlungen zu beten: „Am wichtigsten ist, dass die Gemeinde beständig im Gebet bleibt. Betet für alle Men-schen; bringt eure Bitten, Wünsche, eure Anliegen und euren Dank für sie vor Gott.“ (1Timotheus 2,1)
“Hört niemals auf zu beten. Dankt Gott, ganz gleich wie eure Lebensumstände auch sein mögen. All das erwartet Gott von euch, und weil ihr mit Jesus Christus verbunden seid, wird es euch auch möglich sein." (1Thessalonicher 5, 17f)

IV
“Hört niemals auf zu beten.“ Was soll das heißen? Denn man hat doch noch an-deres zu tun, als ständig die Hände zu falten! Und wenn alle Mönche oder Non-nen wären, würde es auch schwierig in der Welt.
Ich möchte euch zum Schluss eine Art zu beten vorstellen, die das möglich macht. Es ist das sogenannte Herzensgebet und meint das ständige Beten eines kurzen Gebetes wie z.B. „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ oder „Herr Jesus Christus, steh mir bei“ verbunden mit dem Ein- und Ausatmen. Aber der Reihe nach.
„Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Diese Gebetsworte sind schon uralt. Als erster betete sie ein blinder Bettler, Bartimäus. Er rief zu Jesus: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Markus 10,47). Und bereits vor 1.500 Jahren fing man an, das regelmäßig zu beten.
Herzensgebet heißt es, weil das Herz nicht nur ein körperliches Organ ist, son-dern in einem spirituellen Verständnis meint es in erster Linie die Gesamtheit der menschlichen Person. Das Herz ist das zentrale Organ des menschlichen Seins, des innersten Menschen. Es ist das innerste und eigentliche Selbst. Es ist die Mitte des Bewusstseins und des Unbewusstseins, des Körpers, der Seele und des Geistes – die absolute Mitte.
„Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Nicht, weil wir so erbärmlich wären, sondern weil wir Kinder Gottes sind, seine Söhne und Töchter. In der hebräi-schen Sprache meint das Wort „Erbarmen“ das Gefühl, das eine Mutter überfällt, wenn sie ihr neugeborenes Kind schreien hört, und das sie treibt, sich um es zu kümmern, sich seiner zu erbarmen. Um dieses Gefühl bitten wir bei Gott, wenn wir im Gottesdienst vor dem Vater unser beten und dabei zusammen sagen „Herr, erbarme dich.“
„Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Bei aller Demut sind und bleiben wir eins: Kinder des allmächtigen und barmherzigen Gottes. Wer darauf wirklich vertraut, der kann erhobenen Hauptes durchs Leben gehen. Ich bin Gott es wert, dass er mich hört. Gott will wissen, was mir wichtig ist.
Und dann diesen kurzen Satz damit verbinden, das wir einatmen und ausatmen. Einatmen – „Herr, Jesus Christus,“ Ausatmen – „erbarme dich meiner.“
Einatmen – „Herr, Jesus Christus,“ Ausatmen – „erbarme dich meiner.“
Ich praktiziere das selber seit vielen Jahren und in der letzten Zeit wieder ver-mehrt. Ich atme ja sowieso und wenn ich das mit diesem Gebet verbinde, dann kann ich beten, während ich mit gewohnten Tätigkeiten beschäftigt bin. Ich kann es einmal oder mehrmals in den verschiedensten Situationen über den Tag ver-teilt sprechen. Ich kann es beim Abwaschen sprechen, beim Warten auf den Bus, beim Stau im Straßenverkehr, bei schwierigen Gesprächen, beim Einschlafen, beim Spazieren gehen, bei einfachen Arbeiten, wenn ich nachts wach liege. Es ist so einfach.
Einfach bewusst eintreten in die uns unbewusste Verbindung, die Gott ständig zu uns hat. Einfach ihn ständig für mich und die anderen und die Welt bitten, dass er Erbarmen haben soll. Einfach eintreten in sein Kraftfeld. Einfach mit ihm verbunden sein. Einfach sich vergewissern, dass Gott zu mir steht und ich zu ihm. Einfach Hoffnung finden. Einfach Großes bewirken. Einfach ausprobieren!

