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Predigten von Pfarrer Tilman Grabinski

Predigt 11.4.2021, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabin-ski, zu Johannes 20, 11-16 – es gilt das gesprochene Wort

11 Inzwischen war auch Maria aus Magdala zum Grab zurückgekehrt und blieb voller Trauer davor stehen. Weinend schaute sie in die Kammer 12 und sah zwei weiß gekleidete Engel an der Stelle sitzen, wo der Leichnam von Jesus gelegen hatte; einen am Kopfende, den anderen am Fußende. 13 »Warum weinst du?«, fragten die Engel. »Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben«, antwortete Maria. 14 Als sie sich umblickte, sah sie Jesus dastehen. Aber sie erkannte ihn nicht. 15 Er fragte sie: »Warum weinst du? Wen suchst du?« Maria hielt Jesus für den Gärtner und fragte deshalb: »Hast du ihn weggenommen? Dann sag mir doch bitte, wohin du ihn gebracht hast. Ich will ihn holen.« 16 »Maria!«, sagte Jesus nun. Sie wandte sich ihm zu und rief: »Rabbuni!« Das ist Hebräisch und heißt: »Mein Lehrer.«

I
Der Privatdetektiv Dupin wird vom Pariser Polizeipräsidenten um Hilfe bei der Suche nach einem Brief gebeten, der einer adligen Dame gestohlen wurde, um sie damit zu erpressen.
Darum geht es in einer der Detektivgeschichten des Schriftstellers Edgar Allan Poe [Der entwendete Brief].
Und obwohl der Täter bekannt ist, kann er trotzdem nicht verhaftet werden, da dieser Brief dann an die Öffentlichkeit käme und so großen Schaden anrichten würde. Eine Hausdurchsuchung der Polizei bleibt ohne Erfolg.
Dupin überlegt und stellt sich dann die ganz einfache Frage: Wo ist manchmal das, was wir so dringend suchen?
Und er fasst einen Plan: Er lädt sich selbst bei dem Dieb ein und hat vorher ein paar Leute organisiert, die auf der Straße einen lauten Tumult beginnen, als er mit dem Dieb in dessen Hausflur steht. Der Dieb entschuldigt sich und geht kurz ans Fenster um zu gucken.
Und diese kurze Zeit nutzt Dupin. Er schaut sich um. Tatsächlich: „Da fielen meine schweifenden Blicke auf einen abgebrauchten Kartenhalter, der an einem schmutzigen blauen Bändchen von einem kleinen Messingknopf gerade mitten über dem Kaminsims herabbaumelte. In diesem Kartenhalter, lagen fünf oder sechs Visitenkarten und ein einzelner Brief, der ziemlich beschmutzt und zerknittert schien. Er war fast ganz mitten durchgerissen, als habe man zuerst die Absicht gehabt, ihn als wertlos zu zerreißen, und sich erst später anders besonnen. Nachlässig, ja, scheinbar fast verächtlich schien er in den Kartenhalter gesteckt worden zu sein. Kaum hatte ich diesen Brief erblickt, so wusste ich, es war der gesuchte. Gerade dieser schmutzige, zerrissene und zerknitterte Zustand des Briefes, welcher den Beschauer nur zu deutlich von der Wertlosigkeit des Gegenstandes überzeugen sollte, sowie die öffentliche Zurschaustellung des Briefes überzeugten mich.“
Der Detektiv nimmt den Brief unbemerkt an sich, entschuldigt sich bei dem inzwischen zurückgekommenen Dieb und geht. Fall gelöst.
Manchmal, oft genug, ist das Gesuchte direkt vor der Nase und man sieht es nicht!
II
Genauso ergeht es einer Frau namens Maria am Ostersonntagmorgen vor knapp 2.000 Jahren.
Johannes überliefert in seinem Evangelium im 20. Kapitel wie diese Maria das leere Grab entdeckt und voller Trauer das anscheinend einzig Naheliegende denkt: Man hat Jesus gestohlen. Zwei Jünger laufen mit ihr zurück zum Grab und überzeugen sich selbst: Tatsächlich, das Grab ist leer. Dann lassen sie Maria alleine zurück.
11 Inzwischen war auch Maria aus Magdala zum Grab zurückgekehrt und blieb voller Trauer davor stehen. Weinend schaute sie in die Kammer 12 und sah zwei weiß gekleidete Engel an der Stelle sitzen, wo der Leichnam von Jesus gelegen hatte; einen am Kopfende, den anderen am Fußende. 13 »Warum weinst du?«, fragten die Engel. »Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben«, antwortete Maria. Fast alleine muss man genauer sagen. denn als sie genauer nachsieht, sieht sie dort zwei Männer sitzen -–Engel – die sie aber nicht erkennt, denn sie fragt ja auch sie, wo denn ihr Jesus ist.
Sie ist traurig, denn Jesus ist nicht da. Meint sie zumindest.
14 Als sie sich umblickte, sah sie Jesus dastehen. Aber sie erkannte ihn nicht. 15 Er fragte sie: »Warum weinst du? Wen suchst du?« Maria hielt Jesus für den Gärtner und fragte deshalb: »Hast du ihn weggenommen? Dann sag mir doch bitte, wohin du ihn gebracht hast. Ich will ihn holen.«
Sie sieht ohne zu erkennen. Das, was sie am meisten sucht, ist nicht an dem Platz, wo sie es vermutet, und deswegen sieht sie es nicht an dem Platz, wo es ist. Der, den sie am meisten sucht, ist für sie ja noch tot und deswegen muss der Mann vor ihr ja der Friedhofsgärtner sein.
So ist das, wenn man seine klaren Vorstellungen hat, wie das Leben läuft; seine klaren Vorstellungen davon, wie und wo Gott zu sein hat.
Und dann spricht Jesus sie auch noch an und stellt, um es mal vorsichtig ausdrücken, diese merkwürdiger Frage: „Warum weinst du?“
Spannt Jesus Maria auf die Folter?
Denn erst jetzt sagt er das erlösende, klärende Wort:
16 »Maria!«, sagte Jesus nun. Sie wandte sich ihm zu und rief: »Rabbuni!« Das ist Hebräisch und heißt: »Mein Lehrer.«
Jetzt hat sie den gefunden, den sie sucht – er war vor Ihrer Nase!
Aber woran lag das, das sie ihn nicht gleich erkannte und was soll diese Frage von Jesus „Warum weinst du?“
Das häufigste Versprechen Gottes in der Bibel lautet: „Ich bin bei euch!“ Das sagt Gott zu Abraham, Isaak und Jakob, zu Mose und dem Volk Israel, zu König David und zig anderen.
Jesus bekommt in der Vorausschau seines Kommens im AT den Namen „Immanuel“, d.h. „Gott ist mit uns“ (Jesaja 7,14), Jesus verspricht das seinen Jüngern, er verspricht es uns: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt!“ (Matthäus 28,20)
Und doch stellt sich Maria - aber eben nicht nur sie! - die Frage: „Wo ist er denn? Ich spüre, ich merke ihn gar nicht. Dann, wenn ich ihn am dringendsten brauche, scheint er nicht da zu sein.“
Und gleichzeitig ist er direkt vor ihren Augen!
III
Jetzt ist diese uralte Geschichte ja nicht nur aufgeschrieben worden, damit wir wissen, wie es damals war!
Nein, die Frage ist: Wenn Gott, wenn Jesus tatsächlich da ist, so wie er es versprochen hat, wie merken wir das?
Es gibt ja Momente, da ist das klar oder zumindest sehr deutlich. So wie bei Noah, der nach der Sintflut von Gott den Regenbogen gezeigt bekam.
So wie ich und viele andere Menschen es spürten, als sie dabei waren, wie ihre Kinder auf die Welt kamen.
So wie in diesen besonderen Momenten, in denen man mit sich und der Welt in Einklang lebt und innerlich spürt: „Es ist alles gut und sinnvoll!“
So wie wenn man betet und Großes passiert.
So wie wenn man dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen ist.
Aber solche Momente sind ja nicht die Regel! Maria wird solche Momente auch gehabt haben – schließlich wird sie zumindest bei manchen der spektakulären Wunder Jesu dabei gewesen sein.
Aber zumindest am leeren Grab von Jesus war sie von einem solchen Erlebnis und Gefühl meilenweit entfernt!
In der Geschichte von Samuel, die eben in der Schriftlesung zu hören war, gibt es einen interessanten Satz: „Der junge Samuel wohnte bei Eli und diente dem Herrn. Zu jener Zeit geschah es sehr selten, dass der Herr den Menschen durch Worte oder Visionen etwas mitteilte.“ (1Samuel 3,1) Selten, aber nicht nie!
Warum sendet Gott uns nicht jeden Tag einen Regenbogen? Warum hören wir seine Stimme nicht so deutlich wie damals der junge Samuel, der sogar davon aufwachte?
Vielleicht, weil wir lernen sollen, ihn im Alltag wahrzunehmen, statt uns auf das Außergewöhnliche zu stützen.
Vielleicht sollen wir bloß nicht auf die Idee kommen, wir hätten ein Anrecht auf die Regenbogenmomente.
Vielleicht weil er meint, wir sollten uns nicht daran gewöhnen, weil wir sonst Gefahr laufen nur noch auf ihn zu hören, wenn er laut wird – so wie das ja manchmal bei Kindern ist, die auch nur noch dann zuhören, wenn man als Vater oder Mutter seine Stimme erhebt.
Vielleicht spricht Gott in der Regel leise, damit wir so gezwungen sind zuzuhören.
Wie auch immer – fest steht eins: er spricht. Da lässt das biblische Zeugnis keinen Zweifel dran. Und wir Menschen können das wahrnehmen – in der Regel müssen wir es nur üben: V 16a: Sie wandte sich ihm zu.
Maria muss sich umdrehen, muss ihren Blickwinkel ändern, damit sie das sieht, was ja doch eigentlich vor Augen liegt.
Was bedeutet es übertragen, sich umzudrehen und den Blickwinkel zu ändern:
1. Z.B. ganz bewusst zuerst auf das Schöne und Gute im Leben und an jedem Tag schauen. Denn Gott ist der Geber aller guten Gaben, aller guten Momente am Tag. Anders gesagt: Zumindest durch die guten Momente hat Gott heute zu mir geredet. Er tut das selbst durch die schlechten, aber da brauchen wir in der Regel etwas Zeit um das zu sehen und zu verstehen (Hiob 33, 19).
2. Von Samuel hörten wir in der Schriftlesung, wie Gott zu ihm redet, er das aber nicht erkennt. Und warum? „Samuel wusste nicht, dass es der HERR war, denn Gott hatte bisher noch nie direkt zu ihm gesprochen.“ (1Samuel 3,7)
D.h.: Gott redet, aber wir erkennen das nicht ohne weiteres. Also müssen wir unseren inneren Ohren schärfen; unsere Aufmerksamkeit schulen:
Starten Sie in den Tag mit der Bitte: „Gott, ich will heute erfahren: Du bist da. Ich will deine Gegenwart spüren und deine Stimme hören.“ Achten Sie auf Ihre Träume (Hiob 33, 15). Stellen Sie Gott konkrete Fragen. Lassen Sie das, von dem Sie wissen, es ist nicht gut.
3. Jesus hat einmal gesagt: „Was ihr an Gutem für Menschen getan habt, die man gerne übersieht und übergeht, das habt ihr für mich getan.“ (Matthäus 25, 40) So wie ich das verstehe, bedeutet das u.a.: Wir haben eine Begegnung mit Gott, wenn wir Menschen treffen, denn auf eine geheimnisvolle Weise ist er in den anderen präsent. So ganz allgemein um im Besonderen in denen, die „man gerne übersieht und übergeht“. Tun Sie anderen Gutes und Sie werden dabei Gott erleben.
IV
Jetzt noch kurz zu der Frage, warum Jesus diese merkwürdige Frage an Maria stellt: „Warum weinst du?“ Man kann denken, er sagt es teilnahmsvoll und froh: „Warum weinst du denn? Es ist doch alles in Ordnung. Ich bin doch da!“
Aber vielleicht will er damit aber auch etwas anderes sagen – was ich viel eher glaube: „Warum weinst du denn? Warum glaubst du nicht, was ich dir schon x-mal erzählt habe. Dreimal habe ich ausdrücklich gesagt, dass ich sterben und auferstehen werde. Zigmal habe ich gesagt: „Fürchtet euch nicht. Ich bin doch bei euch! Warum glaubt ihr mir das nicht?“
Wie ist das bei Ihnen? Fest steht: Gott ist da. Und immer wieder auch dort, wo man ihn am wenigsten vermutet. Amen.

Predigt zum Ostersonntag (Exodus 14-15), 04. April 2021, Vikar Daniel Götzfried - es gilt das gesprochene Wort

Einstieg: Rettung

  • Wir kommen heute an Ostern nicht drum herum, von Jesus zu reden und von dem, was da in Jerusalem vor etwa 2.000 Jahren passiert ist, als drei Jüngerinnen von Jesus zum Grab kommen, fragen: „Ist da jemand?“ und verblüfft feststellen: Da ist niemand. Das Grab ist leer.
  • Ich möchte aber heute Morgen diese unglaubliche Rettungsaktion Gottes in Verbindung setzen mit einer anderen Rettungserfahrung aus dem Alten Testament: der Rettung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Denn es gibt da erstaunliche Parallelen und vor allem wird deutlich: Gott, damals wie heute, ist ein Gott, der rettet.
  • Sie alle kennen vermutlich diese spektakuläre Aktion, in der Gott die Israeliten auf trockenem Boden durch das Schilfmeer führt und sie so vor dem ägyptischen Heer rettet, das ihnen auf den Fersen ist.
  • Lassen Sie uns an drei Stationen dieser Erzählung etwas tiefer eintauchen und schauen, was das mit dem zu tun hat, was an Ostern passiert.
  • Drei Situationen, drei Erfahrungsräume: Vor dem Meer, im Meer, nach dem Meer

 

I. Vor dem Meer: Erfahrungen des Scheiterns

  • Unterdrückung, Misshandlung und Zwangsarbeit mussten die Israeliten in Ägypten viele Jahre lang erdulden.
  • Aber dann beginnt der Exodus, der Weg raus in die Freiheit.
  • Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Die Israeliten ziehen los, die Stimmung ist gut, Mose für das Volk an – und dann sitzen sie fest vor dem Schilfmeer.
  • Der Pharao lässt das nicht mit sich machen. Er schickt sein Heer los, den Israeliten hinterher.
  • Für die Israeliten wird die Luft immer dünner. Vor ihnen das Meer, hinter ihnen das ägyptische Heer. Stress entsteht. Angst kommt auf. Verzweiflung macht sich breit. Und das bringen die Israeliten dann so zum Ausdruck:
  • Sie beklagten sich bei Mose: »Gab es denn keine Gräber in Ägypten? Hast du uns in die Wüste gebracht, damit wir hier sterben? Wie konntest du uns aus Ägypten führen! Haben wir nicht schon in Ägypten zu dir gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen lieber den Ägyptern dienen! Es ist besser, dass wir in Ägypten Sklaven sind, als in der Wüste zu sterben.« (Exodus 14,11f.)
  • Blickwechsel: hin zu Ostern.
  • Auch für die Jünger von Jesus wird die Luft dünner vor dem Ostersonntag. Jawohl, das ist der Messias, denken sie. Jetzt geht’s los. Endlich jemand, der was vom Leben versteht. Ja, los geht’s mit Jesus – und dann stehen sie am Kreuz oder vor dem Grab und sind fassungslos, weil ihr Jesus, ihr Messias tot ist und damit gnadenlos gescheitert.
  • Zwei Jünger bringen ihre Trauer Jesus gegenüber zum Ausdruck. Als Jesus schon längst wieder raus ist aus dem Grab und sich den beiden zeigt, erkennen sie ihn nicht und dann bricht es regelrecht aus ihnen heraus: »Du bist wohl der Einzige in Jerusalem, der nicht weiß, was dort in diesen Tagen passiert ist? […] Das mit Jesus aus Nazaret! Er war ein großer Prophet. Das hat er durch sein Wirken und seine Worte vor Gott und dem ganzen Volk gezeigt. Unsere führenden Priester und die anderen Mitglieder des jüdischen Rates ließen ihn zum Tod verurteilen und kreuzigen. Wir hatten doch gehofft, dass er der erwartete Retter Israels ist. Aber nun ist es schon drei Tage her, seit das alles geschehen ist.« (Lukas 24,18-21)
  • Dieselbe Erfahrung bei den Israeliten vor dem Meer und den beiden Jüngern zwischen Karfreitag und Ostern: Aufbruchstimmung, endlich geht’s los – und dann kommt der große Fall.
  • Schon mal eine ähnliche Erfahrung gemacht?
  • Z.B. sich auf eine Prüfung oder Bewerbung vorbereitet, gerackert und gearbeitet – und am Ende hats doch nichts gebracht. Oder viel geplant und überlegt für die Frühlingszeit – und dann kommt Corona, alle Pläne sind dahin und die Enttäuschung ist groß. Oder etwas ganz anderes.
  • Erfahrungen des Scheiterns. Es ist Ostern. Und die österliche Freude, die wir heute feiern, ist eine Freude über die Rettung, die aus dem Scheitern erwächst. Scheitern gehört zum Leben dazu.
  • Ostern bedeutet nicht eine Rettung vor dem Tod, sondern eine Rettung aus dem Tod oder durch den Tod hindurch. Durch die Angst und die Verzweiflung, durch den Stress und die Trauer hindurch rettet Gott.
  • So auch bei den Israeliten, wenn wir der Erzählung zur zweiten Station folgen: Im Meer

 

II: Im Meer: Erfahrungen neuer Wege

  • Vor den Israeliten: das Meer. Hinter ihnen: das ägyptische Heer. Die Israeliten beklagen sich bei Mose. Und er antwortet: »Fürchtet euch nicht! Stellt euch auf und seht, wie der Herr euch heute retten wird! Denn so, wie ihr die Ägypter jetzt seht, werdet ihr sie nie wieder sehen. Der Herr wird für euch kämpfen. Ihr aber sollt still sein.« (Exodus 14,13f.)
  • Er streckt seine Hand über das Meer aus.Und siehe da, auf einmal tut sich sprichwörtlich ein Weg auf. Das Wasser wird zurückgedrängt und die Israeliten ziehen auf trockenem Boden durch das Meer. Links und rechts von ihnen steht das Wasser wie eine Mauer.
  • Eine völlig unbegreifliche Szene, die sich da abspielt. Ich stelle mir vor, wie sie da einen Fuß vor den anderen setzen, unsicher und zögerlich, aber gleichzeitig in Eile, weil von hinten die Ägypter anrennen. Das Wasser links und rechts wirkt bedrohlich und beängstigend.
  • Der ein oder andere mag vielleicht gedacht haben: Kann das wirklich gut gehen? Steckt hier wirklich Gott dahinter?
  • Blickwechsel: hin zu Ostern.
  • Die drei Jüngerinnen gehen zum Grab. Sie sehen: der Stein vor dem Grab ist weggerollt. Es tut sich sprichwörtlich ein Weg auf hinein ins Grab.
  • Eine ebenso völlig unbegreifliche Szene, die sich da abspielt. Wir lesen davon, dass die drei Frauen erschrecken: Kann das denn wirklich wahr sein? Steckt hier wirklich Gott dahinter? Wo ist Jesus?
  • Dieselbe Erfahrung bei den Israeliten im Meer und bei den Frauen am Ostermorgen: neue Wege tun sich auf. Aber gleichzeitig bleibt noch ein wenig Unsicherheit. Kann das wirklich sein? Ist Gott hier am Werk?
  • Schon mal eine ähnliche Erfahrung gemacht?
  • Z.B. wenn sich ein heftiger Streit löst, auch wenn das Vertrauen noch nicht wieder so da ist, wie früher. Oder wenn ich nach einer Krankheit wieder auf dem Weg der Besserung bin, aber eben noch nicht wieder bei 100%.
  • Erfahrungen neuer Wege, die sich auftun. An Ostern freuen wir uns über die Rettung, die auf neuen Wegen geschieht. Gerade da, wo noch Unsicherheit bleibt, wo noch nicht schon alles klar ist, plant Gott schon seinen Weg, der zum Leben führt.
  • So auch bei den Israeliten, wenn wir der Erzählung zur dritten Station folgen: Nach dem Meer