Predigt vom 26. Januar - Friedenskirche Kaiserslautern

Epheser 1, 19.20 - Die Kraft Gottes (Es gilt das gesprochene Wort)
19 und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke. 20 Mit ihr hat er an Christus gewirkt, als er ihn von den Toten auferweckt hat und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel

I „Ihr sollt erfahren,“ schreibt der Apostel Paulus, „wie unermesslich groß die Kraft ist, mit der Gott in uns, den Glaubenden, wirkt. Es ist dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckte" (Epheser 1,19-20) „Das hat ein guter Teil der evangelischen Christenheit in Deutschland komplett vergessen.“ So hat es uns eine Theologieprofessorin (Sabine Bobert) auf der Fortbildung erzählt, an der ich vor zwei Wochen teilgenommen habe.
Was haben wir denn vergessen?
- Z.B., dass es beim Glauben es nicht nur darum geht, etwas zu erkennen, sondern auch darum etwas zu erfahren.
- Z.B., dass Gott nicht irgendwer irgendwo ist, sondern in uns wirkt.
- Z.B., dass die Auferstehung von Jesus der Dreh- und Angelpunkt ist und nicht eine bestimmte Geisteshaltung oder eine moralische Grundhaltung.
- Z.B., dass es beim Glauben nicht nur um Worte geht, sondern um Kraft.

II Aber stimmt das alles denn überhaupt? Was soll das Gerede um diese Kraft Gottes? Ich habe mal in der Bibel nachgeschaut, was es mit ihr auf sich hat: „Im selben Augenblick merkte Jesus, dass heilende Kraft von ihm ausgegangen war.“ (Markus 5, 30) „Jesus sagt: Ich werde den Heiligen Geist zu euch herabsenden, den mein Vater euch versprochen hat. Bleibt hier in Jerusalem, bis ihr diese Kraft von oben empfangen habt!« (Lukas 24, 49)„Der Apostel Paulus sagt: Euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes rettende Kraft.“ (1. Korinther 2, 1-5) „Die Herrschaft Gottes besteht nicht in großem Gerede, sondern in der Erfahrung seiner Kraft mitten unter uns.“ (1. Korinther 4, 20) „Der Apostel Stephanus vollbrachte öffentlich durch Gottes Gnade und Kraft große Zeichen und Wunder.“ (Apostelgeschichte 6, 8) Viele Worte um die erfahrbare Kraft Gottes.

III Es gibt tatsächlich viel mehr als ich wissenschaftlich erfassen und begreifen kann. Und deswegen gehört ja auch Glauben zur Welt dazu. Zuerst einmal ganz simpel: Ohne Glauben und Vertrauen funktioniert unser Leben nicht. Und Christen glauben und vertrauen Gott, vertrauen sich Gott an und geben zu, dass sie nicht alles selbst im Griff haben. Ich verstehe mich als sein Kind und er ist mein guter, liebevoller Vater. Er ist größer als mein Verstand. Er umschließt ihn. Er ist größer als die Welt. Er umschließt sie. Und das macht die Welt größer! Zu glauben engt unsere Sicht auf das Leben und die Welt nicht ein, sondern weitet sie. Zu glauben im Sinne von Gottvertrauen erweitert den Horizont und schafft ungeahnte Möglichkeiten! Denn ich habe dann Zugang zur Energie und Kraft Gottes. Und es ist nicht mehr nur allein mein Verstand, so wichtig und unverzichtbar er auch ist, der darüber entscheidet, was wahr und richtig und vor allem was möglich ist.