 

III. Nach dem Meer: Erfahrungen des neuen Lebens

  • Die Israeliten schaffen es tatsächlich auf die andere Seite. Hinter ihnen schlägt das Wasser zurück. Die Fluten vernichten die Sklaventreiber. Das, was früher Angst, Unterdrückung, Verzweiflung gebracht hat, ist nicht mehr. Zusammenfassend lesen wir: So rettete damals der Herr die Israeliten vor den Ägyptern. (Exodus 14,30)
  • Jubel bricht aus, die Freude ist groß. Mirjam, eine Prophetin, nimmt sich eine Pauke und legt los: Singt für den Herrn: Hoch und erhaben ist er. Rosse und Wagen warf er ins Meer. (Exodus 15,21)
  • Blickwechsel: hin zu Ostern.
  • Die drei Jüngerinnen stehen im leeren Grab. Dabei ist es gar nicht ganz leer. Ein junger Mann in weißem Gewand sitzt dort und versichert den Frauen: Ihr braucht nicht zu erschrecken. Ihr sucht Jesus aus Nazaret, der gekreuzigt worden ist. Gott hat ihn vom Tod auferweckt, er ist nicht hier. (Markus 16,6)
  • Jubel bricht aus.Halleluja, der Herr ist aufstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Was früher war, ja sogar der Tod selbst, ist nicht mehr.
  • Paulus schreibt davon, wie wir vorhin gehört haben: Leute, er wurde gesehen, versteht ihr, er wurde gesehen! Der gescheitert ist, der tot war, verschlossen im Felsengrab, der hat einen neuen Weg gefunden, er lebt! Jesus lebt!
  • Und es ist wichtig, dass wir auch hier von Erfahrungen sprechen. Erfahrungen des neuen Lebens. Denn natürlich: beweisen lässt sich das nicht. Wie viele haben auch den Augenzeugen nicht geglaubt! Wie viele sagen auch heute noch: Auferstehung?! Ihr spinnt doch!!
  • Aber erfahren können wir, was die Israeliten am Schilfmeer erfahren, was die Frauen am leeren Grab erfahren, was Paulus vor Damaskus erfährt: dass das Leben stärker ist als der Tod.
  • Genau darum geht es an Ostern: wir erfahren: Gott rettet! Jesus lebt! In den Erfahrungen des Scheiterns und der Angst und des Todes erkennen wir die neuen Wege, die Gott schon sieht und wir können hindurchgehen zu einem neuen Leben.
  • Ja ja, früher vielleicht mal, aber das ist doch heute nicht mehr so. Doch: Im Vertrauen auf Jesus ist das möglich auch in unserem Leben. So wie bei Paulus, der von sich selbst sagt: ich bin der geringste unter den Aposteln, […] weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. (1Korinther 15,9f.)
  • Erfahrungen des neuen Lebens. Schon mal eine ähnliche Erfahrung gemacht?
  • Denn das ist Ostern. Das ist endlich wieder Schokolade in mich reinschieben, jetzt nach der Fastenzeit. Das ist endlich wieder ein gutes Glas Wein. Das ist Vogelgezwitscher an einem Frühlingsmorgen nach dem kalten Winter, Gott schenkt neues Leben. Das ist Versöhnung nach einer echten Krise, Gott gibt und dazu Kraft. Was ist es bei Ihnen? Wir dürfen und sollten diese Erfahrungen des neuen Lebens feiern.

 

Schluss: 3 Stationen – Wo stehe ich?

  • Wir haben drei Stationen, drei Erfahrungsräume betrachtet.
  • Die Israeliten vor dem Meer, die Jünger, die um Jesus trauern: Erfahrungen des Scheiterns.
  • Die Israeliten im Meer, die Jüngerinnen im Grab: Erfahrungen neuer Wege.
  • Die Israeliten nach dem Meer, die Botschaft für die Jüngerinnen: Gott hat Jesus vom Tod auferweckt! Erfahrungen des neuen Lebens.
  • Die Frage ist: wo stehen Sie gerade in ihrem Leben? Vor dem Meer? Im Meer? Nach dem Meer?
  • Es ist Ostern. Wir kommen heute nicht drum herum, von Jesus zu reden und davon, was in Jerusalem vor etwa 2.000 Jahren passiert ist. Jesus ist auferstanden! Er lebt!
  • Und darum möchte ich Ihnen sagen: Vertrauen Sie sich Jesus an! Und erfahren Sie dann, dass auch im Scheitern neue Wege und ein neues Leben möglich sind.
  • Denn heute feiern wir den Sieg des Lebens über den Tod, weil Jesus Christus auferstanden ist!
  • Amen.

Predigt 2.4.2021, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Markus 14, 43 - 15, 47 – es gilt das gesprochene Wort

Noch während Jesus im Garten Gethsemane sprach, kam Judas, einer der zwölf Jünger, zusammen mit vielen Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren.
Er ging direkt auf Jesus zu: »Rabbi!«, sagte er. Dann küsste er ihn. Sofort packten die bewaffneten Männer Jesus und nahmen ihn fest. Da ließen ihn alle seine Jünger im Stich und ergriffen die Flucht. Gleich darauf brachte man Jesus zum Hohenpriester. Bei ihm hatten sich alle obersten Priester, die führenden Männer des Volkes und die Schriftgelehrten versammelt. Die obersten Priester und der ganze Hohe Rat suchten Zeugen, die durch ihre Aussagen Jesus so belasten sollten, dass man ihn zum Tode verurteilen konnte. Aber es gelang ihnen nicht. Viele Zeugen brachten zwar falsche Anschuldigungen vor, doch ihre Aussagen widersprachen sich. Jetzt erhob sich der Hohepriester, stellte sich mitten unter die Versammelten und fragte Jesus: »Warum antwortest du nicht? Hast du nichts gegen diese Anschuldigungen zu sagen?« Aber Jesus schwieg. Weil er keine Antwort gab, stellte ihm der Hohepriester eine weitere Frage: »Bist du der Christus, der von Gott erwählte Retter, der Sohn Gottes?«
»Ja, der bin ich«, antwortete Jesus. »Ihr werdet den Menschensohn an der rechten Seite des allmächtigen Gottes sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.«
Empört zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: »Das genügt! Wozu brauchen wir noch weitere Zeugen? Ihr habt ja seine Gotteslästerung selbst gehört. Wie lautet euer Urteil?«
Einstimmig beschlossen sie: »Er ist schuldig. Er muss sterben.«
Darauf spuckten einige von ihnen Jesus an, verbanden ihm die Augen und schlugen mit den Fäusten auf ihn ein. »Na, du Prophet«, verhöhnten sie ihn, »sag uns, wer hat dich geschlagen?«
Auch die Diener des Hohenpriesters, die Jesus abführten, schlugen ihn. Am frühen Morgen schloss der ganze Hohe Rat seine Beratungen ab und traf seine Entscheidung. Sie ließen Jesus gefesselt abführen und übergaben ihn Pilatus, dem römischen Statthalter.
Die Soldaten brachten Jesus in den Hof des Statthalterpalastes und riefen die ganze Truppe zusammen. Sie hängten ihm einen purpurroten Mantel um, flochten eine Krone aus Dornenzweigen und drückten sie ihm auf den Kopf. Dann grüßten sie ihn voller Hohn: »Es lebe der König der Juden!« Mit einem Stock schlugen sie Jesus auf den Kopf, spuckten ihn an und knieten vor ihm nieder, um ihn wie einen König zu ehren. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, zogen sie ihm den roten Mantel aus und legten ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie ihn aus der Stadt hinaus, um ihn zu kreuzigen. Sie brachten Jesus nach Golgatha; das bedeutet »Schädelstätte«. Dort wollten die Soldaten ihm Wein mit Myrrhe geben. Aber Jesus trank nichts davon. Dann nagelten sie ihn an das Kreuz. Seine Kleider teilten sie unter sich auf und bestimmten durch das Los, was jeder bekommen sollte. Es war neun Uhr morgens, als sie ihn kreuzigten. Am Kreuz war ein Schild angebracht, auf dem man lesen konnte, weshalb man ihn verurteilt hatte. Darauf stand: »Der König der Juden!«
Die Leute, die am Kreuz vorübergingen, verspotteten ihn. Auch die obersten Priester und die Schriftgelehrten verhöhnten Jesus: »Anderen hat er geholfen, aber sich selbst kann er nicht helfen. Dieser Christus, dieser König von Israel, soll er doch vom Kreuz heruntersteigen! Wenn wir das sehen, wollen wir an ihn glauben!«
Ebenso beschimpften ihn die beiden Männer, die mit ihm gekreuzigt worden waren. Am Mittag wurde es plötzlich im ganzen Land dunkel. Diese Finsternis dauerte drei Stunden. Gegen drei Uhr rief Jesus laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« Das heißt übersetzt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Einige von den Umstehenden aber meinten: »Hört doch! Er ruft den Propheten Elia.« Einer von ihnen holte schnell einen Schwamm, tauchte ihn in Essigwasser und steckte ihn auf einen Stab, um Jesus davon trinken zu lassen. »Wir wollen doch sehen, ob Elia kommt und ihn herunterholt!«, sagte er. Aber Jesus schrie laut auf und starb.
Im selben Augenblick zerriss im Tempel der Vorhang vor dem Allerheiligsten von oben bis unten.
Der römische Hauptmann, der gegenüber vom Kreuz stand, hatte mit angesehen, wie Jesus starb, und rief: »Dieser Mann ist wirklich Gottes Sohn gewesen!«
Am Abend ging Josef aus Arimathäa, ein geachtetes Mitglied des Hohen Rates, zu Pilatus. Josef wartete auf das Kommen von Gottes Reich. Weil am nächsten Tag Sabbat war, entschloss er sich, Pilatus schon jetzt um den Leichnam von Jesus zu bitten. Pilatus war erstaunt zu hören, dass Jesus schon tot war und überließ ihm den Leichnam. Josef kaufte ein feines Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in eine Grabkammer, die in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang. Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Joses, beobachteten, wohin er Jesus legte.

Predigt
I
Jesus stirbt. Jesus, der Sohn Gottes, lebt nicht mehr. Ein Teil Gottes ist tot.
Hier sieht man ihn.
„Josef aus Arimathäa kaufte ein feines Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in eine Grabkammer, die in einen Felsen gehauen war.“
So überliefert es die Bibel. Sie erzählt auch, dass das Tuch nach der Auferstehung noch im Grab lag. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wurde dieses Tuch bis heute aufbewahrt, gut vier Meter lang und gut einen Meter breit. Auf verschiedenen Wegen und über verschiedene Stationen kam dieses Tuch aus Jerusalem nach Turin, wo es dort im Dom aufbewahrt wird. Und aus ganz verschiedenen Gründen ist sehr, sehr wahrscheinlich, dass wir hier tatsächlich den Leichnam von Jesus sehen. Dieses Tuch gilt als das am besten untersuchte Objekt der Geschichte. Der Körper ist mit bloßem Auge nur schwach zu sehen, aber genaue Untersuchungen durch Botaniker und Chemiker, Textilkundler, Gerichtsmediziner, Historiker und Bibelwissenschaftler haben gezeigt:
- Der Stoff ist so gewebt, wie man es zur Zeit von Jesus tat. Die dreieckigen Flächen sind Brandlöcher, weil das Tuch vor einigen Jahrhunderten gerade so vor einem Feuer gerettet wurde.
- Auf dem Tuch findet man Pollen von Pflanzen, die nur in der Gegend zwischen Jerusalem und dem Toten Meer vorkommen.
- Auf dem Tuch findet man Erdkrümel, deren chemische Zusammensetzung exakt die gleiche ist, wie man sie in Jerusalemer Erde findet.
- Die Flecken sind nachweislich menschliches Blut.
- Die Hände und Füße zeigen Wunden an genau den Stellen, an denen man einem Gekreuzigten die Nägel hineinhämmerte. Die Wunden sind genauso groß wie die Nägel, die die Römer für die Kreuzigung verwendeten.
- An der Seite des Körpers findet sich eine Wunde, genauso wie von einem Lanzenstich, und darunter Blut.
- Das Blut am Kopf (die hellen Flecken auf dem Bild) kommen von den Kopfverletzungen durch die Dornenkrone.
- Der Körper trägt vorne und hinten viele kleinere Wunden von der Auspeitschung, die Jesus durchmachen musste.
- Die Beine des Gekreuzigten auf dem Tuch sind nicht gebrochen, so wie Jesus die Beine nicht gebrochen wurden am Kreuz.
- Die Juden legten damals den Toten Münzen auf die Augen, damit sie zu blieben. Unter dem Mikroskop kann man durch den Abdruck der Münzen auf den Augenlidern erkennen, welche Münzen das waren. Münzen, die nachweislich in der Zeit des römischen Statthalters Pontius Pilatus geprägt wurden.
II-1
Gott sagt im Alten Testament etwas, was die Christen schon sehr bald auf Jesus und seine Kreuzigung bezogen haben (Sacharja 12, 10): „»Ich werde die Nachkommen von David und die Einwohner Jerusalems mit einem Geist erfüllen, der sie ihre Schuld erkennen lässt, so dass sie mich um Gnade anflehen. Voller Reue werden sie auf mich sehen, den sie durchbohrt haben, und die Totenklage für ihn halten, so wie man um sein einziges Kind trauert.“
Vom frühen Abend des Karfreitag bis zum Morgengrauen des Tages nach dem Sabbat war Jesus tot, und das Grabtuch von Turin zeigt uns ein Bild davon, wie sein Körper in dieser Zeit im Grab lag. Eine sehr kurze Zeit - etwa anderthalb Tage - , die aber, was ihren Wert und ihre Bedeutung angeht, unermesslich war.
               Karfreitag und Karsamstag sind am schwersten im Leben auszuhalten. Karfreitag und Karsamstag – wenn das Elend da ist, das Leid und die Traurigkeit. Wenn kein Land in Sicht ist, keine Besserung. Wenn das was getragen hat, nicht mehr da ist und wir fühlen, nein wissen: es wird nie mehr kommen.
Gott, der Vater, weiß wie es ist, ein Kind vor der Zeit zu verlieren!
Gott, der Sohn, ist in der Gestalt von Jesus gestorben und hinabgestiegen in das Reich des Todes.
Der menschgewordene Gott ist so weit gegangen, in die extreme und absolute Einsamkeit des Menschen einzutreten, wohin kein Strahl der Liebe dringt, wo völlige Verlassenheit herrscht, ohne auch nur ein Wort des Trostes. In den alten Worten: „In das Reich des Todes“.
Gott hat in Jesus nicht nur unser Sterben geteilt hat, sondern auch unser Totsein.
Ich bin mir sicher: Wir alle haben uns schon einmal furchtbar verlassen gefühlt haben – und sei es als Kind. Und ich denke, was uns am Tod am meisten Angst macht ist in der Dunkelheit alleine zu sein. Da geht es den Erwachsenen nicht anders als den Kindern, die gerne nachts noch die Tür einen Spalt weit offen haben möchten. Nur ein bisschen Licht und die die Anwesenheit eines Menschen, der uns liebt, kann uns beruhigen. Und genau das ist am Karfreitag und Karsamstag geschehen. Im Reich des Todes ist die Stimme Gottes erklungen. Die Liebe ist vorgedrungen in das „Reich des Todes“. Für die schon Verstorbenen und für uns, die wir eines Tages dazu gehören werden (vgl. 1. Petrus 4,6).
Wenn das hier wirklich das Grabtuch Jesu ist mit seinem Abdruck darauf, dann sehen wir: Es gibt keinen gottverlassenen Ort mehr, keine gottverlassene Zeit.
II-2
Gott sagt: „Sie werden auf mich sehen, den sie durchbohrt haben.“
Wenn das hier wirklich das Grabtuch Jesu ist mit seinem Abdruck darauf, dann sehen wir so etwas wie einen Abdruck Gottes in unserer Zeit. Der göttliche Himmel hat einen Abdruck hinterlassen in unserer irdischen Welt.
Gott ist nicht weltfremd im Himmel, unberührt von unserem Leben, unserem Glück und Leid, sondern lag in einem Tuch, eilig eingehüllt. Jesus hat indem er tot war, Gottes Leben und Liebe sozusagen mitgenommen ins Jenseits und hat diesen Bereich sozusagen durchschritten.
Gottes Sohn liegt da und ruht. Das Gesicht des Mannes auf dem Tuch, der das Leiden auf sich genommen hat - dieses Gesicht strahlt, wie ich finde, eine feierliche Majestät aus, entspannt nach all den Qualen der Folterung, ruhig und gelöst nach all den Schmerzen der Kreuzigung. So scheint bereits durch, was kommen wird. Denn – wie gesagt – nur kurz lag er in diesem Tuch. Während aufgrund der nachgewiesenen Totenstarre am wahren Tod des Bestatteten kein Zweifel besteht, zeigt das Tuch keine Anzeichen von Verwesung des Toten.
Wie auch, denn er brauchte es gut 36 Stunden später nicht mehr.
Amen.

Predigt 2.4.2021, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Markus 14, 43 - 15, 47 – es gilt das gesprochene Wort

Noch während Jesus im Garten Gethsemane sprach, kam Judas, einer der zwölf Jünger, zusammen mit vielen Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren.
Er ging direkt auf Jesus zu: »Rabbi!«, sagte er. Dann küsste er ihn. Sofort packten die bewaffneten Männer Jesus und nahmen ihn fest. Da ließen ihn alle seine Jünger im Stich und ergriffen die Flucht. Gleich darauf brachte man Jesus zum Hohenpriester. Bei ihm hatten sich alle obersten Priester, die führenden Männer des Volkes und die Schriftgelehrten versammelt. Die obersten Priester und der ganze Hohe Rat suchten Zeugen, die durch ihre Aussagen Jesus so belasten sollten, dass man ihn zum Tode verurteilen konnte. Aber es gelang ihnen nicht. Viele Zeugen brachten zwar falsche Anschuldigungen vor, doch ihre Aussagen widersprachen sich. Jetzt erhob sich der Hohepriester, stellte sich mitten unter die Versammelten und fragte Jesus: »Warum antwortest du nicht? Hast du nichts gegen diese Anschuldigungen zu sagen?« Aber Jesus schwieg. Weil er keine Antwort gab, stellte ihm der Hohepriester eine weitere Frage: »Bist du der Christus, der von Gott erwählte Retter, der Sohn Gottes?«
»Ja, der bin ich«, antwortete Jesus. »Ihr werdet den Menschensohn an der rechten Seite des allmächtigen Gottes sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.«
Empört zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: »Das genügt! Wozu brauchen wir noch weitere Zeugen? Ihr habt ja seine Gotteslästerung selbst gehört. Wie lautet euer Urteil?«
Einstimmig beschlossen sie: »Er ist schuldig. Er muss sterben.«
Darauf spuckten einige von ihnen Jesus an, verbanden ihm die Augen und schlugen mit den Fäusten auf ihn ein. »Na, du Prophet«, verhöhnten sie ihn, »sag uns, wer hat dich geschlagen?«
Auch die Diener des Hohenpriesters, die Jesus abführten, schlugen ihn. Am frühen Morgen schloss der ganze Hohe Rat seine Beratungen ab und traf seine Entscheidung. Sie ließen Jesus gefesselt abführen und übergaben ihn Pilatus, dem römischen Statthalter.
Die Soldaten brachten Jesus in den Hof des Statthalterpalastes und riefen die ganze Truppe zusammen. Sie hängten ihm einen purpurroten Mantel um, flochten eine Krone aus Dornenzweigen und drückten sie ihm auf den Kopf. Dann grüßten sie ihn voller Hohn: »Es lebe der König der Juden!« Mit einem Stock schlugen sie Jesus auf den Kopf, spuckten ihn an und knieten vor ihm nieder, um ihn wie einen König zu ehren. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, zogen sie ihm den roten Mantel aus und legten ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie ihn aus der Stadt hinaus, um ihn zu kreuzigen. Sie brachten Jesus nach Golgatha; das bedeutet »Schädelstätte«. Dort wollten die Soldaten ihm Wein mit Myrrhe geben. Aber Jesus trank nichts davon. Dann nagelten sie ihn an das Kreuz. Seine Kleider teilten sie unter sich auf und bestimmten durch das Los, was jeder bekommen sollte. Es war neun Uhr morgens, als sie ihn kreuzigten. Am Kreuz war ein Schild angebracht, auf dem man lesen konnte, weshalb man ihn verurteilt hatte. Darauf stand: »Der König der Juden!«
Die Leute, die am Kreuz vorübergingen, verspotteten ihn. Auch die obersten Priester und die Schriftgelehrten verhöhnten Jesus: »Anderen hat er geholfen, aber sich selbst kann er nicht helfen. Dieser Christus, dieser König von Israel, soll er doch vom Kreuz heruntersteigen! Wenn wir das sehen, wollen wir an ihn glauben!«
Ebenso beschimpften ihn die beiden Männer, die mit ihm gekreuzigt worden waren. Am Mittag wurde es plötzlich im ganzen Land dunkel. Diese Finsternis dauerte drei Stunden. Gegen drei Uhr rief Jesus laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« Das heißt übersetzt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Einige von den Umstehenden aber meinten: »Hört doch! Er ruft den Propheten Elia.« Einer von ihnen holte schnell einen Schwamm, tauchte ihn in Essigwasser und steckte ihn auf einen Stab, um Jesus davon trinken zu lassen. »Wir wollen doch sehen, ob Elia kommt und ihn herunterholt!«, sagte er. Aber Jesus schrie laut auf und starb.
Im selben Augenblick zerriss im Tempel der Vorhang vor dem Allerheiligsten von oben bis unten.
Der römische Hauptmann, der gegenüber vom Kreuz stand, hatte mit angesehen, wie Jesus starb, und rief: »Dieser Mann ist wirklich Gottes Sohn gewesen!«
Am Abend ging Josef aus Arimathäa, ein geachtetes Mitglied des Hohen Rates, zu Pilatus. Josef wartete auf das Kommen von Gottes Reich. Weil am nächsten Tag Sabbat war, entschloss er sich, Pilatus schon jetzt um den Leichnam von Jesus zu bitten. Pilatus war erstaunt zu hören, dass Jesus schon tot war und überließ ihm den Leichnam. Josef kaufte ein feines Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in eine Grabkammer, die in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang. Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Joses, beobachteten, wohin er Jesus legte.

Predigt
I
Jesus stirbt. Jesus, der Sohn Gottes, lebt nicht mehr. Ein Teil Gottes ist tot.
Hier sieht man ihn.
„Josef aus Arimathäa kaufte ein feines Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in eine Grabkammer, die in einen Felsen gehauen war.“
So überliefert es die Bibel. Sie erzählt auch, dass das Tuch nach der Auferstehung noch im Grab lag. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wurde dieses Tuch bis heute aufbewahrt, gut vier Meter lang und gut einen Meter breit. Auf verschiedenen Wegen und über verschiedene Stationen kam dieses Tuch aus Jerusalem nach Turin, wo es dort im Dom aufbewahrt wird. Und aus ganz verschiedenen Gründen ist sehr, sehr wahrscheinlich, dass wir hier tatsächlich den Leichnam von Jesus sehen. Dieses Tuch gilt als das am besten untersuchte Objekt der Geschichte. Der Körper ist mit bloßem Auge nur schwach zu sehen, aber genaue Untersuchungen durch Botaniker und Chemiker, Textilkundler, Gerichtsmediziner, Historiker und Bibelwissenschaftler haben gezeigt:
- Der Stoff ist so gewebt, wie man es zur Zeit von Jesus tat. Die dreieckigen Flächen sind Brandlöcher, weil das Tuch vor einigen Jahrhunderten gerade so vor einem Feuer gerettet wurde.
- Auf dem Tuch findet man Pollen von Pflanzen, die nur in der Gegend zwischen Jerusalem und dem Toten Meer vorkommen.
- Auf dem Tuch findet man Erdkrümel, deren chemische Zusammensetzung exakt die gleiche ist, wie man sie in Jerusalemer Erde findet.
- Die Flecken sind nachweislich menschliches Blut.
- Die Hände und Füße zeigen Wunden an genau den Stellen, an denen man einem Gekreuzigten die Nägel hineinhämmerte. Die Wunden sind genauso groß wie die Nägel, die die Römer für die Kreuzigung verwendeten.
- An der Seite des Körpers findet sich eine Wunde, genauso wie von einem Lanzenstich, und darunter Blut.
- Das Blut am Kopf (die hellen Flecken auf dem Bild) kommen von den Kopfverletzungen durch die Dornenkrone.
- Der Körper trägt vorne und hinten viele kleinere Wunden von der Auspeitschung, die Jesus durchmachen musste.
- Die Beine des Gekreuzigten auf dem Tuch sind nicht gebrochen, so wie Jesus die Beine nicht gebrochen wurden am Kreuz.
- Die Juden legten damals den Toten Münzen auf die Augen, damit sie zu blieben. Unter dem Mikroskop kann man durch den Abdruck der Münzen auf den Augenlidern erkennen, welche Münzen das waren. Münzen, die nachweislich in der Zeit des römischen Statthalters Pontius Pilatus geprägt wurden.
II-1
Gott sagt im Alten Testament etwas, was die Christen schon sehr bald auf Jesus und seine Kreuzigung bezogen haben (Sacharja 12, 10): „»Ich werde die Nachkommen von David und die Einwohner Jerusalems mit einem Geist erfüllen, der sie ihre Schuld erkennen lässt, so dass sie mich um Gnade anflehen. Voller Reue werden sie auf mich sehen, den sie durchbohrt haben, und die Totenklage für ihn halten, so wie man um sein einziges Kind trauert.“
Vom frühen Abend des Karfreitag bis zum Morgengrauen des Tages nach dem Sabbat war Jesus tot, und das Grabtuch von Turin zeigt uns ein Bild davon, wie sein Körper in dieser Zeit im Grab lag. Eine sehr kurze Zeit - etwa anderthalb Tage - , die aber, was ihren Wert und ihre Bedeutung angeht, unermesslich war.
               Karfreitag und Karsamstag sind am schwersten im Leben auszuhalten. Karfreitag und Karsamstag – wenn das Elend da ist, das Leid und die Traurigkeit. Wenn kein Land in Sicht ist, keine Besserung. Wenn das was getragen hat, nicht mehr da ist und wir fühlen, nein wissen: es wird nie mehr kommen.
Gott, der Vater, weiß wie es ist, ein Kind vor der Zeit zu verlieren!
Gott, der Sohn, ist in der Gestalt von Jesus gestorben und hinabgestiegen in das Reich des Todes.
Der menschgewordene Gott ist so weit gegangen, in die extreme und absolute Einsamkeit des Menschen einzutreten, wohin kein Strahl der Liebe dringt, wo völlige Verlassenheit herrscht, ohne auch nur ein Wort des Trostes. In den alten Worten: „In das Reich des Todes“.
Gott hat in Jesus nicht nur unser Sterben geteilt hat, sondern auch unser Totsein.
Ich bin mir sicher: Wir alle haben uns schon einmal furchtbar verlassen gefühlt haben – und sei es als Kind. Und ich denke, was uns am Tod am meisten Angst macht ist in der Dunkelheit alleine zu sein. Da geht es den Erwachsenen nicht anders als den Kindern, die gerne nachts noch die Tür einen Spalt weit offen haben möchten. Nur ein bisschen Licht und die die Anwesenheit eines Menschen, der uns liebt, kann uns beruhigen. Und genau das ist am Karfreitag und Karsamstag geschehen. Im Reich des Todes ist die Stimme Gottes erklungen. Die Liebe ist vorgedrungen in das „Reich des Todes“. Für die schon Verstorbenen und für uns, die wir eines Tages dazu gehören werden (vgl. 1. Petrus 4,6).
Wenn das hier wirklich das Grabtuch Jesu ist mit seinem Abdruck darauf, dann sehen wir: Es gibt keinen gottverlassenen Ort mehr, keine gottverlassene Zeit.
II-2
Gott sagt: „Sie werden auf mich sehen, den sie durchbohrt haben.“
Wenn das hier wirklich das Grabtuch Jesu ist mit seinem Abdruck darauf, dann sehen wir so etwas wie einen Abdruck Gottes in unserer Zeit. Der göttliche Himmel hat einen Abdruck hinterlassen in unserer irdischen Welt.
Gott ist nicht weltfremd im Himmel, unberührt von unserem Leben, unserem Glück und Leid, sondern lag in einem Tuch, eilig eingehüllt. Jesus hat indem er tot war, Gottes Leben und Liebe sozusagen mitgenommen ins Jenseits und hat diesen Bereich sozusagen durchschritten.
Gottes Sohn liegt da und ruht. Das Gesicht des Mannes auf dem Tuch, der das Leiden auf sich genommen hat - dieses Gesicht strahlt, wie ich finde, eine feierliche Majestät aus, entspannt nach all den Qualen der Folterung, ruhig und gelöst nach all den Schmerzen der Kreuzigung. So scheint bereits durch, was kommen wird. Denn – wie gesagt – nur kurz lag er in diesem Tuch. Während aufgrund der nachgewiesenen Totenstarre am wahren Tod des Bestatteten kein Zweifel besteht, zeigt das Tuch keine Anzeichen von Verwesung des Toten.
Wie auch, denn er brauchte es gut 36 Stunden später nicht mehr.
Amen.

Predigt 21.3.2021, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Hiob 19, 19-22.25-27 – es gilt das gesprochene Wort

19 Meine engsten Freunde verabscheuen mich jetzt; sie, die mir am nächsten standen, lehnen mich ab! 20 Und ich? Ich bin nur noch Haut und Knochen, bin mit knapper Not dem Tod entkommen. 21 Barmherzigkeit! Habt Mitleid, meine Freunde! Gottes Hand hat mich geschlagen! 22 Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut? Habt ihr mich nicht schon genug gequält? 25 Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort! 26 Auch wenn meine Haut in Fetzen an mir hängt und mein Leib zerfressen ist, werde ich doch Gott sehen! 27 Ja, ihn werde ich anschauen; mit eigenen Augen werde ich ihn sehen, aber nicht als Fremden. Danach sehne ich mich von ganzem Herzen!