IV Aber wie kann ich wissen, ob es diese Kraft gibt? Nun, wir wissen von ihr unter anderem durch dieses Buch hier – die Bibel. Ich weiß, dass viele sog. „aufgeklärte“ Menschen meinen, sie stimme eh nicht. Aber es gibt ein paar Beobachtungen, die mich das anders sehen lassen. Da ist zum einen der Anfang des Lukas-Evangeliums: „Verehrter Theophilus! Schon viele haben versucht, all das aufzuschreiben, was Gott unter uns getan hat, so wie es uns die Augenzeugen berichtet haben, die von Anfang an dabei waren. Auch ich, Lukas, habe mich entschlossen, allem von Anfang an sorgfältig nachzugehen und es für dich der Reihe nach aufzuschreiben. So wirst du feststellen, dass alles, was man dich gelehrt hat, zuverlässig und wahr ist.“ (Lukas 1 1-4) So beginnt keine Sammlung von Mythen, Sagen und Märchen. Die fangen an mit „Es war einmal“.Bis auf einen behaupten alle Texte im Neuen Testament, dass sie entweder von Augenzeugen von Jesus herstammen oder auf deren Berichte und Erlebnisse beruhen.
Der früheste Text aus dem NT ist ein Brief von Paulus, der nur 20 Jahre nach dem irdischen Leben von Jesus geschrieben wurde. Und in diesem Brief sagt er: „Jesus wurde begraben und am dritten Tag vom Tod auferweckt. Er hat sich zuerst Petrus gezeigt und später allen aus dem engsten Kreis der Jünger. Dann haben ihn mehr als fünfhundert Brüder und Schwestern zur gleichen Zeit gesehen, von denen die meisten heute noch leben; einige sind inzwischen gestorben.“ (1. Korinther 15, 4-6). Warum schreibt man das? Wenn man da mal unvoreingenommen rangeht, dann gibt es nur eine vernünftige Antwort: Weil Paulus sich sicher ist, dass das alles stimmt mit Jesus und dem, was er gesagt und getan hat und dass der Glaube nicht unvernünftig ist – schließlich kann man da ein paar hundert Menschen dazu befragen und sie werden das bestätigen. Und es gibt nur einen Grund das anzuzweifeln. Nämlich den, das man sich das alles nicht vorstellen kann. Aber dann ist meine Vorstellungskraft das Maß aller Dinge. Und wenn das nicht überheblich ist, dann weiß ich auch nicht.Nein, da ist eine Kraft. Die erfahrbare Kraft Gottes.

V Durch diesen Raum laufen momentan viele Wellen, läuft viel Energie und viel Kraft. Ich sehe davon nichts, aber wenn ich mein Handy anmache, dann kann ich hier Videos empfangen, telefonieren und wenn ich ein Radio dabei hätte, könnte ich hier Radio hören. Mit dem richtigen Empfänger können wir die Wellen, die Energie und die Kraft wahrnehmen.Was ist der richtige Empfänger für Gottes Kraft?
Das erste ist diese demütige Erkenntnis: Es gibt mehr als ich sehen und mir vorstellen kann. Die Welt ist größer als mein Verstand und Gott ist größer als die Welt und deswegen auch größer als mein Verstand. Und dann ein Vertrauen und eine Entscheidung. Ich vertraue mich diesem Gott mit seiner Kraft an (Johannes 1, 12). „Und dann sollt ihr erfahren, wie unermesslich groß die Kraft ist, mit der Gott in uns wirkt. Es ist dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckte.“Das griechische Wort für „Kraft“, das hier steht, heißt „dynamis“ - Dynamit. Eine Kraft, die uns heute noch zugänglich ist, um unser Leben zu verändern.- Da hatte ich Kontakt zu einer Frau, deren Leben völlig durcheinander war: Keine Ausbildung, kein Job, Schulden, vier Kinder, eins davon behindert, Lebensgefährte drogenabhängig und der klaut das Essensgeld, Wohnung gekündigt, das Jugendamt im Anmarsch um die Kinder wegzunehmen, jeder Weg verschlossen. Gebetet haben wir. Gebetet um ein Wunder, um die Kraft Gottes. Heute schickt sie immer mal wieder eine Nachricht: Neuer Mann, glückliche Beziehung, neue Wohnung, ihr und den Kindern geht es gut.Da ist die Frau, die mir erzählt, wie verzweifelt sie war, als ihre Waschmaschine kaputt ging, weil sie kein Geld für eine neue hatte und sich damit an Gott wandte. Und dann kommt ein wildfremder Mann auf sie zu und gibt ihr das benötigte Geld mit den Worten: „Ich habe den Eindruck, ich soll ihnen das geben.“Dieselbe Kraft, die Jesus vor 2000 Jahren von den Toten auferweckt hat steht uns zur Bewältigung unseres Alltags zur Verfügung. Wir müssen sie nur in Anspruch nehmen. Kein Problem, in dem Sie stecken, ist zu groß für ihn. Und für ihn gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Viel zu oft sind unsere Gebete zu bescheiden, denn Gott gibt am liebsten große Gaben.
- Da spreche ich mit einem Witwer, der mir davon erzählt, was für ein glückliches Leuchten über das Gesicht seiner Frau gekommen ist in dem Moment als sie starb. „Sie muss etwas Wunderschönes gesehen haben“ sagt ihr Mann. Wissen Sie, was die ersten Worte Jesu nach seiner Auferstehung waren? „Habt keine Angst!" (Matthäus 28, 9) Gottes Kraft ist nämlich stärker als selbst der Tod.
- Da ist die Frau, die mir erzählt, dass sie sich um ihren alten  und kranken Vater kümmerte bis er starb. Das wirklich Besondere daran ist, dass ihr Vater ihre ganze Familie kaputt gemacht hatte durch seine ständigen und öffentlich gelebten Affären. Die Mutter starb an gebrochenem Herzen. Die Frau hätte also allen menschlichen Grund ihren Vater links liegen zu lassen. Aber dann erlebte sie die göttliche Kraft der Vergebung und konnte ihrem Vater verzeihen. Sie fand Frieden für sich und mit ihrem Vater.