I
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
So haben wir es eben gebetet und wer ein bisschen bibelfest ist, weiß, wer das gesagt hat. Jawohl, Jesus am Kreuz. Wobei, der hat es ja nur zitiert. 1.000 Jahre vor Jesus hat ein Mann namens David so gebetet.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Das ist natürlich eine Frage, aber zuerst einmal ist es eine Feststellung. David und dann Jesus stellen fest: „Gott hat mich verlassen!“ Und deswegen die verzweifelte oder wütende oder resignierte Frage: „Warum tust du das?“ Vielleicht schwingt da auch der Vorwurf mit, Gott sei wohl völlig desinteressiert oder habe versagt.
Mal eine Frage: Wer hat sich schon gefragt: „Wo ist Gott? Warum ist er nicht da? Warum hilft er nicht?“
Nur vom „lieben“ Gott zu reden ist zu billig. Nein, der „liebe Gott“ ist nicht immer lieb.
II
Ich möchte mit euch in den nächsten paar Minuten ein paar Gedanken und Worte von Hiob bedenken. Sein Leben ist ein Teil der Bibel geworden. Selbst der, der seine Geschichte nicht aus der Bibel kennt, weiß von ihm, denn sein Schicksal ist sprichwörtlich geworden mit den „Hiobsbotschaften“.
Das sind die Nachrichten, die unser Leben immer komplett durcheinanderbringen. Keiner mag sie, aber sie kommen trotzdem: Schicksalsschläge, böse Diagnosen, Unfälle, Katastrophen, ...
Innerhalb kürzester Zeit bricht Hiob alles weg. Sein ganzer Besitz ist über Nacht weg. Alles, was er sich aufgebaut hat, ist nicht mehr da. Alle seine Kinder sterben, er wird krank und seine Frau wendet sich von ihm ab. Und zu allem Überfluss hat er noch vier Freunde, die ihm an all dem auch noch die Schuld geben. Denn sie sagen ihm: „Guten Menschen passiert nur Gutes im Leben. Wem Schlechtes passiert, ist demzufolge selber schlecht. Hiob, prüfe dich und bekenne deine Sünden.“
Was entgegnet Hiob? „Meine engsten Freunde verabscheuen mich jetzt; sie, die mir am nächsten standen, lehnen mich ab! Und ich? Ich bin nur noch Haut und Knochen, bin mit knapper Not dem Tod entkommen. Barmherzigkeit! Habt Mitleid, meine Freunde! Gottes Hand hat mich geschlagen! Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut? Habt ihr mich nicht schon genug gequält?“
Gott ist für dieses ganze Elend verantwortlich - sagt Hiob! Entweder verantwortlich in dem Sinn, dass er es ihm angetan hat. Oder zumindest in dem Sinn, dass er es nicht verhindert hat.
Und wer Elend zulässt, obwohl er es beheben könnte, macht sich doch mitschuldig. Das ist unterlassene Hilfeleistung!
Wir wissen nicht, ob Hiob das verzweifelt gesagt hat oder wütende oder resigniert oder ob da der Vorwurf mitschwang Gott sei wohl völlig desinteressiert oder habe versagt. Ich bin mir sicher: Irgendwas davon war dabei, wenn nicht sogar alles in einer wilden Mischung.
Was für eine bittere Aussage: „Gottes Hand hat mich geschlagen! Gott verfolgt mich.“
Das ist wirklich nicht mehr der liebe Gott.
Noch eine Frage: Gibt es jemanden, der in einer schlimmen Situation um Gottes Hilfe gebetet hat und hinterher ist es nicht besser geworden oder sogar noch schlimmer?
III
Was macht man denn dann? Irgendwie einfach weiterglauben? Oder seine Erwartungen zurückschrauben? Weniger glauben? Vorwurfsvoll glauben? Oder gar nicht mehr glauben?
Was macht Hiob? Hören wir, was er weiter sagt: „Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort! Auch wenn meine Haut in Fetzen an mir hängt und mein Leib zerfressen ist, werde ich doch Gott sehen! Ja, ihn werde ich anschauen; mit eigenen Augen werde ich ihn sehen, aber nicht als Fremden. Danach sehne ich mich von ganzem Herzen!“
Wie bitte? Hiob will den Gott sehen, der ihn verfolgt? Er sehnt sich nach dem Gott, dessen Hand ihn schlägt? Ist Hiob in seinem tiefsten Innern ein Masochist – jemand, der gerne geschlagen wird? Oder hat das viele Leid seinen Verstand verwirrt?
Nein, ich glaube, Hiob macht etwas zutiefst vernünftiges, auch wenn es unlogisch erscheint: Er erkennt sehr bitter, Gott hat sein Leid nicht verhindert. Jetzt ist Gott aber doch die allerhöchste Instanz. An welche Instanz sollte man sich denn wenden um sich über Gott zu beschweren? Da bleibt doch nur Gott!
Hiob führt Gott gegen Gott an. Das mag schizophren klingen, aber im Grund ist es vernünftig. Denn die Alternative ist sich komplett von Gott abzuwenden. Aber das kann er wiederum nicht. Denn er weiß doch um Gott.
Elie Wiesel, ein jüdischer Überlebender der Konzentrationslager der Nazis, erzählt von einem besonderen Erlebnis, das er in einem der Lager hatte:
„Während des Krieges, im Lager, arbeitete ich einmal in einem Kommando zusammen mit einem Mann. Eines Abends sagte er zu mir: Komm ́ heut ́ Nacht zu meiner Pritsche. Ich ging hin. Und was er dann tat, war, ein rabbinisches Tribunal einzuberufen und Gott anzuklagen. Er hatte zwei andere Rabbiner (also zwei jüdische fromme Gelehrte) hinzugezogen, und sie beschlossen, Gott anzuklagen, in angemessener, korrekter Form, wie es ein richtiges, rabbinisches Tribunal tun soll, mit Zeugen und Argumenten usw. Was sie taten, war vollständig in Übereinstimmung mit der jüdischen Tradition. Und so beschlossen die drei Rabbiner in diesem Lager, einen Prozess zu veranstalten. Die Verhandlungen des Tribunals zogen sich lange hin. Und schließlich verkündete der Vorsitzende das Urteil: Schuldig. Und dann herrschte Schweigen - ein Schweigen, ein endloses, ewiges Schweigen. Aber schließlich sagte einer der Rabbiner: Und nun, meine Freunde, lasst uns gehen und beten. Und wir beteten zu Gott, der gerade wenige Minuten vorher von seinen Kindern für schuldig erklärt worden war.“ (Olaf Schwenke (Hg.): Erinnerung als Gegenwart. Elie Wiesel in Loccum, Evangelische Akademie Loccum, 1987, S. 117-119).
Die einfache Lösung wäre jetzt: Sich von Gott abwenden! Das machen manche Menschen in schwierigen Situationen ja auch.
Aber nochmal: Das kann Hiob nicht, denn er weiß ja um Gott. Er ist und bleibt auf ihn geworfen. Er steht in einem massiven inneren Konflikt mit Gott, von dem er aber nicht loskommt.
Warum verlässt er ihn nicht? Weil er ein gläubiger Mensch ist, der in Gott verwurzelt ist, aber momentan nicht mit dem klarkommt, was er gerade Schlimmes erlebt.
Kinder sind mir eigefallen. Die sagen ja manchmal zu ihren Eltern: „Ich hasse dich!“ Dann, wenn sie erleben, wie ohnmächtig sie sind gegenüber den Eltern; wie unverständlich die Eltern handeln. Aber zugleich wissen sie: Ich komme von denen nicht los.
Hiob führt Gott gegen Gott an. Er klagt ihn an. Und hat Sehnsucht nach ihm wie nach einem Vertrauten. Er behaftet Gott auf seinen Zusagen, sein Erlöser zu sein, sein „Anwalt“ oder „Rechtshelfer“, wie man dieses Wort auch übersetzen kann.
Was für ein zerrissener Glaube! Und genau deswegen so ehrlich!
Was für ein zweifelnder Glaube! Und genau deswegen so ehrlich!
Was für ein verzweifelter Glaube! Und genau deswegen so ehrlich!
Was für ein sehnsuchtsvoller Glaube! Und genau deswegen so ehrlich!
Ein anderes Beispiel für einen solchen Glauben ist Mutter Teresa, die Armenhelferin im indischen Kalkutta. Überall als fromme Frau voller Nächstenliebe bekannt geworden, schreibt sie aber in ihren Tagebüchern: "Dunkelheit umgibt mich auf allen Seiten. Meine Seele leidet. Vielleicht gibt es gar keinen Gott. Ich spüre eine unendliche Sehnsucht, an ihn zu glauben. Aber wenn es keinen Gott gibt – Himmel, was für eine Leere!"
V
Gott ist die Liebe, aber er ist nicht nur der liebe Gott. Manchmal weiß ich ihn ganz nah, voller Wärme und Licht in mir und um mich herum. Aber ich weiß inzwischen: Das Gefühl tiefer Gottverbundenheit ist eben auch nur ein Gefühl.
Zwischen mir und Gott stehen inzwischen auch viele Fragen, die sich aus dem ergeben haben, was ich bisher erlebt habe an Schönem und Hässlichem, an Gutem und Schrecklichem.
Manchmal ist er ganz weit weg, unverständlich, fremd und fern. Manchmal passiert Schlimmes und Gott verhindert es nicht.
Dann reicht der einfache Kinderglaube nicht mehr, der uns sagt: „Gott meint es gut und passt schon auf mich auf.“ Im Gegenteil, der zerplatzt.
In mir, nein in jedem Menschen, ist viel göttliches Licht und göttliche Liebe. Und genauso eine innere Dunkelheit.
„Wer glaubt, dass er an Gott glaubt, dies aber nicht von Herzen tut und ohne innere Qualen, ohne Ungewissheit, ohne Zweifel und manch mal sogar ohne Verzweiflung, der glaubt nur an ein bestimmtes Bild von Gott, nicht aber an Gott selbst.“ (Madeleine L’Engle; Schriftstellerin)
Wir tun gut daran, das nicht beiseite zu schieben; uns dieser „dunklen Nacht der Seele“ (Johannes vom Kreuz) zu stellen.
Denn hier beginnt der nackte Glaube. Nackter Glaube weiß um seine Ohnmacht und begegnet Gott trotzdem auf Augenhöhe! Nackter Glaube ist ein manchmal verzweifeltes, aber immer sehnsuchtsvolles Festhalten an Gott.
Nein, Festhalten ist das falsche Wort. Nackter Glaube ist ein Festkrallen an Gott. (vgl. Genesis 32, 23-32, v.a. 27)
Wie sagt Hiob? „Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt. Ja, ihn werde ich anschauen, aber nicht als Fremden. Danach sehne ich mich von ganzem Herzen!“
Oder in den Worten von Mutter Teresa: „Ich spüre eine unendliche Sehnsucht, an ihn zu glauben.“
VI
Jesus erlebt selbst, dass Gott ihm in seinen übelsten Stunden nicht hilft. Gott verhindert nicht, dass er elend am Kreuz verreckt. Und Jesus muss das aushalten. Es zerreißt ihn fast. Es wird überliefert, wie er am Vorabend seiner Kreuzigung im Garten Gethsemane schweißnass betet: „Vater, lass diesem Kelch an mir vorübergehen.“ (Lk 22, 42-44)
Oft ist unsere Vorstellung von Hoffnung: „Wir bekommen, was wir uns wünschen und die Dinge werden besser.“ Was aber erlebt Jesus? Es wird schlimmer!
Entweder ist unsere Vorstellung von Hoffnung falsch oder aber Gott ist falsch.
Gott aber möchte, dass Jesus ihm weiter und trotzdem vertraut. Vertraut in dem Sinne, dass er es gut machen wird. Woher wissen wir das? Jesus ringt sich nämlich zu einem unglaublichen Gebet durch: „Vater, wenn es möglich ist, bewahre mich vor diesem Leiden. Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen.“ Das ist deswegen unglaublich, weil er die Kontrolle über sein Leben in Gottes Hände gibt und sich im Glück und Unglück, Freud und Leid, im Erfolg und Scheitern, Leben und Sterben Gott anvertraut. Das ist richtig. Denn es wird überliefert, wie nach diesem Gebet im Garten Gott Jesus einen Engel schickt um ihm Kraft zu geben.
Wohlgemerkt: Nach diesem Gebet. Wohlgemerkt: Kraft um das Leid durchzustehen.
Ein Leid, das Jesus später am Kreuz dazu bringt Gott anzuschreien: „Warum hast du mich verlassen, mein Gott?“
Und dieser Schrei gibt jeder unserer Fragen an Gott recht, jedem Zweifel, jeder Klage. „Gott sei`s geklagt“ sagt man manchmal. Genauso ist es! Gott sei`s geklagt!
VII
Nach Karfreitag kommt dann ein Feiertag, der kaum beachtet wird: Der Karsamstag. Der ist deswegen so wichtig, weil er oft genug unser Leben darstellt. Der Karsamstag ist der Tag, an dem viele ihr Leben verbringen im Warten darauf, dass Gott redet und handelt. Denn am Karsamstag wissen wir um das Leid, leiden darunter und hoffen sozusagen morgen auf ein Osterwunder, auf Erlösung, Heilung.
Wir wollen, dass unser Gebet mit Kraft beantwortet wird, aber wer sich darauf einlässt, dass mit Jesus der Sohn Gottes am Kreuz stirbt, der nimmt wahr: Gott ist auch im Leiden; in meinem Leiden mit und bei mir.
Für Jesus ging der Karsamstag vorüber und es kam der Ostersonntag, als Gott dann gezeigt hat: Er ist stärker alle Schicksalsschläge, selbst stärker als der Tod, als er Jesus von den Toten auferweckt hat. Gottes Gedanken über Jesus haben Schmerzen, Leid und Tod miteingeschlossen, aber haben sich darin nicht erschöpft. Soll heißen: Gott meint es nicht nur gut, er macht es auch gut! Das ist die christliche Hoffnung.
VIII
Zum Schluss: Wie übersteht man die Zeit bis zum persönlichen Ostersonntag gut?
- Bewahren Sie sich Ihre Sehnsucht – auch wenn das schmerzhaft ist. Bewahren sie sich Ihre Sehnsucht nach Heil und Erlösung, Glück und Erfüllung. Behaften Sie Gott bei dem, was er uns zusagt: Da zu sein um zu helfen! Lassen Sie ihn nicht aus der Verantwortung raus. Klagen Sie – auch wenn das ungewohnt sein mag
- Dann ist da die Bibel mit ihrer Weisheit.
- Da sind die anderen Christen, die für einen beten können und sollen
- Da ist die Erinnerung, dass es nicht nur immer schlecht war.
               Gott ist die Liebe, aber er ist nicht nur der liebe Gott.
Und vergessen Sie eins nicht: Wenn Sie nicht mehr an Gott glauben können – er glaubt an Sie!
Amen.

Predigt am Sonntag Invokavit – 21. Februar 2021 Judas & Jesus oder auch: Versuchung & Liebe (Johannes 13,21-30) Vikar Daniel Götzfried – es gilt das gesprochene Wort

Einstieg: Martin Luther und das Bild vom Reittier

  • Stellen Sie sich bitte einmal vor, sie wären ein Pferd. Sie sind stark, Sie sind schön, Sie sind schnell, Sie haben Kraft und können auch mal ganz schön mürrisch werden.
  • Aber: nicht Sie sagen, wo es lang geht, sondern der Reiter hat die Zügel in der Hand.
  • Es gibt einen Reiter, den mögen Sie am liebsten. Der hegt und pflegt Sie und führt Sie in die schönste Natur aus. Und es gibt einen anderen Reiter, der quält Sie. Der schlägt Sie und treibt Sie, bis Sie nicht mehr können.
  • Diese Vorstellung habe ich mir nicht ausgedacht. Nein, sie stammt von Martin Luther. Der Mensch: ein Reittier. Geritten von Gott oder vom Teufel zu seinem Heil oder Unheil. Ein dramatisches, unbequemes, fragliches Bild. Wo bleibt da der Verstand? Das eigenverantwortliche Handeln von uns Menschen?
  • Ich möchte dieses Bild nicht einfach so 1:1 übernehmen. Aber in der Auseinandersetzung mit der Szene aus dem Johannesevangelium ist mir diese Beschreibung von Martin Luther in den Sinn gekommen.
  • Denn die Frage wird dabei laut nach göttlichen, heilsamen und teuflischen, zerstörerischen Einflüssen in unserem Leben?
  • Einflüsse, wie sie in der Begegnung zwischen Judas und Jesus deutlich werden. Und dieser Frage, dieser Begegnung will ich nachgehen. Zuerst Judas, dann Jesus.

I. Judas Judas, was hat dich da bloß geritten?

  • Judas Judas, was hat dich da bloß geritten? Da bist du so lange schon mit Jesus unterwegs; hörst, wie er redet; siehst, wie er handelt; erlebst, wie er Wunder tut und Menschen ihre Sünden vergibt; fühlst, dass er Macht hat, aber sie im Unterschied zu so vielen anderen nicht missbraucht – und dann verrätst du ihn?!
  • Judas verrät Jesus an die religiösen Leiter der Juden, denen Jesus ein Dorn im Auge war. Das und ein bisschen mehr ist es, was wir aus dem Neuen Testament über ihn wissen. Einer von den zwölf Jüngern war er, einer vom engsten Kreis um Jesus. Einer, der eine Vorliebe für finanzielle Angelegenheiten hatte und darum auch der Schatzmeister der ganzen Mannschaft war.
  • Genau das wird ihm aber dann zum Verhängnis. Es ist nicht nur eine Vorliebe, sondern auch eine Schwäche für das Geld.
  • Als Maria ungefähr eine Woche vorher Jesus die Füße mit teurem Öl salbt, da beschwert sich Judas: „Das hätte man doch verkaufen können! Was für eine Verschwendung!“ (vgl. Johannes 12,3-8).
  • Später dann lässt sich Judas kaufen und verrät seinen Freund Jesus. Aus der Vorliebe wird eine Schwäche, aus der Schwäche erwächst die Versuchung, die Versuchung treibt zur Tat.
  • Und am Ende kann man dann fragen: war es das wirklich, Judas, was du wolltest? Was hat dich da bloß geritten?
  • Sobald Judas das Brot genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm. (V. 27)
  • Der Satan, er hat Judas blind gemacht für Jesus und seine Freunde. Hat ihn nur noch das Geld sehen lassen und seine Gier danach genährt. Erst später gehen ihm die Augen auf, als Jesus gefangen genommen, verhört und ausgepeitscht wurde. Da erkennt er seinen Fehler, bereut, gibt das Bestechungsgeld zurück, aber weil er keinen Ausweg mehr sieht, erhängt er sich (Matthäus 27,3-5).
  • Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – ich tue mich schwer mit der ganzen Sache mit dem Satan. Da habe ich in der Vorbereitung viel gerungen. Wie kann ich das verstehen? Wie kann ich das greifen? Hier gibt es eine Fußballmannschaft, die „Roten Teufel“. Teufelsfiguren mit Hörnern und spitzen Zähnen als Sticker an jeder dritten Straßenlaterne. So etwa? Nein. Ich denke nicht.
  • Die Bibel spricht vom Satan, vom Teufel, Ankläger, Widersacher, Durcheinanderbringer und – wie wir vorhin aus dem Matthäusevangelium gehört haben – vom Versucher.
  • Warum so etwas, so jemand wie der Versucher? Woher? Wozu? Darüber schweigt das Neue Testament. Keinerlei Spekulationen über den Ursprung des Versuchers, nur die schlichte Feststellung: es gibt diese zerstörerische Macht, sie nimmt Einfluss auf Menschen, auf Judas, ja sie versucht sogar Jesus selbst.
  • Ja, damit komme ich der Sache schon näher. Denn solche Versuchungs-Erfahrungen kenne ich:
  • Ein Beispiel: Da reden andere schlecht über jemanden. Ich will da eigentlich gar nicht mitmachen – aber… irgendwie… interessierts mich ja eigentlich schon, was sie sagen. Und eigentlich hab ich ja auch eine Meinung dazu, die ich gerne mal loswerden würde.
  • Und schon geb ich Kräften und Gedanken nach, die mir selbst und anderen schaden. Aber die es eben gibt. Und die so besitzergreifend sind, dass ich „gar nicht anders kann“.
  • Das fängt bei Lästereien an. Und geht weiter beim Alkohol: „Ah komm, ein Gläschen geht noch.“ Bis hin zum Konsum von Pornographie, wodurch Jugendliche eine völlig verquere Vorstellung von gesunder Sexualität bekommen. 
  • Versuchungen, diese und andere, die sich in unserem Bewusstsein festsaugen und uns vorgaukeln, es wäre gut für uns. Dabei wird alles nur schlimmer und hinterher ist der Schaden groß.
  • Vielleicht hatte Judas wirklich keine Wahl, weil er wie besessen war von seiner Geldgier.
  • Ich glaube, diese Versuchung war bei ihm einfach da. Das war der Versucher, der ihn geritten hat.
  • Aber dann nochmal die Frage vom Anfang: Wo bleibt da das eigenverantwortliche Handeln? War Judas etwa nicht verantwortlich für das, was er getan hat?
  • Ich denke, beides trifft zu: die Versuchung war bei Judas da. Aber die Entscheidung, dieser Versuchung nachzugehen, hat Judas selbst getroffen.
  • So haben auch wir Wahl – und da bin ich anderer Meinung als Martin Luther –, selbst zu entscheiden, welchen Einflüssen wir nachgehen wollen. Auch wenn das keine leichte Entscheidung ist, keine Frage.
  • Haben Sie auch schon einmal so eine Versuchungs-Erfahrung gemacht?
  • Denn wenn ja, dann kennen Sie diese Frage, die sich bei Judas am Ende stellt: Ist es das, was du wirklich wolltest? Was hat dich da bloß geritten? Die Antwort bei Judas ist: die Versuchung, die so tückisch und trügerisch ist, so vereinnahmend und so hartnäckig – und der Judas nachgegeben hat.
  • Judas erliegt ihr – und schadet damit sich selbst und anderen.
  • Jesus widersteht ihr, wie wir vorhin gehört haben. Lassen Sie uns jetzt also auf die Rolle von Jesus in dieser Szene schauen.

II. Jesus Jesus, was hat dich da bloß geritten?

  • Wie bei Judas können wir auch hier fragen: Jesus Jesus, was hat dich da bloß geritten? Da bist du so lange schon mit Judas unterwegs; hörst, wie er redet; siehst, wie er handelt; erlebst, wie er grübelt; fühlst, dass er schwach wird, wenns ums Geld geht; weißt, dass er das gegen dich einsetzen wird – und dann lässt du ihn einfach so ziehen?!
  • Ja, Jesus lässt Judas einfach ziehen. Das ist doch komisch oder nicht? Die normal menschliche Reaktion wäre: Judas aufhalten. Ihn festhalten. Vielleicht selbst weglaufen. Nichts von alledem passiert hier.
  • Ich versuche mir das bildlich vorzustellen:
  • Jesus ist im Innersten tief erschüttert (V. 21) wegen Judas. Es lässt ihn nicht kalt, dass jemand aus dem engsten Freundeskreis ihn ablehnt.
  • Er setzt sich mit Judas an einen Tisch. Er taucht ein Stück Brot in den Weinkelch und gibt es Judas. Denken Sie dabei nicht auch ans Abendmahl? Jesus reicht Judas das Abendmahl.
  • Jesus weiß, dass ihn jemand aus dem engsten Freundeskreis an seine Feinde verraten wird. Er weiß auch, wer das tun wird. Und genau dieser Person reicht er höchstpersönlich das Brot des Lebens und den Kelch des Heils, so wie wir heute sagen.
  • Ich sehe darin, wie Jesus Judas seine Liebe zu ihm ausdrückt. Als wollte Jesus Judas damit sagen: „Judas, auch jetzt, in der Stunde des Verrats, gilt dir meine Liebe. Und ich bin bereit, Leid, Schmerz und Tod auf mich zu nehmen, weil dir meine Liebe gilt.“
  • Es ist eine Liebe, die offenlegt, was verborgen ist. Was Judas plant, in seinem tiefsten Innern, was kein anderer wissen soll – und die anderen Jünger wissen oder merken es ja auch nicht – Jesus weiß es, und er deckt es auf. Es wird vor den anderen nicht breitgetreten. Es geht nur um die beiden, Judas und Jesus. Was sind Ihre innersten Gedanken, Verletzungen, Zweifel? Dinge, die Sie anderen nicht einfach so erzählen würden. Dinge auch, die Sie vielleicht gerne verstecken würden. Jesus ist kein Detektiv, der uns auf die Schliche kommen will. Aber er liebt uns mit einer Ehrlichkeit, vor der nichts verborgen bleiben muss. Wir können ihm alles sagen. Er weiß um unser Innerstes und begegnet uns dort mit seiner Liebe, so wie bei Judas.
  • Es ist eine Liebe, die in die Freiheit führt. Ein entscheidender Zug dieser göttlichen Liebe. Judas rennt weg, raus in die Nacht, weg von Jesus, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Weg von diesem Licht, hinaus in die dunkle Nacht. Es gehört eben auch zur Liebe Gottes, dass sie nicht festhält, nicht klammert, nicht vereinnahmt, so wie die Versuchung das tut. Zur Freiheit hat Christus uns befreit (Galater 5,1). Jesus verhindert nicht, was Judas vorhat. Er lässt ihm seine Freiheit. Freiheit auch dazu, sich anderen, zerstörerischen Mächten auszusetzen. Das ist der Weg, den Jesus in dieser Welt wählt. Er ist nicht daran interessiert, uns zu irgendwas zu zwingen oder zu drängen. Er lässt uns unsere Freiheit. Würde er das nicht tun, sondern sagen: „Ich weiß, was gut für euch ist und das wird jetzt auch gemacht.“ – er wäre nicht besser als der Versucher. Jesus freut sich und jubelt, wenn wir uns seiner Liebe aussetzen und unser Leben davon bestimmen lassen. Und er leidet mit, wenn wir unsere Freiheit dazu gebrauchen, uns selbst und anderen Leid zuzufügen.
  • Jesus, was hat dich da geritten? Die Antwort auf diese Frage kann nur sein: die Liebe. Die Liebe Gottes, die ehrlich ist und befreit.