VI Zu glauben kann man damit vergleichen eine Landkarte eines zuerst unbekannten Landes zu benutzen. Da gibt es viel zu entdecken und zu erfahren. Aber woher weiß ich, dass die Karte stimmt? Schließlich war ich hier ja noch nicht. Nun, man vertraut darauf, dass die, die Karte gemacht haben, Bescheid wissen, bzw. man vertraut denen, die schon mal da waren und es überprüft haben. Aber wissen tut man es erst, wenn man losgeht und das Land mit Hilfe der Karte selbst erkundet. Natürlich kann ich zu Hause bleiben bei dem, was ich schon immer kenne. Aber ich kann mich auch aufmachen zu einer Reise in das Land des Glaubens, um meinen Horizont zu erweitern und Gottes Kraft ernst nehmen und in Anspruch nehmen. Natürlich ist dann einiges ungewiss, schließlich ist es eine Reise. Aber das Wichtigste ist sicher: Gottes Kraft vertreibt die Angst. Wunder werden geschehen. Der Tod wird unsere Reise nicht beenden und wir kommen immer nach Hause.

Predigt Friedenskirche, 26.1.20, Pfarrer Tilman Grabinski – es gilt das gesprochene Wort

Wer von Ihnen kann altgriechisch? Wer althebräisch? Wer hat Theologie studiert? So wenige? Das ist aber bedauerlich. Denn dann kann keiner von Ihnen mit der Bibel etwas anfangen! Nicht, dass ich das so denken, aber es gibt tatsächlich viele Menschen, die das meinen: „Ohne ein Studium der Theologie kann man die Bibel nicht verstehen. Und deswegen braucht es Experten, die Ahnung haben; die wissen, wie es richtig ist. Aber ich kann das nicht.“ Aber wenn man sich die letzten 2.000 Jahre anschaut, dann stellt man fest: Die allermeisten Christen waren und sind keine Wissenschaftler, die allermeisten Christen konnten und können keine Ursprachen und die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte waren die meisten Menschen nicht sonderlich gebildet – und trotzdem glaubten und glauben so viele Menschen trotzdem!
Das Wesentliche ist anscheinend für jeden immer verständlich –  das sagt die Erfahrung. Und wenn das wahr ist, kann jeder sie verstehen. Es ist klar, dass die grundlegende Urkunde unsres Glaubens die Bibel ist. Genauso klar ist, dass längst nicht alle Christen sich in ihr auskennen. Dabei wissen wir alles Wichtige über Gott bzw. Jesus nur aus der Bibel. Es gibt keine andere schriftliche oder mündliche Quelle, die uns auch nur annähernd einen solchen Zugang zu Gott bzw. zu Jesus eröffnen kann. Das bedeutet: Wir können unser Gottes- und Jesusverständnis nur aus der Bibel gewinnen. Insofern gibt es zur Bibel keine Alternative und für sie keinen Ersatz. Gott redet durch die Bibel zu uns Menschen, zu unserem Herz und Gewissen. Das lehrt die Erfahrung aus vielen Jahrhunderten. Wir können in der Bibel Gott begegnen und durch die Bibel zu ihm finden. Gott schenkt uns durch die Bibel den Glauben und den Heiligen Geist. Er lehrt uns auch durch die Bibel alles, was für unsere Gemeinschaft mit Gott wichtig ist.