Schluss: Sich von der Liebe leiten lassen

  • Judas lässt sich von der Versuchung leiten. Jesus von der Liebe.
  • Lassen Sie uns diese Frage „Was hat dich da bloß geritten?“ zum Schluss einmal nach vorne in die Zukunft ausrichten, weniger „tierisch“ formulieren und fragen: Von was wollen wir uns leiten lassen?
  • Vor uns liegt die Passions- und Fastenzeit. Vielleicht mit so mancher kleineren oder auch größeren Versuchung. Was wäre, wenn wir diese Zeit dazu nutzen, der Versuchung den Kampf ansagen und uns ganz neu der Liebe Gottes aussetzen.
  • Drei Anstöße, wie das konkret aussehen könnte:
  • Exerzitien im Alltag könnten etwas sein. Gottes Gegenwart auf die Spur kommen, weil da wo Gott ist der Versucher keine Chance hat.
  • Ehrlich sein mit sich selbst und anderen gegenüber könnte etwas sein. Ehrlich sagen: „Du, ich hab da einen Fehler gemacht.“ Oder: „Mich hat das geärgert, dass du dieses oder jenes gesagt hast.“ Oder: „Ich hab da ein Problem. Ich will das gar nicht, aber ertappe mich immer wieder dabei. Können wir vielleicht gemeinsam darauf schauen?“ Weil dann ausgesprochen ist, was im Verborgenen wie Gift vor sich hin schwelen würde.
  • Die Bitten des Vater Unsers ernst nehmen könnte etwas sein: Dein Reich komme, Dein Wille geschehe. Und lass uns nicht in Versuchung geraten, sondern erlöse uns von dem Bösen.
  • Wir sehen mit Judas und Jesus zwei Männer, die sich von ganz unterschiedlichen Einflüssen haben leiten lassen. Wir kennen die Versuchung und wissen um die Liebe Gottes. Und damit wird uns diese Szene beim Abendmahl zur Frage: Von wem oder was will ich mich leiten lassen? Vom wem oder was wollen Sie sich leiten lassen? Amen.

Predigt 14.2.2021, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Matthäus 14, 17-26 und Exodus 12, 21-27 – es gilt das gesprochene Wort

Markus 14:
17 Am Abend kam Jesus mit den zwölf Jüngern. 18 Beim Essen erklärte er ihnen: »Ich versichere euch: Einer von euch, der jetzt mit mir isst, wird mich verraten!« 19 Bestürzt fragte einer nach dem andern: »Du meinst doch nicht etwa mich?« 20 Jesus antwortete: »Es ist einer von euch zwölf, der mit mir das Brot in die Schüssel getaucht hat. 21 Der Menschensohn muss zwar sein Leben lassen, wie es in der Heiligen Schrift vorausgesagt ist; aber wehe dem, der ihn verrät! Dieser Mensch wäre besser nie geboren worden.« 22 Während sie aßen, nahm Jesus ein Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot in Stücke und gab es ihnen mit den Worten: »Nehmt und esst! Das ist mein Leib.« 23 Anschließend nahm er einen Becher Wein, dankte Gott und reichte ihn seinen Jüngern. Sie tranken alle daraus. 24 Jesus sagte: »Das ist mein Blut, mit dem der neue Bund zwischen Gott und den Menschen besiegelt wird. Es wird zur Vergebung ihrer Sünden vergossen. 25 Ich versichere euch: Von jetzt an werde ich keinen Wein mehr trinken, bis ich ihn wieder in Gottes Reich trinken werde.« 26 Nachdem sie das Danklied gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Exodus 12:
Dann rief Mose die Sippenoberhäupter der Israeliten und befahl: »Geht los, sucht euch je nach der Größe eurer Familien eines oder mehrere Lämmer aus und schlachtet sie als Passahopfer! 22 Fangt das Blut in einer Schale auf, taucht ein Büschel Ysop hinein und streicht das Blut an den oberen Balken und an die beiden Pfosten eurer Haustüren. Bis zum nächsten Morgen darf niemand von euch sein Haus verlassen! 23 Wenn der HERR durchs Land geht, um die Ägypter zu töten, und das Blut an den Pfosten und Balken sieht, wird er an diesen Türen vorübergehen; er wird dem Todesengel nicht erlauben, in eure Häuser einzudringen und euch zu töten. 24 Haltet euch für immer an den Brauch dieses Festes; er gilt für euch und alle eure Nachkommen! 25 Wenn ihr in das Land kommt, das euch der HERR versprochen hat, sollt ihr auch dort diesen Brauch bewahren. 26 Eure Kinder werden euch einst fragen, was dieses Fest bedeutet; 27 dann erklärt ihnen: ›Dies ist das Passahopfer, das wir dem HERRN darbringen. Denn als er damals die Ägypter tötete, ging er an unseren Häusern vorüber und verschonte uns.‹« Da warfen sich die Israeliten nieder und beteten Gott an.


I
Vor einigen Jahren nahm ich an einer Flusswanderung teil. Wir waren tagsüber mit Kanus unterwegs und schliefen in unseren Zelten am Ufer. Es war eine schöne Fahrt. Aber unvergessen bleibt sie mir wegen eines – im Grunde kleinen - Ereignisses.
Waschen war fällig. Und da blieb nur Fluss. Also bin ich eines Abends etwas abseits des Lagers in den Fluss gestiegen. Und während ich meine Haare einseifte, wusste ich plötzlich: Ich bin ein Teil einer großen, alten und langen Kette von Menschen, die vor mir lebten. Haben sich Menschen nicht viele, viele Jahrtausende genauso gewaschen? Trotz aller Technik und allen Fortschritts war ich Teil einer langen, langen Kette, die weit zurückreichte. Für mich war das ein bewegender Moment.
Warum erzähle ich das? Wenn wir heute Abendmahl feiern, dann reihen wir uns nämlich auch ein in eine lange, lange Kette. Wer am Abendmahl teilnimmt, ist u.a. damit Teil der weitweiten Christenheit; kommt in Kontakt mit seinen christlichen Wurzeln; kommt in Kontakt mit Jesus. Nein, er kommt noch weiter zurück: Er kommt in Kontakt mit seinen jüdischen Wurzeln. Jesus war ja kein Christ.
II
Alles begann vor langer Zeit. Alles begann mit einem Gott, der einen langen Atem hat und sehr, sehr langfristige Pläne hat.
Pläne, die Jahrtausende umspannen und die ich mit meinem Leben gar nicht überblicke. Pläne, die in Ägypten begannen und bis heute, zu uns, mir und euch reichen.
Alles beginnt mit toten Lämmern in Ägypten. Denn an irgendeinem Abend vor über 3.000 Jahren bekamen die israelitischen Familien von ihrem Anführer Mose die Anweisung ein Lamm zu schlachten. Das Blut floss.
Das Blut der Lämmer wurde aufgefangen und sorgfältig an die Türpfosten gestrichen. Dann wurden die Türen verschlossen und erst wieder aufgemacht, als das angekündigte Zeichen zu hören war: Schreien, Weinen, Jammern und Klagen – denn jeder Erstgeborene in Ägypten starb in dieser Nacht.
Das war die Strafe. Denn der Pharao ließ die Israeliten nicht ziehen. Er wollte ihre Arbeitskraft als Sklaven nicht verlieren und ignorierte eine Plage nach der anderen. Alles Wasser im Land von Gott wurde in Blut verwandelt, aber das stimmte ihn nicht um. Auch Ungezieferplagen und Heuschreckenschwärme nicht, nicht die Viehkrankheiten, nicht der Hagel und nicht die Dunkelheit.
Erst die letzte und schlimmste Plage, von Mose angekündigt, stimmte ihn um: Jeder Erstgeborene in Ägypten starb in dieser Nacht.
Nein, nicht jeder. Der Todesengel verschonte all die Häuser, deren Türrahmen mit dem Blut des Lammes bestrichen waren. Und die Männer, Frauen und Kinder des Volkes Israel, die das alle so gemacht hatten, zogen nach der 10. Plage und Jahrhunderten der Sklaverei als freie Menschen davon.
Und Mose, ihr Anführer, schärfte ihnen ein:
„Haltet euch für immer an den Brauch dieses Festes; er gilt für euch und alle eure Nachkommen! Wenn ihr in das Land kommt, das euch der Herr versprochen hat, sollt ihr auch dort diesen Brauch bewahren. Eure Kinder werden euch einst fragen, was dieses Fest bedeutet; dann erklärt ihnen: 'Dies ist das Passahopfer, das wir dem Herrn darbringen. Denn als er damals die Ägypter tötete, ging er an unseren Häusern vorüber und verschonte uns.'" Da warfen sichdie Israeliten nieder und beteten den Herrn an.“ (Exodus 12, 24-27)
„Haltet euch für immer an den Brauch dieses Passahfestes; er gilt für euch und alle eure Nachkommen.“
III
Das taten sie. Jahrhunderte lang. Bis eines Tages an einem Donnerstagabend vor knapp 2000 Jahren sich Jesus mit seinen Jüngern in Jerusalem versammelte und in Erinnerung an diese Befreiung mit ihnen das Passahmahl gefeiert hat, mit ihnen zusammen gegessen und getrunken hat.
Ein Lamm wurde - und wird bis heute - beim jüdischen Passahfest geschlachtet und zubereitet. Bittere Kräuter wurden - und werden - gegessen in Erinnerung an die bittere Zeit der Sklaverei, getunkt in Salzwasser um der Tränen der israelitischen Sklaven zu gedenken. Eine pürierte Apfel-Mandelmischung wurde - und wird - gegessen, die so aussieht wie der Lehm, aus dem die israelitischen Sklaven Ziegel für den Pharao formen mussten. Dazu Matzen, einfaches Brot, nur aus Mehl und Wasser.
Denn es blieb keine Zeit, damit der Sauerteig den Teig durchsäuern konnte. Schnell musste es gehen, hatte Mose in Ägypten gesagt, denn er war sich sicher: Der Pharao würde sie ziehen lassen im Moment des Schocks über die toten Erstgeborenen, aber es sich dann rachsüchtig anders überlegen.
An all das erinnerten sich Jesus und seine Jünger als sie am Donnerstag vor Karfreitag zusammen saßen, aßen und Wein tranken. Vier Becher Wein als Erinnerung an den Gott, der den Sklaven Freiheit, Wohlergehen und Frieden versprochen hatte.
Aber drei Dinge waren vor knapp 2000 Jahren anders. Zum einen war Jesus bedrückt. Da war nichts zu spüren von fröhlicher Erinnerung und freudiger Gemeinschaft der Juden. „Einer von euch“ sagt er, „wird mich verraten.“ (Markus 14, 18) Es ist einer von euch, der mit mir das Brot in die Schüssel taucht.“ Die Schüssel, die wohl die pürierte Apfel-Mandelmischung enthielt.
Dann nahm er wie erwartet das Brot, brach es und fing an zu sprechen.
Und hier werden die Jünger aufgehorcht haben. Denn Jesus sprach Worte, die in der traditionellen Passahfeier nicht gesprochen wurden und werden; neue Worte, auch wenn sie inzwischen für uns die alten sind: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis!“
Jesus hat ständig in Bildern geredet und Vergleiche benutzt. So wie er das Brot bricht, wird ein paar Stunden später sein Körper gebrochen werden, ausgepeitscht und mit großen Nägeln durchbohrt.
Aber wie so oft verstehen ihn seine Jünger nicht. Und obwohl Jesus sie dreimal ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht hat, dass er sterben wird, nehmen sie das Brot und essen es.
Dann nimmt er – wie erwartet - den dritten oder vierten Becher Wein und verwirrt sie wieder mit neuen Worten, die nicht aus der alten Tradition kommen: „Das ist mein Blut, mit dem der neue Bund zwischen Gott und den Menschen besiegelt wird. Es wird zur Vergebung ihrer Sünden vergossen.“ (Matthäus 26, 28)
IV
Als Jesus das sagt, verwandelt er alles. Er verwandelt das Passahmahl. Und wieder verstehen seine Jünger nur Bahnhof, aber trinken trotzdem mit. Erst als sie die nächsten Stunden erleben und dann den Ostersonntagmorgen fügt sich alles wie ein Puzzle zusammen. Sie verstehen, was Jesus meinte: „So wie das Lamm damals sein Blut und seinen Leib geben musste, damit Gottes Volk nicht sterben musste, sondern erlöst und befreit wird so bin ich jetzt das Lamm Gottes für euch, damit ihr nicht sterben müsst, sondern erlöst und befreit werdet“.
Gott sieht das Elend seiner Leute in Ägypten; sieht das Elend in der Welt, das Elend – in der Regel menschengemacht, sieht das Töten, das Verletzen mit Worten und mit Taten, sieht das Schweigen dazu, sieht die Bequemlichkeit, die lieber wegschaut als sich einzumischen, sieht vieles mehr.

Und so wie die Menschen oft untereinander leiden und auch an sich selbst, leidet Gott mit uns. Aber auch an uns, seinen Menschen.
Und weil er leidet, sucht er eine Lösung, die weder unsere Freiheit verletzt – schließlich können wir tun, was wir wollen, noch seine Herrlichkeit und Heiligkeit. Und er sucht eine Lösung die das erlittene Unrecht nicht kleinredet.
Er sucht eine Lösung und findet sie, bereitet sie von langer Hand vor.
So wie damals ein Lamm sein Leben lassen musste, um Menschen vor Gottes Zorn zu verschonen, gibt es mit Jesus wieder ein Lamm. Aber diesmal beschließt Gott selbst zu sterben in der Gestalt seines Sohnes Jesus. Jesus beschließt freiwillig sein eigenes Blut zu vergießen, seinen eigenen Leib zu geben.
Damit jedes Leben hinter jedem Türrahmen geschützt ist und wir getrost mit Gott in der Welt leben können, mit Ehrfurcht, aber ohne Angst; dankbar, fröhlich und frei.
V
Jesus aß mit seinen Jüngern, seinen engsten Vertrauten.
Wer am Abendmahl teilnimmt, ist Teil dieser großen Gruppe von Jüngern und Jüngerinnen, eine Gruppe, die es schon sehr lange gibt und die so viel größer ist als unsere Gemeinde.
Wer am Abendmahl teilnimmt – heute Morgen oder an anderen Tagen – bekennt damit: Ich habe es nötig. Ich brauche Schutz und Hilfe, Vergebung und Liebe. Ich brauche Kontakt zu Gott und den anderen.
Der bekennt: Ich habe meine Zukunft nicht wirklich in der Hand. Und weiß gleichzeitig: Das brauche ich ja gar nicht, denn mich hat Gott in der Hand – und der plant sehr, sehr langfristig. Am Ende wird es gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
Jesus ist das Lamm Gottes, das gekommen ist, das gestorben ist, das wieder auferstanden ist. Damit jedes Leben geschützt ist und wir getrost mit Gott in der Welt leben können, mit Ehrfurcht, aber ohne Angst; dankbar, fröhlich und frei.

Predigt 31.1.2021, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Johannes 13,23 – es gilt das gesprochene Wort

Predigt 31.1.2021, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Johannes 13,23 – es gilt das gesprochene Wort
„Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.“

Ikonen als Gebetsform der orthodoxen Kirche kann man schön finden, muss man aber nicht – das soll aber für den Moment mal egal sein.
Jesus ist zu sehen. Und bei ihm ist noch jemand. Er liegt an seiner Brust. Er schmust mit ihm. Die rechte Hand entspannt im linken Ellenbogen, lehnt er sich an ihn. Um diese Person wird es jetzt gehen.
Ich habe eine Bitte: Suchen Sie in Ihrer Erinnerung, in Ihrem Leben folgende Erfahrung: Einen kürzeren oder längeren Moment, in dem Sie ganz dicht bei jemand anderem waren, z.B. so wie hier auf der Ikone an der Brust eines anderen lagen, einmalig oder öfter. Bei Ihren Eltern oder anderen Verwandten. Bei Ihrem Lebenspartner, einem Freund oder einer Freundin.
Überlegen Sie kurz. Ich hoffe und wünsche Ihnen sehr, Sie mögen etwas finden.
Was zeichnet diese Momente aus?
Es sind ruhige Momente, entspannte und geborgene Momente, in den ich mir sicher bin: Ich bin angenommen und geliebt. Im Moment ist alles gut. Im Moment bin ich gut. Im Moment bin ich schön. Ich muss gerade nichts beweisen. Ich werde gerade nicht kritisiert. Ich muss gerade nichts leisten.
Und jetzt eine zweite Bitte: Stellen Sie sich vor, dieser Zustand würde andauern. Einen Moment lang, zwei Momente, drei, vier und immer immer weiter.
Ich wette mit Ihnen: Es sind einige Einwände in Ihrem Innern aufgetaucht. Aber dazu später mehr.
II-1
Die zweite Person auf der Ikone ist eine unbestimmte bestimmte Person aus dem Neuen Testament. Sie ist der sogenannte „Lieblingsjünger“. Johannes überliefert von ihm in seinem Evangelium:
„Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.“ (Johanes 13,23; vgl. auch 19, 26-27; 20, 2-10; 21,7).
In dieser Übersetzung von Martin Luther hört sich das etwas hölzern an. In anderen Übersetzungen wird das sinngemäß so formuliert: „Der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte, saß neben ihm.“ Oder: „… ganz dicht bei ihm.“
Im griechischen Original steht aber tatsächlich: „Er lag an der Brust Jesu.“ Oder man kann auch sagen: „… in seinem Schoß.“
Damals saß man ja nicht am Esstisch, sondern lag auf Liegen.
Und einer der Jünger Jesu lag so dicht bei ihm, dass es dichter nicht mehr ging.
II-2
Jesus soll einen Jünger am liebsten gehabt haben?
Anscheinend war das so.
Ich habe länger nachgedacht, um das zu verstehen. Mir sind Eltern eingefallen, die mehrere Kinder haben. Natürlich soll man kein Kind lieber haben als die anderen. Manchmal ist das aber trotzdem so und das kann ganz schön für Unfrieden sorgen. Aber mal angenommen, Eltern haben alle ihre Kinder gleich lieb, dann ist es trotzdem immer wieder so, dass man einem bestimmten Kind näherstehen kann als einem anderen, z.B. weil es einem wesensverwandter ist als die anderen oder weil der Humor der gleiche ist oder die Lebensauffassung. Mit einem bestimmten der Kinder kann man vielleicht besser reden als mit einem der anderen.
Und so verstehe ich das mit dem Lieblingsjünger.
II-3
Und der hat keinen Namen. Und das ist ungewöhnlich. Denn wir kennen die Namen der wichtigsten Jünger von Jesus.
Der Lieblingsjünger wird aber nicht mit Namen benannt. Seit knapp 2.000 Jahren wird nun spekuliert, wer das sein könnte. Aber egal wie fundiert eine Theorie auch sein mag, wir werden es nicht sicher herausfinden.
Aber es gibt noch eine ganz andere Theorie. Eine, die kein bloßes Herumstochern im historischen Nebel ist und deswegen auch wirklich weiterführt. Diese Theorie besagt: Der Lieblingsjünger hat absichtlich keinen Namen, damit wir unseren Namen einsetzen können. Der Lieblingsjünger ist die Person, die in persönlicher Freundschaft mit Jesus lebt und sich bedingungslos von ihm geliebt weiß. In diesem Sinne kann und soll jeder und jede zum Lieblingsjünger werden.


III-1
So, und jetzt machen wir mit diesen Überlegungen mal weiter mit der Ikone.
Denn Sie haben sie zwei Mal bekommen, bzw. sie ist zwei Mal zu sehen. Einmal das Original, aber dann auch ohne den Kopf des Lieblingsjüngers.
Sie ahnen, warum der Kopf fehlt – damit Sie Ihren da rein setzen können.
Sie hören jetzt einiges dazu. Und dann werden Sie mit dem Segen entlassen, um für sich einzuüben, der Lieblingsjünger, die Lieblingsjüngerin zu sein. Denn das müssen Sie, wenn Sie das wollen, selber machen.
III-2
Jesus sagt mehrmals, was in der Beziehung zu ihm, das Wichtigste ist. Ich zitiere mal drei Gedanken von ihm:
- „Bleibt fest mit mir verbunden, und ich werde ebenso mit euch verbunden bleiben! Denn eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Früchte tragen, sondern nur, wenn sie am Weinstock hängt. Ebenso werdet auch ihr nur Frucht bringen, wenn ihr mit mir verbunden bleibt. Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, der trägt viel Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts ausrichten. Wenn ihr aber fest mit mir verbunden bleibt und euch meine Worte zu Herzen nehmt, dürft ihr von Gott erbitten, was ihr wollt; ihr werdet es erhalten.“ (Johannes 15, 4.5.7)
- „Jesus wählte zwölf von seinen Jüngern aus. Sie sollten ständig bei ihm bleiben und von ihm lernen.“ (Markus 3, 14)
- Jesus kam in ein Dorf, wo er bei einer Frau aufgenommen wurde, die Marta hieß. Maria, ihre Schwester, setzte sich zu Füßen von Jesus hin und hörte ihm aufmerksam zu. (Dazu sagte Jesus:) Nur eines ist wirklich wichtig und gut! Maria hat sich für dieses eine entschieden. (Lukas 10, 38.39.42)
Überlieferungen aus drei verschiedenen Evangelien, die eins gemeinsam haben: „Bleibt bei Jesus. Bleibt mit ihm verbunden.“
III-3
Zur Praxis des Übens:
Sie brauchen etwas Zeit. Je weniger Sie das einüben, umso mehr. Setzen Sie sich oder liegen Sie. Und stellen sich die Szene vor: Jesus ist bei Ihnen und Sie sind an seiner Seite. Sitzen neben ihm und legen Ihren Kopf an seiner Schulter oder Sie liegen bei ihm und betten Ihren Kopf in seinen Schoß, an seine Brust. Jesus segnet Sie, wie auf der Ikone abgebildet. Sie hören seine Stimme: „Ich liebe dich. Du gehörst zu mir. Ich freue mich, denn du bist da. Du kannst nichts tun, damit ich dich mehr liebe. Nichts, von dem, was du tust, führt dazu, dass ich dich weniger liebe.“ (vgl. Markus 1,11)
Und dann machen Sie – gar nichts, außer da zu bleiben.
III-4
Was dann konkret geschehen kann, erzählt uns jetzt Claudia Botzner:
„Der Anlass , mich auf einen Meditations-und Gebetsversuch einzulassen, war ein sehr schönes dünnes Büchlein mit Übungen dazu, das mir ein lieber Freund geschenkt hat. Da ich mich schon längere Zeit, allerdings immer sehr zweifelnd, mit Glaubensfragen auseinandergesetzt habe, war auch dies ein Weg, den ich gerne probieren und prüfen wollte. Denn obwohl ich absolut davon überzeugt bin, dass wir uns immer auch kognitiv und als Menschen der Aufklärung mit den Aussagen der Bibel auseinandersetzen müssen, ist mir doch ebenso bewusst, dass im Gesamten wohl nur ein stimmiges Zusammenwirken von Verstand und Herzenskräften zu möglichen Erkenntnissen eines Gottes oder gar christlichen Gottes führen kann.
Mit Hilfe der Übungen bete ich auf folgende Art und Weise: Ich lege die Hände ineinander, schließe die Augen und spüre tief in meinen Körper und meine Atmung hinein. Ich versinke ein Stück weit in mir und komme ganz im Hier und Jetzt an. Ich lade sowohl Jesus als auch Gott und den Heiligen Geist zu mir ein. Meine Hände werden sehr warm, sie sind nach einiger Zeit wie nicht mehr vorhanden.
Meine Herz fühlt sich größer und anders an. Ich erlebe große wohltuende Stille. Es ist ein so schönes und angenehmes Gefühl und ich versinke in diesem Gefühl ganz und gar. Es ist sehr schön, so da zu sein. Ich kann Jesus bitten, auch da zu sein, ich setze mich zu ihm in meinen inneren Garten oder ich verweile mit ihm an meinem Herzen. Ich kann ihm meine Bitten, Sorgen und Gedanken sagen und übergeben. Im Laufe des Gebetes beschäftige ich mich in meinem durchgehend wachen Geist mit Gebetszeilen oder auch mit Fragen und Themen, die für mich bedeutend sind: In Bildern, in Gedanken, in Stimmungen. Und ich erhalte tatsächlich Antworten:
Ebenfalls Stimmungen, Bilder und manchmal auch direkte Sätze, die plötzlich vorhanden sind und dann auch da bleiben.
Es fühlt sich alles unheimlich gut an. Nicht immer unaufgeregt, denn je nach Situation werde ich aufgeregt und durchlebe auch verschiedene Gefühle, wie Angst, Traurigkeit, Unsicherheit, Schmerz. Aber gegen Ende setze ich mich in einem inneren Bild immer bewusst unter Gottes Blick. Und da darf ich einfach sitzen und es ist richtig gut, wie ich bin. Ich nehme das dann genau so wahr. Ich darf einfach da sein, ruhig werden, mich wohl fühlen und merken, dass ich gar nichts tun muss, sondern so sein kann. Mein gesamtes Fühlen ist in dieser ganzen Zeit so angenehm, dass ich gerne immer noch ein bisschen weitermachen würde.
Auf diese Gebete blickend, kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass ich Reaktionen spüre und erhalte, die ich zumindest nicht unbewusst vorausbestimmt haben kann, denn diese wären mir so einfach überhaupt nicht in den Sinn gekommen. So zum Beispiel das Warmwerden der Hände und das darauffolgende Gefühl, nur noch einen geschlossenen Ring aus zwei Armen zu besitzen. Und noch etwas später spüre ich meine Hände einschließlich meiner Unterarme gar nicht mehr. Auch wäre es mir niemals in den Sinn gekommen, von einem so schönen, angenehmen Gesamtgefühl auszugehen, wenn man doch so lange ganz stillsitzt und sich nur in und mit seinem eigenen Innern beschäftigt. Und zu guter Letzt konnte ich mir aufgrund meiner doch recht zweifelnden Annäherung an die ganze Glaubensfrage einen kleinen inneren Protest nicht verkneifen: Viele Menschen, mich eingeschlossen, stellen sich ja Jesus sicherlich immer ungefähr so vor, wie er uns in Bildern u.Ä. vor Augen geführt wird. Da wirkt er ja schon vom Anblick her sehr friedvoll, liebevoll und sympathisch. Also habe ich ihn mir nach einigen Andachten in meinem Inneren und auch in meinem inneren Garten als echten Punk vorgestellt! Es hat sich nichts verändert!“
III-5
Ich behaupte: Es gibt jetzt mindestens eine Person hier im Raum oder am Bildschirm, die folgendes gedacht hat (oder so ähnlich): „Ich bin doch gar nicht gut genug für Gott. Ich muss erst besser werden.“
Dazu sage ich: Das sind zwei große Lügen.
Oder gedacht: "Alles schön und gut, aber das ist doch nicht das wirkliche Leben. Es gibt noch so viel zu tun und ich soll hier nur faul bei Jesus rumliegen.“
Dazu sage ich: Menschen, die während eines Nahtoderlebnisses das göttliche Licht und die göttliche Liebe erfahren haben, erzählen, wie das bei Ihnen eine Reue ausgelöst hat. Aber nicht eine Reue über all das Schlechte, was sie in ihrem Leben getan haben, sondern die reumütige Frage: „Warum habe ich bis jetzt nicht viel, viel mehr aus und in dieser göttlichen Liebe gelebt, diesem göttlichen Licht, dieser göttlichen Gegenwart?“
Für diese Frage und Entdeckung braucht man zum Glück nicht zwingend ein Nahtoderlebnis. Es reicht auch so eine Übung.
III-6
Die machen Sie am besten regelmäßig. Sie werden Ihre eigene Form finden und irgendwann feststellen: Sie können diese Übung auch dann machen, wenn Sie gerade staubsaugen, an einer Sitzung teilnehmen oder Auto fahren. Und irgendwann irgendwann ist die Übung keine Übung mehr, sondern ihr Leben.
Ein Leben in der Gegenwart Gottes, das Frucht bringt.
„Jesus kam in ein Dorf, wo er bei einer Frau aufgenommen wurde, die Marta hieß. Maria, ihre Schwester, setzte sich zu Füßen von Jesus hin und hörte ihm aufmerksam zu. (Dazu sagte Jesus:) Nur eines ist wirklich wichtig und gut! Maria hat sich für dieses eine entschieden.“ (Lukas 10, 38.39.42) Für was entscheiden Sie sich?

Predigt 17.1.2021, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabin-ski, zu Genesis 2, 7 – es gilt das gesprochene Wort

„Da nahm Gott Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch lebendig.“

I
Ich habe hier ein paar Dinge, die für uns alle sehr, sehr wichtig sind, denn wir bestehen aus ihnen:
Zum größten Teil sind wir Wasser, dann Eiweiß und Calcium (dargestellt durch ein Ei). Dann Fett, Salze und Zucker. Dazu noch andere Mineralien und einige andere Stoffe in z. T. ganz kleinen Mengen.
Richtig, und doch zumindest komisch, denn wir lassen uns ja nicht auf unsere materiellen Bestandteile reduzieren.
Zeigen: Handvoll Erde à daraus bestehen wir:
Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub. Wer seinen eigenen Kompost hat, kann das beobachten. Egal welchen organischen Stoff man dazu tut, über kurz oder lang wird er zu Erde.
Daraus bestehen wir.
Richtig, und doch zumindest komisch, denn wir erleben uns und die andern ja ganz anders als bloß ein Haufen laufender Erde
Und wenn man noch kleiner geht, wird es noch merkwürdiger. Auf der Ebene der Chemie ist das Leben erstaunlich einfach: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, ein wenig Calcium, etwas Chlor und Phosphor, ein Schuss Schwefel, eine kleine Prise von ein paar anderen ganz gewöhnlichen Elementen - nichts, was man nicht in jeder normalen Apotheke finden würde -, das ist alles, was man braucht.
Richtig, und doch zumindest komisch, denn wir erleben ja uns und die andern ja ganz anders als bloß eine sprechende Ansammlung von Chemikalien.
Das wird mir immer dann ganz deutlich, wenn ich mit Menschen spreche, die einen Angehörigen verloren haben. Manche sagen zwar, der oder die Tote sehe aus, als ob er oder sie schlafe. Aber das stimmt ja nicht wirklich. Wer genau hinguckt, stellt nämlich etwas Erstaunliches fest: „Das ist nicht mehr mein Mann. Das ist nicht mehr meine Frau. Sie sieht noch so aus. Aber sie ist es nicht mehr.“
Richtig: Da fehlt was! Nämlich das Leben.
Aber was ist das?
Und noch viel merkwürdiger wird es, wenn wir in noch tiefere Ebene gehen, wie z.B. die Ebene der Atome, aus denen die Stoffe bestehen, aus denen wir bestehen.
Unglaublich viele Atome bilden uns. Ich habe Helmut Sitzmann als Chemiker mal gefragt und er nannte mir für einen Menschen, der 75 kg wiegt, die unvorstellbare Zahl von 6668 Quadrillionen Atome, aus denen er oder sie besteht. Eine Quadrillion hat 24 Nullen hinter der 1 – eine Million bloß sechs! Und davon 6668!
Momentan gehen wir davon aus: Es gibt mehr Atome in einem einzelnen Menschen als es Sterne im ganzen Universum gibt.
Das Verrückte ist: Wir leben, aber kein einziges Atom lebt!
Keins der vielen Atome, aus denen ich bestehe, weiß dass es mich gibt!
Auseinandergenommen bliebe etwas Staub übrig, der doch zuvor „ich“ war. Dennoch gehorchen sie für die Zeit meines Daseins einem einzigen, übergeordneten Impuls: Die Atome sorgen dafür, dass wir wir bleiben.
Irgendwann aber fallen sie einfach auseinander, gehen ihrer Wege und bilden wieder etwas anderes. (Das bedeutet u.a. auch: In mir befinden sich Atome, die z.B. mal in einem Dinosaurier steckten oder in der Sonne. Auf dieser Ebene sind wir mit allem verbunden.)
Geistlose Dinge bilden etwas Lebendiges, bilden Lebewesen, bilden mich. Tote Materie formt etwas Lebendiges, formt Lebewesen, formt mich.
II
Ich finde immer wieder erstaunlich: Es gibt Menschen, die das schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, die sich mit dem zufrieden geben, was sie sehen.
Das Leben kann man zwar analysieren, aber nicht erklären.
Das Leben hat immer eine spirituelle Dimension!
Das wissen wir seit jeher. In unserer heiligen Schrift wird das folgendermaßen formuliert: „Da nahm Gott Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch lebendig.“ (1Mo 2,7)
Das ist wahr, selbst wenn es historisch nicht richtig ist. Soweit wir bis jetzt wissen, hat nicht eines Tages eine unsichtbare Hand Erde zusammengeschoben bis die Form eines menschlichen Körpers erreicht war und der hat sich dann plötzlich bewegt. Aber es ist trotzdem wahr. Wir leben, weil zu den toten Stoffen das Leben dazukommt. Und das kommt nicht aus uns heraus. „Da nahm Gott Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch lebendig.“
Gott gibt das Leben, den Lebensatem, die Lebensenergie, das ordnende Prinzip – wie man das auch nennen mag.
Eine unsichtbare Kraft – der Geist Gottes; der Heilige Geist; Gott in uns; Gottes gute Kraft in mir.
Aber leider Gottes neigen wir dazu, das nicht wahrzunehmen, es zu vergessen, es zu ignorieren. Und damit Gott in unserem Leben außen vor zu lassen – obwohl er doch mitten drin steckt - und nur bei uns zu bleiben. Neigen wir dazu alleine zu Recht kommen zu wollen; das Sichtbare zu überschätzen und den Unsichtbaren nicht zu bemerken. Neigen dazu zu vergessen: Wir sind nicht alleine, sondern Gottes Geist lebt in uns.
Gott ist nicht etwas neben der Wirklichkeit, sondern mitten in ihr und zeigt sich mitten durch sie hindurch, „in guten wie in bösen Tagen“.
So wie Gott gefallen hat, in Jesus ein Mensch zu werden, gefällt es ihm mit seiner Energie in jedem Menschen zu sein.
II
Das ist wahr und gilt für jeden.
Aber es kommt noch besser. Das gilt noch einmal in besonderer Weise für alle, die ihm vertrauen oder zumindest vertrauen wollen.
Denn dadurch wird diese Verbindung, die Gott sowieso schon zu uns hat, sehr viel intensiver. Wer Gott vertraut oder es zumindest möchte, der baut ja dann von sich aus auch eine Beziehung zu ihm auf. Sie verstärkt sich sozusagen.
Anders formuliert: Wir können den Platz, den Gott in uns hat, reduzieren bis dahin, dass wir nur noch existieren. Wir können ihm aber auch Raum geben, damit wir leben.
In den Worten des Apostels Paulus lautet das so: „Lasst den Geist Gottes ungehindert wirken.“ (vgl. 1Thessalonicher 5,19). Dieser Gedanke ergibt nur dann Sinn, wenn wir ihn auch daran hindern können zu wirken.
Paulus nennt in einem anderen seiner Briefe einmal die Möglichkeiten, die wir in uns haben, wenn wir darauf vertrauen, dass Gott in uns lebt und seinem Geist Platz machen:
„Der Geist Gottes bringt in unserem Leben nur Gutes hervor: Liebe und Freude, Frieden und Geduld, Freundlichkeit, Güte und Treue, Besonnenheit und Selbstbeherrschung.“ (Galater 5, 22f)
Anders herum gesagt: Hass und Freudlosigkeit, Unfrieden und Ungeduld, Unfreundlichkeit, Hartherzigkeit, Engstirnigkeit, Geiz, Neid, Gier, dem anderen nichts Gutes gönnen – das alles sind keine Zeichen von Gottvertrauen – im Gegenteil.
Sie können das als ganz einfachen Anzeiger nehmen, wieviel Platz Sie Gott schon gegeben haben in Ihrem Leben. Je mehr von dem einen in ihnen ist, umso mehr Platz; je mehr von dem anderen, je weniger.
III
An Jesus können wir sehr gut sehen, was das alles praktisch bedeutet. Er hat, wie wohl vor oder nach ihm kein Mensch, in dem Vertrauen gelebt: Gott ist in mir. Und er hat ihm so viel Raum gegeben wie vor oder nach ihm wohl kein andere Mensch.
Und deswegen
- schlief er z. B. in einem Boot mitten in einem Sturm, der allen anderen Todesangst einjagte, denn er wusste sich geborgen in allem was geschieht.
- konnte er z. B. auf eine unglaubliche Art lieben, selbst die, die ihm schadeten.
- konnte er z. B. dem Drang widerstehen zurückzuschlagen und war geduldig und freundlich – unabhängig von der Tagesform, - ohne deswegen auf eine klare Meinung zu Recht und Unrecht zu verzichten.
- hatte er z. B. Hoffnung, im Leben, im Sterben und darüber hinaus.
Was bedeutet das jetzt alles für Sie, mich und uns?
Nun, da steckt zum einen dieser tolle Zuspruch drin: „Ich bin es wert, dass Gott in mir lebt und wirkt.“
Aber dann auch ein gehöriger Anspruch: Gebt diesem Geist Raum. „Wer von sich sagt, dass er zu Christus gehört, der soll auch so leben, wie Christus gelebt hat.“ (1. Johannes 2,6)
Ein Anspruch an dem wir auch immer wieder scheitern, aber er bleibt trotzdem.
Jetzt ist Jesus der Sohn Gottes. Aber ich bin ja auch einer. Er ist ein Kind Gottes, so wie wir alle es sind. Aber er ist es so, wie Gott es sich gedacht hat; so wie er sich uns gedacht hat.
Bei diesem Anspruch geht es jetzt nicht darum, zu versuchen Jesus ähnlicher zu werden. Ich kann Ihnen und euch definitiv sagen: Das klappt nicht!,
Was aber klappt ist es zu trainieren, wie Jesus zu sein. Wer es trainiert, der kann und wird vorwärtskommen.
1. Dazu gibt es eine Menge Trainingstyps, sozusagen für die „spirituellen Muskeln“..
- So sich z.B. während des Tages immer mal wieder daran erinnern: „Gott ist da! Ich bin jetzt mit ihm verbunden!“
- Morgens vor dem Aufstehen Gott sagen: „Ich möchte dir heute Platz geben in meinem Leben. Ich möchte dich heute bemerken.“
Ich garantiere Ihnen Erstaunliches.
- Abends kurz auf den Tag zurückschauen und dabei drei Dinge finden, die gut waren und mir von Gott, dem Geber aller guten Gaben, geschenkt wurden.
- Das Beten überhaupt zu etwas ganz Gewöhnlichem zu machen. Die Dinge, die einen beschäftigen - egal was - nicht für sich denken, sondern sie auch Gott sagen.
- Die Bibel lesen und Sätze aus der Bibel, die Ihnen etwas bedeuten, auswendig lernen.
- Die Gemeinschaft der Gläubigen im Gottesdienst für sich entdecken.
2. Wer für sich begreift: „Ich bin ein Kind Gottes; bin unendlich und ständig geliebt. In mir steckt Gottes Kraft. In mir wirkt der Heilige Geist wirkt“, der kann doch nicht ernsthaft glauben, dass das nur auf ihn zutrifft und nicht auf die anderen.
Wenn aber der andere auch ein Kind Gottes ist – der, dem ich gerade begegne – dann tut es uns beiden gut, wenn ich mir das im Moment der Begegnung klarmache: „Gott lebt auch in diesem Menschen. Seine Kraft ist in mir und in ihm.“
Wissen Sie, wenn wir einander begegnen, dann begegnen wir im anderen auch Gott. Und können dann diese Begegnung nutzen um uns in der Liebe zu üben.
Denn die ist nach Jesu Worten das Wichtigste: Die Liebe zu Gott, zu den anderen, zu mir, ja auch zu denen, die mir bös wollen und mir dumm kommen.
Jede Begegnung – auch die unangenehme - ist eine Trainingseinheit, um Gottes Kraft, seinem Geist, in mir mehr Platz zu geben.
Die alten Überlieferungen aus der Bibel sind doch nicht dazu da, damit wir wissen, was früher mal passiert ist oder was früher mal jemand erlebt und gedacht hat. Nein: Sie sind dazu da, damit Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen können – in mir und durch mich; in Ihnen und durch Sie.
Gebt dem Geist Gottes Raum!