II Wie kommt es aber nun zu einer solchen Einschätzung, dass in der Bibel nur Experten richtig Bescheid wissen können? Wie kommt es, dass so viele Christen sich in ihr nicht auskennen und deswegen große Gefahr laufen, dass ihr Glaube flacher und farbloser bleibt als es gut ist? Nun, das hat mit einer alten Entwicklung zu tun, die vor gut 250 Jahren begann – der Aufklärung. Diese Bewegung hatte eine einfache und doch bahnbrechende und weltverändernde Erkenntnis: Wir haben einen gottgegebenen Verstand und sollen, können und müssen ihn einsetzen. Wir sollen, können und müssen selber denken; selber Entscheidungen fällen! Und infolgedessen kam es zu einem nie gekannten Siegeszug der Vernunft und der Wissenschaften in Europa und Nordamerika, der unsere Welt dauerhaft veränderte und bis heute prägt. Vernunft gegen Aberglauben und Borniertheit. Vernunft gegen Leichtgläubigkeit und Vorurteile. Wichtig sind Daten und Fakten. Wichtig ist das, was man messen kann. Die Vernunft steht über allem. Die Vernunft mit dem, was sie sich vorstellen kann. Und wenn man sich schon mit dem Glauben beschäftigt und mit der Bibel als grundlegender Urkunde unseres Glaubens, dann ist es im Zuge der Aufklärung und dieses Denkens nur logisch, dass das auch nur mit dem Verstand geschehen soll. Und in diesem Zusammenhang wurde die Bibel als historische Urkunde entdeckt! Man untersuchte sie mit wissenschaftlichen Methoden. Man stellte fest: Sie ist eine Sammlung unterschiedlicher Bücher aus verschiedenen Zeiten, geschrieben von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Ländern zu unterschiedlichen Themen. Sie ist eine Sammlung voller Lyrik und Poesie, voller Ahnenregister, Geschichten über Gott und die Welt. Man stellte fest, dass viele der biblischen Texte zuerst mündlich überliefert wurden und dann zusammengestellt wurden. Es gibt unterschiedliche Akzente und Schwerpunkte und Perspektiven. So weit, so gut. Aber dann ging man einen Schritt weiter. Man stellte einen Gegensatz her zwischen Vernunft und Glauben. Man sagte: „Vernünftige Menschen glauben nicht.“ Man meinte, die Vernunft sei das Wichtigste. Und die, die mit ihrer Vernunft die Welt betrachten und erforschen – die Wissenschaftler – sind die Wichtigsten, sind die Experten. Und die Theologen wurden zu den Experten der Bibel und des Glaubens. Und die Bibel wurde zu einem sogenannten „Dokument des Glaubens“, dem man nicht so richtig trauen kann, weil es so viel enthält, was man mit dem Verstand nicht erfassen kann, wie z.B. Wunder. Sie wurde zu einem Buch mit einem historischen Kern, der dann aber von rückständigen Menschen mit einem unwissenschaftlichen Weltbild zugeschüttet wurde mit Mythen, Sagen und Legenden. „Die Bibel stimmt eh nicht“ – Das ist die Meinung vieler sog. „aufgeklärter“ Menschen. Wunder sind nicht erklärbar, nicht vernünftig, also gibt es sie nicht. Aber weil sie nun mal in der Bibel zu finden sind, muss man sie weg erklären.

III Aber wer sagt mir, dass wir heute besser sehen als damals? Warum sollen wir heute Jesus besser verstehen als wenige Jahrzehnte nach Jesus, als Augenzeugen oder Christen, die Augenzeugen kannten, angefangen haben, ihre Erlebnisse mit Jesus und ihre Gedanken dazu aufzuschreiben? Woher weiß ich denn, dass es stimmt, dass Vernunft das höchste und wichtigste im Leben sein soll? Da ist doch zum einen die Tatsache, dass für vieles Wichtige im Leben die Wissenschaft keine große Hilfe ist. Denn sie kann die wirklich wichtigen Fragen gar nicht beantworten: „Wozu bin ich eigentlich auf der Welt?“ „Wie finde ich den Menschen, mit dem ich glücklich werde?“ „Wie werde ich überhaupt glücklich und zufrieden?“ „Wie überwinden wir unseren Egoismus, um die Welt zu retten?“ Solcher Fragen sind nicht wissenschaftlich zu beantworten. Selbst wenn die Diskussion darum, wie das Universum und die Welt entstanden sind, zweifelsfrei entschieden wäre, würde uns das nicht helfen, unser Leben zu bewältigen. Und es kommt noch etwas Anderes hinzu: Was war nicht schon alles einmal wissenschaftlich bewiesen?
Als die Eisenbahn im 19. Jahrhundert aufkam, haben Wissenschaftler Gutachten dazu geschrieben, dass unser Gehirn für Geschwindigkeiten nicht gemacht ist, die schneller sind als ein Pferdefuhrwerk. „Eisenbahnfahren macht verrückt“ war ihre wissenschaftliche Meinung. Als der Arzt Ignaz Semmelweis im 19. Jahrhundert forderte, dass Ärzte sich vor einer Operation die Hände waschen sollten, wurde das als „spekulativer Unfug“ abgetan. Wozu braucht man bitteschön Hygiene – so im Allgemeinen oder gar in einem OP-Saal? Es gibt unzählige Dinge, die die Wissenschaft mal felsenfest behauptet hat und die inzwischen widerlegt sind. Denn die Welt ist größer als mein Verstand.