Predigt 27.12.2020, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Lk 2, 21-38 – es gilt das gesprochene Wort

21 Am achten Tag nach der Geburt wurde das Kind beschnitten, wie es üblich war. Es erhielt den Namen Jesus; den hatte der Engel genannt, noch ehe Maria das Kind empfangen hatte. 22 Als die Zeit vorüber war, in der laut dem Gesetz von Mose eine Frau nach der Geburt als unrein gilt, brachten Josef und Maria das Kind nach Jerusalem, um es dem Herrn zu weihen. 23 Denn im Gesetz des Herrn heißt es: »Jeder älteste Sohn und jedes erstgeborene männliche Tier sollen dem Herrn gehören.« 24 Gleichzeitig brachten sie auch das vorgeschriebene Reinigungsopfer für Maria dar: Man musste zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben opfern. 25 Damals wohnte in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er lebte nach Gottes Willen, hatte Ehrfurcht vor ihm und wartete voller Sehnsucht auf den Retter Israels. Der Heilige Geist ruhte auf Simeon, 26 und durch ihn wusste er, dass er nicht sterben würde, bevor er den Christus, den vom Herrn gesandten Retter, gesehen hätte. 27 Vom Heiligen Geist geführt, war er an diesem Tag in den Tempel gegangen. Als Maria und Josef ihr Kind hereinbrachten, um es – wie im Gesetz vorgeschrieben – Gott zu weihen, 28 nahm Simeon Jesus in seine Arme und lobte Gott: 29 »Herr, du hast dein Wort gehalten, jetzt kann ich, dein Diener, in Frieden sterben. 30 Ich habe es mit eigenen Augen gesehen: Du hast uns Rettung gebracht, 31 die ganze Welt wird es erfahren. 32 Dein Licht erleuchtet alle Völker, und deinem Volk Israel bringt es Größe und Herrlichkeit.« 33 Maria und Josef wunderten sich über seine Worte. 34 Simeon segnete sie und sagte dann zu Maria: »Gott hat dieses Kind dazu bestimmt, die Israeliten vor die Entscheidung zu stellen: ob sie zu Fall kommen oder gerettet werden. Durch ihn setzt Gott ein Zeichen, gegen das sich viele auflehnen werden. 35 So zeigt er, was in ihrem Innern vor sich geht. Der Schmerz darüber wird dir wie ein Schwert durchs Herz dringen.« 36 An diesem Tag hielt sich auch die alte Prophetin Hanna im Tempel auf, eine Tochter von Phanuël aus dem Stamm Asser. Sie war nur sieben Jahre verheiratet gewesen, 37 seit langer Zeit Witwe und nun eine alte Frau von 84 Jahren. Hanna brachte ihre ganze Zeit im Tempel zu. Um Gott zu dienen, betete und fastete sie Tag und Nacht. 38 Während Simeon noch mit Maria und Josef sprach, trat sie hinzu und begann ebenfalls, Gott zu loben. Allen, die auf die Rettung Jerusalems warteten, erzählte sie von diesem Kind.

In der Überlieferung der Geburt Jesu im NT kommen alle möglichen Personen vor: Hirten und Engel, die Weisen aus dem Morgenland, Maria und Josef natürlich, der mächtige Kaiser Augustus, der grausame König Herodes, aber von der Person, wegen der alles in Bewegung gerät, wird nur ganz kurz berichtet: „Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.“ (Lk 2, 7a)
Das war’s. Mehr wird nicht gesagt. Die Personen drumherum haben viel mehr Platz in der Geschichte als die Hauptfigur selbst. Es wird nichts erzählt von einem Strahlen, das von der Krippe ausging, nichts von einem göttlichen Leuchten aus dem Stall – nur von Windeln und einer Futterkrippe.
Windeln braucht‘s bis heute und auch wenn die Krippe ein ungewöhnlicher Ort ist um ein Kind abzulegen, deutet nichts auf eine ungewöhnliche oder heilige göttliche Geburt hin. Soweit ich das als Mann beurteilen kann, eine normale durchschnittliche Angelegenheit. Und normal und durchschnittlich geht es weiter – zumindest wenn man ein religiöser Jude ist und die religiösen Regeln befolgt:
Lk 2, 22-24: „Als die Zeit vorüber war, in der laut dem Gesetz von Mose eine Frau nach der Geburt als unrein gilt, brachten Josef und Maria das Kind nach Jerusalem, um es dem Herrn zu weihen. 23 Denn im Gesetz des Herrn heißt es: »Jeder älteste Sohn und jedes erstgeborene männliche Tier sollen dem Herrn gehören.« 24 Gleichzeitig brachten sie auch das vorgeschriebene Reinigungsopfer für Maria dar: Man musste zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben opfern.“
Nach acht Tagen wird Jesus, wie jeder jüdische Junge, beschnitten. Weil Maria nach der Geburt für 40 Tage im rituellen Sinne als unrein gilt, muss sie ein Tieropfer im Tempel in Jerusalem bringen, damit sie wieder am Gottesdienst teilnehmen darf. Und weil Jesus das erste Kind ist, muss es „ausgelöst“ werden. Denn Gott hat durch Mose im AT verfügt: „Jeder erstgeborene Sohn gehört mir.“ (2. Mose 13, 2.12.13) Damit er aber doch bei seiner Familie bleiben kann, muss auch für ihn im Tempel ein Opfer gebracht werden.
Das alles muss man nicht verstehen, aber eins wird deutlich: Jesus kommt aus einer typischen jüdischen Familie und war ein Jude. (Allein das müsste doch schon reichen, damit wir Christen uns jeder Judenfeindlichkeit enthalten.)
Wie gesagt: Bis jetzt ist alles im damaligen normalen religiösen und alltäglichen Rahmen und Jesus ein normaler – Gott sei Dank – gesunder jüdischer Bub.
Aber da war doch der Engel, der Maria voraussagte, sie werde schwanger werden und ein besonderes Kind zur Welt bringen. Und dann waren da doch noch die Hirten, die wundersame Dinge erzählten von Engeln auf dem Felde.
Um dieses Kind ist etwas Besonderes, Mysteriöses, Geheimnisvolles. Göttliche Kräfte wirken um ihn herum.
Göttliche Kräfte, die auch andere Menschen wahrnehmen und spüren. So überliefert Lukas in seinem Evangelium weiter:
Lk 2, 25-33: „25 Damals wohnte in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er lebte nach Gottes Willen, hatte Ehrfurcht vor ihm und wartete voller Sehnsucht auf den Retter Israels. Der Heilige Geist ruhte auf Simeon, 26 und durch ihn wusste er, dass er nicht sterben würde, bevor er den Christus, den vom Herrn gesandten Retter, gesehen hätte. 27 Vom Heiligen Geist geführt, war er an diesem Tag in den Tempel gegangen. Als Maria und Josef ihr Kind hereinbrachten, um es – wie im Gesetz vorgeschrieben – Gott zu weihen, 28 nahm Simeon Jesus in seine Arme und lobte Gott: 29 »Herr, du hast dein Wort gehalten, jetzt kann ich, dein Diener, in Frieden sterben. 30 Ich habe es mit eigenen Augen gesehen: Du hast uns Rettung gebracht, 31 die ganze Welt wird es erfahren. 32 Dein Licht erleuchtet alle Völker, und deinem Volk Israel bringt es Größe und Herrlichkeit.« 33 Maria und Josef wunderten sich über seine Worte.“
Die Rettung sei dieses Kind sagt Simeon, das Licht und ein Zeichen Gottes. Obwohl er nur ein sechs Wochen altes Kind sieht. Gott hat ihm irgendwie die Gewissheit gegeben: „Du wirst nicht eher sterben, als bis du den versprochenen Retter siehst.“ Und so wartet er und wartet und wartet – voller Sehnsucht.
Seine Frömmigkeit zeichnet sich unter anderem durch sehnsüchtiges Warten aus. Anders gesagt: Er war noch nicht fertig mit sich und der Welt. Sehnsüchte zu haben zeugt von innerer Lebendigkeit! Hoffnung zu haben zeugt von Lebenswillen. Ganz allgemein gilt: Wer Hoffnungen und Sehnsüchte hat, kommt weiter im Leben als der hoffnungslos fertig mit allen ist und gibt sich nicht vorschnell zufrieden mit dem, was nicht gut ist.
Wer Gott gegenüber Hoffnungen und Sehnsüchte hat, der betet viel erwartungsvoller, viel intensiver; achtet mehr auf Gottes Gegenwart.
Macht es wie Simeon: Haltet eure Hoffnungen und Sehnsüchte wach. Seid nicht zu schnell zufrieden. Bezieht Gott und seine Möglichkeiten in eure Pläne mit ein. Prüft, ob eure Wünsche und Sehnsüchte gottgefällig sind, aber wenn sie das sind, dann lasst nicht locker, weder in eurem Leben noch im Gebet. Wer von Gott nichts erwartet, dessen Glauben und Frömmigkeit werden starr und steif. Simeon dagegen wartet voller Vertrauen: Gott wird handeln. Und sein Vertrauen wird belohnt. Er sieht das Kind von Maria und Josef und weiß innerlich: „Mein Leben hat sich gelohnt, denn ich habe den Sohn Gottes kennengelernt.“ Das ist Gottes Sicht der Dinge: Unser Leben hat sich dann gelohnt, wenn wir seinen Sohn kennen und ihm vertrauen, ganz egal, was wir sonst in unserem Leben alles geleistet haben oder eben auch nicht geleistet haben. Wir müssen weder Gott etwas beweisen (was sowieso nicht geht) noch uns noch anderen.
Simeon kann jetzt in Frieden sterben. So wie das jeder tun kann, der weiß: Ich gehöre zu Jesus Christus. Ihr könnt mir glauben: Es ist ein echter Unterscheid zu merken, ob jemand voller Gottvertrauen schwer krank ist, sterbenskrank oder nicht. Ob jemand voller Gottvertrauen stirbt oder nicht. Ich habe schon mehrmals erlebt, wie sehr ich im ersten Fall getröstet weggegangen bin obwohl ich doch zum Trösten gerufen wurde.
Was erkennt Simeon in diesem Kind? Er sieht in ihm das Licht Gottes:
Lk 2, 32: „Dein Licht erleuchtet alle Völker.“
Das ist erstaunlich, denn zu sehen ist ja davon wenig. Und genau deswegen nennt Simeon diesen Jungen ein „Zeichen Gottes“.
Ein Zeichen, das ist ein Hinweis, so wie z.B. ein Wegweiser. Man kann ihm folgen, aber man muss nicht. Der Sohn Gottes sieht aus wie ein normales Kind, später wie ein normaler erwachsener Mann. Und doch ist mit ihm etwas Besonderes: Er spricht in beeindruckenden Worten und Bildern von Gott dem Vater. Er streitet voller Autorität mit den religiösen Führern herum. Er vergibt Sünden, heilt Kranke und erweckt Tote wieder zum Leben. Überwindet selbst den Tod. Ein Zeichen: Gott ist mit diesem Mann, in diesem Mann. Ein Zeichen, dem man folgen kann, aber nicht muss.
Simeon sieht das voraus: Lk 2, 34-35: „34 Simeon segnete sie und sagte dann zu Maria: »Gott hat dieses Kind dazu bestimmt, die Israeliten vor die Entscheidung zu stellen: ob sie zu Fall kommen oder gerettet werden. Durch ihn setzt Gott ein Zeichen, gegen das sich viele auflehnen werden. 35 So zeigt er, was in ihrem Innern vor sich geht. Der Schmerz darüber wird dir wie ein Schwert durchs Herz dringen.«“
Jesus - ein Zeichen, dem man folgen kann, aber nicht muss. Das eindrücklichste Beispiel dafür ist, als Jesus seinen toten Freund Lazarus wieder zum Leben auferweckt. (Joh 11, 1-44) Das erzeugt fassungsloses Staunen, große Freude und starken Glauben. Aber gleichzeitig nehmen das die religiösen Führer zum Anlass ihn töten zu wollen, weil sie seinen Einfluss fürchten, der ihren schmälern könnte. (Joh 11, 45-53)
Simeon hat Recht: Jesus ist ein Zeichen – Gott hat die Welt weder vergessen noch verlassen. Seine Liebe ist und bleibt da. Man kann ihn erfahren und erleben. Es ist bis heute möglich, ein Wunder Gottes zu erleben und dann hinterher zu sagen: „Mann, habe ich ein Glück“, oder „Das Schicksal meint es aber gut mit mir.“ Was Gott möchte ist Vertrauen. (Hebräer 11,6)
Ich meine, er könnte ja auch groß an den Himmel schreiben: „Es gibt mich!“ Er könnte mit Engeln, Posaunen, Feuer, Licht und Getöse jedem Menschen erscheinen. Dann wäre das auch dem letzten klar.
Aber was er macht, ist in einem Kind zu erscheinen und Glauben zu verlangen.
Im Moment unseres Todes wird jeder von uns zum Experten zu der Frage: „Gibt es Gott oder die Götter und wenn ja, wie ist er oder sie?“ Aber das hilft uns ja hier und heute nicht.Nein, Gott will Glauben, will Vertrauen.
Und das ist – nicht nur, aber auch – eine Frage, wie ich mich entscheide. Glaube ich Jesus? Oder will ich das zumindest? Oder will ich es wenigsten wollen? Oder eher nicht?
Jesus hat als Erwachsener als Zeichen Gottes einen ernsten Anspruch: „Kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft von der Liebe Gottes!“ Er hat klipp und klar erklärt: „An mir kommt keiner vorbei! Wie jemand zu mir steht, das entscheidet darüber, wie sein Leben beurteilt wird und wo dieser jemand die Ewigkeit verbringt.“ (vgl. z.B. Joh 14,6)
Simeon sagte zu Maria: „Dieser Junge wird ein Zeichen Gottes sein, gegen das sich viele auflehnen werden.“ Und er hat recht. Entweder hat Jesus recht und er ist tatsächlich der Sohn Gottes oder Jesus war größenwahnsinnig und ein Schwindler. Eine andere Möglichkeit bleibt nicht, wenn wir das ernst nehmen, was von ihm berichtet wird.
Aber wie erkennt Simeon das alles? Wo er doch nur das Kind sieht? Gott zeigt es ihm. Er lässt es ihn erkennen. Und das ist bis heute so geblieben. Gott wird ein Mensch aus Fleisch und Blut - um dieses Wunder zu erfassen, reicht unser Gehirn nicht aus. Mein Sohn Samuel hat einmal mit einem Moslem darüber gesprochen und dessen Antwort war: „Gott wird kein Mensch. Gott ist Gott, allmächtig und im Himmel!“
Vollständig begreifen können wir das nicht. Aber allein schon um es zu erkennen, brauchen wir Gottes Hilfe. „Simeon war erfüllt von Gottes Heiligen Geist“, überliefert folgerichtig auch Lukas.
Sol heißen: Wer mit all seinen Zweifeln Jesus vertraut als dem Sohn Gottes, der sei dankbar dafür. Und wer ihm vertrauen will oder wenigsten will ihm vertrauen zu wollen, der bitte um göttlichen Hilfe.
Zum Schluss kündigt Simeon Maria mit diesem Kind auch großen Schmerz an. Sie wird erleben, wie ihr Sohn von vielen Menschen abgelehnt wird. Und sie wird erleben, wie ihr Sohn vor ihr stirbt, sie muss sein Sterben mitansehen und ihn begraben.
Aber Gott sei Dank wird sie auch erleben, wie Gott ihm ein neues Leben gibt.
Und obwohl Maria insofern ein besonderer Mensch war, weil sie Jesus in sich trug, ist sie doch niemand abgehobenes. Soll heißen: Wenn Maria Großes mit Gott erlebt, werden wir das auch: Gott wird es gut und sinnvoll machen. Nicht alles sofort, aber spätestens wir ihm tatsächlich ins Gesicht sehen.
Und ganz zum Schluss kommt noch eine andere Person dazu: Lk 2, 36-38: „36 An diesem Tag hielt sich auch die alte Prophetin Hanna im Tempel auf, eine Tochter von Phanuël aus dem Stamm Asser. Sie war nur sieben Jahre verheiratet gewesen, 37 seit langer Zeit Witwe und nun eine alte Frau von 84 Jahren. Hanna brachte ihre ganze Zeit im Tempel zu. Um Gott zu dienen, betete und fastete sie Tag und Nacht. 38 Während Simeon noch mit Maria und Josef sprach, trat sie hinzu und begann ebenfalls, Gott zu loben. Allen, die auf die Rettung Jerusalems warteten, erzählte sie von diesem Kind.“
Wer das Licht gesehen hat, erfahren hat; wer Gottes Liebe und Gegenwart in seinem Herzen, in seinem Leben spürt, dem fällt es schwer mitanzusehen, wie sehr sich viele ohne Hoffnung abplagen; wie vielen dieser Jesus einfach egal ist und die deshalb Gefahr laufen, für alle Ewigkeit von Gott getrennt zu sein.
Deshalb ist es wichtig, es so zu machen, wie Hanna. Sie sieht den Jungen, erkennt in ihm den versprochenen Retter und erzählt weiter, was sie erlebt hat und was sie empfunden hat. Nichts Großartiges, keine großen Worte. Damit belästigt man niemanden, sondern im Gegenteil: Man gibt anderen ebenfalls die Möglichkeit in Kontakt zu kommen mit dem Schöpfer des Universums und seinen Möglichkeiten; dem Schöpfer, der als Säugling auftaucht und später von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und Leben. Ohne mich kann niemand zu Gott dem Vater kommen. Glücklich schätzen kann sich jeder, der nicht Anstoß an mir nimmt.“ (Joh 14,6; Lk 7,23)