IV Glauben gehört auch zur Welt dazu. Wer glaubt, vertraut. Zuerst einmal ganz simpel. Ohne Glauben und Vertrauen funktioniert unser Leben nicht. Wir vertrauen dem Busfahrer, dem Automechaniker, dem Architekten, dem Arzt, unseren Eltern, dem Partner, den Kindern, … Christen vertrauen Gott. Vertrauen sich Gott an. Vor zwei Wochen habe ich dazu das Bild benutzt, dass zu glauben meint, in die Schubkarre zu steigen. Ich vertraue mich Gott an und gebe zu, dass ich nicht alles selbst im Griff habe. Wenn ich glaube, dann mache ich meine Augen auf und sehe, dass Gott da ist. Ich bin sein Kind und er ist mein guter, liebevoller Vater. Er ist allmächtig, ich bin es nicht. Er ist allwissend, ich bin es nicht. Er weiß Bescheid und ich nicht. Er ist größer als mein Verstand! Und genau diese Erkenntnis macht die Welt größer! Glaube engt unsere Sicht auf das Leben und die Welt nicht ein, sondern weitet sie. Glauben und Denken widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich. Wenn man eins weglässt, wird es sehr bald gefährlich, denn zu glauben ohne zu denken macht fanatisch. Denken ohne zu glauben macht barbarisch. Nicht, dass jeder, der nicht glaubt, ein Barbar ist, aber bis jetzt haben alle gesellschaftlichen Systeme, die meinten auf Gott und den Glauben verzichten zu können, nur Terror, Blut und Tod gebracht. Man schätzt, dass der Kommunismus, der eben versucht hat die Welt und die Menschen ohne Gott zu denken, 100 Millionen Tote mit sich gebracht hat!
Ein gläubiges Denken und einen durchdachten Glauben – das hatte Jesus. Was war das Ergebnis? Er konnte Kranke heilen, Gottes Stimme hören, übers Wasser laufen und verspricht uns: „Wer an mich glaubt, wird die gleichen Taten vollbringen wie ich, ja sogar noch größere.“ (Johannes 14,12) Glauben erweitert den Horizont und schafft ungeahnte Möglichkeiten! V Und ich als Theologe glaube doch nicht mehr, tiefer oder besser als irgendein Nichttheologe. Ich weiß mehr, aber der Hauptbestandteil des Glaubens ist doch das Vertrauen. Ich werde nie vergessen, wie ich mit einer Frau, der es schlecht ging, zusammengesessen habe und sie einen 3000 Jahre alten Psalm gelesen hat, den der israelitische König David formuliert hat: „Meine Kraft schwindet wie Wasser, das versickert, und alle meine Knochen sind wie ausgerenkt. Mein Herz verkrampft sich vor Angst, und meine ganze Kraft ist dahin, verdorrt wie eine staubige Tonscherbe. Die Zunge klebt mir am Gaumen. Du lässt mich im Tode versinken. Eine Meute böswilliger Menschen umkreist mich, gierig wie wildernde Hunde. Hände und Füße haben sie mir durchbohrt. HERR, wende dich nicht länger von mir ab! Nur du kannst mir neue Kraft geben, komm mir schnell zu Hilfe! Und tatsächlich, Herr: Du hast mich erhört!“ (Ps 22, 15.16.20.22f). Erschüttert hat die Frau festgestellt, dass da von ihr, ihrem Zustand, ihren Gefühlen die Rede ist. Die alten Worte waren wahr! Die Erfahrung zeigt: Die Bibel ist wahr, im Sinne von lebenswahr, obwohl es sein kann, dass die Wissenschaft nachweist, dass sie im Einzelfall mal nicht stimmt! Das wir aber darauf vertrauen können, dass sie in den allermeisten Fällen stimmt, darüber predige ich demnächst. Wer die Bibel nicht als das große Buch der Gottesbeziehungen und Gotteserfahrungen liest, wer die Bibel ausschließlich mit wissenschaftlicher Logik untersucht, der wird ihr nicht gerecht. Wer nur glaubt, was er vom Verstand her begreifen kann, der lebt in einer armen Welt. Für den gibt es keine Musik, keine Malerei, keine Schönheit, denn Schönheit ist nicht vernünftig. Genau so wenig wie Freude, Liebe, Hoffnung oder Selbstvertrauen. Zum Glauben gehört das Vertrauen, das Gott da ist und handelt und noch heute handelt! Das haben die Menschen, die die Bibel geschrieben haben und die, die Jesus erlebt haben, gewusst und erlebt. Und sie waren nicht rückständig, nicht beschränkt oder ein bisschen dumm. Nein, wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.

VI Jesus sagt: „Was ich euch sage, sind nicht meine eigenen Gedanken. Es sind Gottes Worte. Wer von euch bereit ist, Gottes Willen zu tun, der wird erkennen, ob diese Worte von Gott kommen oder ob es meine eigenen Gedanken sind.“ (Joh 7,16.17) Soll erstens heißen: Wer sich nicht darum kümmert herauszufinden, wie Gott ist, was er will und denkt; wer sich nicht darum kümmert herauszufinden was Jesus getan hat, wie er gedacht hat, was er gesagt und gewollt ha und das dann auch nicht tut, dessen Glaube bleibt flacher und farbloser als er sein könnte und sollte. Und soll zweitens heißen: Traut euch, das auszuprobieren, was Jesus sagt über das Vergeben, das Lieben, das Beten, das Leben und die Wunder. Nur so kann man feststellen, ob, dass das wahre Sätze sind oder nicht. Nur so kann man feststellen, ob es Wunder gibt. Nur so kann man feststellen, ob Jesus wirklich noch da ist und lebt. Wer das schon weiß und darauf vertraut, der freue sich, vertiefe sein Wissen und Vertrauen und gebe es weiter. Wer es noch nicht weiß und noch nicht darauf vertraut, aber das möchte, der sage Gott das: „Gott, wenn du da bist, dann begegne mir jetzt bitte in meinem Leben, in der Welt, in diesem Buch.“ Und wird dann sein blaues Wunder erleben. Denn: Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.