Predigt 25.12.2020, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu 1. Johannes 1, 1-4 – es gilt das gesprochene Wort



1 Das Wort, das zum Leben führt, war von Anfang an da. Wir haben es selbst gehört und mit eigenen Augen gesehen, ja, wir haben es angeschaut und sogar mit unseren Händen berührt. 2 Dieses Leben ist offenbar geworden. Wir haben es gesehen und können es bezeugen. Deshalb verkünden wir die Botschaft vom ewigen Leben. Es war bei Gott, dem Vater, und hat sich uns gezeigt. 3 Was wir nun selbst gesehen und gehört haben, das geben wir euch weiter, damit auch ihr mit uns im Glauben verbunden seid. So haben wir Gemeinschaft miteinander und zugleich mit Gott, dem Vater, und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4 Wir schreiben euch das, damit wir uns von ganzem Herzen freuen können

Vor der Predigt wird das Duftspray „Weihnachtsstimmung“ versprüht.
An was erinnert euch dieser Geruch? Angenehme Erinnerungen? Welche Gefühle stellen sich ein? Welche Erwartungen?
Duftspray wird in Geschäften gezielt eingesetzt!
Was so ein Duft alles auslösen kann!
Der Geruchssinn kann verloren gehen, wenn sich jemand mit dem Coronavirus infiziert hat. Das ist eine viel größere Einschränkung als man vermuten mag. Nichts mehr riechen, das bedeutet viel weniger zu schmecken. Außer süß, salzig, sauer und bitter kann man nichts mehr erkennen. Kein Abschmecken des Essens mehr, kein Genuss mehr.
So ein bisschen Weihnachtsduft und sofort stellen sich viele Gefühle, Erinnerungen und Erwartungen ein - ohne darüber nachzudenken, sogar ohne das zu wollen.
Hören, sehen, schmecken, riechen, fühlen – so bekommen wir unsere Informationen darüber, was um uns herum so los ist.
Wir hören die Musik, sehen den Raum um uns herum, schmecken Brot und Wein, riechen die Kerzen, …
Unsere Sinneseindrücke sagen uns, wie die Welt ist.
Manche Menschen ziehen daraus weitreichende Folgen, wenn sie z.B. sagen: „Ich glaube nur, was ich sehe.“
Wörtlich genommen, greift das etwas kurz. Schließlich gibt es eine Menge, was wir nicht sehen können und das trotzdem da ist, wie etwa der Wind oder elektrischer Strom. Aber dahintersteckt: „Ich glaube nur, was ich mit meinen Sinnen erfahren kann.“
Aber auch das greift zu kurz. Denn ich mit meinem Verstand und meinem Erleben bin ja nicht das Maß aller Dinge. Es gibt viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als sich unsere Schulweisheit erträumen lässt.
Trotzdem: Diese Einstellung - „Ich glaube nur, was ich mit meinen Sinnen erfahren kann, was ich schon erfahren habe und mir deswegen auch vorstellen kann.“ - praktizieren wir in aller Regel in unserem Alltag.
Bloß Gott fällt da irgendwie raus. Den kann ich weder sehen, noch mit meinen Ohren hören, weder mit meinen Händen fühlen, noch riechen, noch schmecken.
II
Wobei das nicht auf alle Menschen zutrifft! Denn bei den Zeitgenossen von Jesus war das ja anders. So schreibt z.B. Johannes, als Jünger von Jesus, in seinem 1. Brief:
Lesung 1Joh 1, 1-4.
Was er sagen will, ist: Gott hat einen Geruch bekommen, als er im Stall von Bethlehem auf die Welt gekommen ist in der Gestalt von Jesus – den Geruch eines Babys. Er hat einen Klang bekommen in der Gestalt von Jesu Stimme. Er hat ein Aussehen bekommen. In der Gestalt von Jesus war Gott ein realer Mensch, hat gelacht und geweint, geschwitzt und geatmet - Gott hat sich erfahrbar gemacht!
Er wurde „Fleisch“. Das ist die wörtliche Übersetzung eines Gedankens aus dem Johannes-Evangelium (Joh 1, 14a). Gott wurde in der Gestalt von Jesus „Fleisch“: Blut und Muskeln, Fett und Speichel.
Diese göttliche Idee ist so absurd, sie muss wahr sein.
Natürlich gibt es in allen Religionen der Welt Götter, die in Menschengestalt umherwandeln. Aber sie machen sich dabei nicht angreifbar; sie begeben sich bei ihren Ausflügen aus den Himmelswelten doch nicht in Lebensgefahr; machen sich doch als Baby komplett abhängig von anderen Menschen.
Maria und Josef aber haben genau das erlebt; genauso wie die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland, Simeon und Hanna.
War es damals deswegen einfacher zu glauben – im Sinne von: „Ich glaube nur, was ich mit meinen Sinnen erfahren kann“?
Nun, ich denke, für die damals war es kein bisschen leichter als für uns heute.
Was haben die Hirten denn gesehen? Einen Stall! Was haben sie gerochen? Mist! Was haben sie angefasst? Ein kleines Baby, das wohl aussah wie 1000e vor und nach ihm; das die gleichen Darmgeräusche von sich gegeben hat wie alle anderen Säuglinge auch.
Gerade kein starker, allwissender, mächtiger Gott, sondern ein kleines Kind, das auf sich alleine gestellt gar nicht überlebensfähig ist. Sie mussten glauben gegen den Augenschein. Sie mussten glauben: In diesem Kind steckt mehr als sie sehen, riechen und hören können.
Und sie haben es geglaubt, im Gegensatz zu vielen anderen, die Jesus auch gesehen und gehört haben, die ihn anfassen konnten, aber dann doch geschrien haben „Kreuzigt ihn! Jesus muss weg, muss sterben!“. Die nur glaubten, was sie gesehen haben – eben nur einen Menschen.
III-1
Warum ist es dann Johannes aber so wichtig, zu betonen: „Ich habe Jesus selbst gesehen und angefasst?
Zum einen sagt er damit: „Liebe Leute, das mit Jesus ist wirklich passiert. Den gab es. Man kann sein Leben historisch einordnen und datieren. Weder ich noch Matthäus oder Markus oder Lukas haben sich da was ausgedacht.“
III-2
Und meiner Meinung nach meint er noch etwas Zweites:
Gott wurde ein Mensch, damit wir gar nicht erst versuchen als Menschen Gott zu sein.
Ich glaube, eine der tiefsten Kränkungen dieser Coronapandemie ist folgendes:
Uns wird mit Macht aufs Brot geschmiert: Wir sind nur Menschen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wir sind als Menschen nur ein Teil dieser Welt. Genauso wie Viren auch ein Teil dieser Welt sind.
Immer wenn wir von unserer „Umwelt“ sprechen, drücken wir mit diesem Begriff aus: Ich stehe in der Mitte und die Welt ist um mich herum. Wir fangen an unsere Umwelt zu schützen, die Klimaerwärmung zu stoppen, wenn uns Schaden droht.
Wir sind Fleisch, teil eines ungeheuer komplexen Geschehens, welches Welt heißt.
Immer wenn wir uns in den Mittelpunkt stellen, stellen wir uns über andere – auch wir Menschen untereinander. Immer wenn wir unser Land in den Mittelpunkt stellen, unser Volk, unsere - wie man früher sagte - „Rasse“, werten wir andere und anderes ab.
Indem Gott ein Mensch wird, sagt er damit auch: Es ist okay ein Mensch zu sein. Es ist okay nicht der Mittelpunkt der Welt zu sein, sondern Fleisch unter anderem Fleisch. Es ist okay nicht Gott zu sein. Immer schneller, höher, weiter, reicher rettet uns nicht. Ganz im Gegenteil: Sich selbst als Teil des Ganzen zu begreifen rettet uns.
III-3
Und dann meint Johannes  noch etwas Drittes:
Zitat V2.
„Jesus ist das Leben. Er bringt ewiges Leben.“
So wichtig Weihnachten ist, für sich alleine es ist doch zu wenig. Es ist mehrdeutig.
Aber Johannes hat auch Ostern erlebt, hat erlebt: Alles, was Jesus über das Leben und den Tod und die Auferstehung gesagt hat, ist wahr. Er hat erlebt: Gottes Macht ist stärker als der Tod. Er erlebte den Tod Jesu und begegnete hinterher dem lebendigen Jesus – konnte ihn anfassen  und berühren.
Ostern war nicht mehr mehrdeutig. Jeder, der den auferstandenen Jesus erlebt hat, erfahren hat, hat ehrfürchtig gestaunt, gläubig gebetet, dankbar gelebt.
Weihnachten ist schön, Weihnachtsduft (sprühen) in jedem Raum, Weihnachten für sich alleine ist zu wenig.
„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem gebor‘n, Und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verlor‘n.“
So hat es der Dichter Angelus Silesius im 17. Jahrhundert ausgedrückt. „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem gebor‘n, Und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verlor‘n.“
Das stimmt.
IV
Das allererste Weihnachten ist schon so lange her. Selbst Ostern ist schon so lange her.
Und wir können beides tatsächlich als vergangene Geschichte betrachten. Man kann beide Feste feiern ohne Christ zu sein, selbst ohne jeden christlichen Hintergrund.
Aber man wird so beiden Festen nicht gerecht.
Und zwar deswegen, weil Jesus einmal gesagt hat: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer mir vertraut, wird leben, selbst wenn er stirbt.“ In den Worten von Johannes lautet das: „Wir verkünden diese Botschaft von Jesus, der das ewige Leben bringt.“ (V2b)
An Ostern wurde deutlich: Das sind keine leeren Worten, keine größenwahnsinnigen Übertreibungen. Nein, Jesus hat den Tod überlebt und ist immer noch da. Und deswegen kann es immer noch Weihnachten in mir werden, kann es immer noch in mir Ostern werden, kann man diesem Jesus immer noch begegnen.
V
Wie das geht?
Nun, die Sehnsucht ist wichtig. Wer Sehnsucht nach diesem ewigen Leben hat, dem Leben mit Gott, das schon hier beginnt und durch den Tod nicht beendet wird, die Sehnsucht, dass Gott in mir geboren wird, der bringe seine Sehnsucht Gott im Gebet.
Was dann passiert?
Manche erleben, wie sie von Gott ergriffen werden,
haben einen Traum mitten am Tag in dem sie ihn treffen,
lesen einen Satz aus der Bibel, der sie umhaut,
hören eine innere Stimme, die sie als Gottes Kind ruft,
erleben ein Wunder,
erfahren: Jesus ist jetzt hier bei mir. Ich bin Gottes geliebtes Kind.
Andere spüren: Der alte Kinderglaube kommt verändert zurück.
Wieder andere merken: Angst und Sorgen werden weniger und das Vertrauen wächst.
Und bei wieder anderen ist es noch anders.
Aber damit etwas passiert und das ewige Leben in meinem Leben, in eurem, in unserem Leben Einzug hält, damit Jesus in mir, in euch, in uns geboren wird, hat Gott beschlossen Fleisch von unserem Fleisch zu werden.
So können wir Gemeinschaft haben untereinander und zugleich mit Gott , dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus
Gesegnete Weihnachten.

Familiengottesdienst 6.12.2020 Bischof Nikolaus und das Kornwunder - Vikar Daniel Götzfried

  • Nikolaus lebte schon seit vielen Jahren in der Hafenstadt Myra. Er war Bischof und erzählte den Menschen von Gott und Jesus. Er kannte die Menschen in der Stadt Myra, hörte sich ihre Sorgen und Nöte an und half ihnen so gut er nur konnte.
  • Täglich fuhren hier Boote und Schiffe in den Hafen und verließen ihn auch wieder. Die Boote brachten ganz unterschiedliche Dinge in die Stadt. Zum Beispiel besondere Stoffe oder Kleidung, manchmal auch Holz oder Steine, um Häuser zu bauen.
  • Seit Wochen ging es den Menschen in Myra sehr schlecht. Es fiel kein Regen vom Himmel und die Erde war schrecklich trocken. Auch die Vorräte waren inzwischen fast alle aufgebraucht. Deshalb mussten die Menschen schrecklichen Hunger leiden. Weil kein Getreide mehr wuchs, konnten sie kein Brot mehr backen.
  • Die Kühe fanden kaum noch Wasser zum Trinken und frisches Gras gab es so gut wir keines mehr. Deshalb waren die Tiere sehr mager geworden und konnten nur noch sehr wenig Milch geben. Die Menschen von Myra wussten, wenn es so weiter geht, mussten sie bald alle verhungern.
  • Voller Hoffnung liefen die Menschen jeden Tag zum Hafen. „Vielleicht kommt heute ein Schiff vorbei, das Essen und Trinken an Bord hat und das uns etwas abgeben kann.“ Tatsächlich war es eines Tages soweit: Ein großes Segelschiff erreichte die Hafenstadt Myra.
  • Sofort liefen die Menschen aus Myra zu den Seeleuten. „Was habt ihr geladen?“, fragte der eine. „Habt ihr etwas zu Essen und Trinken dabei?“, fragte ein anderer. „Gebt uns etwas ab, koste es was es wolle!“, sagte wieder ein anderer.
  • Ja, die Bewohner aus Myra waren bereit, viel Geld zu bezahlen, um ein paar Säcke Getreide zu bekommen.
  • Doch die Seeleute wollten und konnten den Bewohnern von Myra nicht helfen. „Ja, wir haben Korn dabei! Wir haben viel Getreide auf unserem Schiff. Aber wir können davon nichts abgeben. Das wird alles der Kaiser in Konstantinopel bekommen. Es ist genau abgewogen und sollte auch nur die geringste Menge fehlen, wird er uns schrecklich bestrafen!“
  • Das konnten die Frauen und Männer aus Myra kaum glauben. Die Rettung lag so nah und jetzt wollte das Schiff einfach weiterziehen. „Was können wir tun?“, fragten sich die Menschen. Sie hatten nur eine einzige Idee. Nikolaus musste kommen und mit den Seeleuten sprechen. Wenn einer es schaffen konnte, dass die Matrosen zumindest einen Teil ihres Getreides hierlassen würden, dann war es er: Bischof Nikolaus. Er konnte gut mit anderen Menschen sprechen. Er würde Gott um Hilfe bitten und konnte so das Unmögliche möglich machen. Und so holten sie Nikolaus zum Hafen und erklärten ihm, was es mit dem großen Segelschiff auf sich hatte. Nikolaus flehte die Seeleute an: „Bitte gebt uns etwas von dem Getreide ab. Wir müssen sonst alle verhungern! Ich verspreche euch: Wenn ihr beim Kaiser in Konstantinopel ankommt, wird in euren Säcken kein Gramm fehlen.“
  • Die Seeleute mussten sich beraten. Sollten sie wirklich den Menschen hier das Korn überlassen? Sie sahen, wie abgemagert schon viele von ihnen waren, manche schrien vor Hunger und weil Nikolaus ihnen fest versprach, dass am Ende kein Gramm fehlen würde, begannen sie, die Säcke mit dem Getreide vom Schiff abzuladen.
  • Die Menschen in Myra weinten vor Glück und vor Erleichterung. Einiges von dem Getreide verarbeiteten sie zu Mehl und backten Brot daraus.
  • Das andere säten sie auf die Felder aus uns als es bald darauf zu regnen begann, wuchs Getreide, so dass alle wieder satt wurden – die Tiere und die Menschen.
  • Das Schiff aber fuhr weiter zur Hafenstadt Konstantinopel. Aufgeregt waren die Matrosen, als das Schiff in den Hafen einlief. „War es wirklich die Wahrheit, dass kein Gramm Getreide fehlen würde, wenn sie damit beim Kaiser ankamen?“
  • Doch als die Säcke beim Kaiser gewogen wurden, fehlte tatsächlich nicht ein einziges Gramm. Genauso wie Nikolaus es versprochen hatte. Es war ein Wunder!

Kurzpredigt zur Geschichte und Römer 8,32 (Daniel)

Intention: Gott beschenkt uns in seinem Sohn Jesus. Davon beschenkt können wir auch anderen schenken.

Einleitung: Ein Wunder – ein Geschenk des Himmels

  • Es war ein Wunder! Oder anders gesagt: Ein Geschenk, ein Geschenk des Himmels.
  • Sowohl für die Bewohner von Myra, die schon Angst hatten, dass sie verhungern, als auch für die Schiffsleute, die Angst hatten, vom Kaiser bestraft zu werden.
  • Sofort könnte man mit einem kleinen Augenzwinkern sagen: Ja ja, ein nettes Märchen. Schöne Geschichte – aber mehr auch nicht.
  • Ich denke, die Geschichte zeigt uns, dass mit Gottvertrauen unmögliche Dinge möglich werden. Gott ist es, der dieses Wunder bewirkt. Darum: ein Geschenk des Himmels.
  • Und es ist Bischof Nikolaus, der diesem Gott vertraut und die Schiffsleute, die Nikolaus vertrauen und damit auch Gott.

Bischof Nikolaus

  • Nikolaus. Jemand, der sich für die Menschen in Myra einsetzt. Kein Machtmensch, der erst mal kuckt, dass er selbst genug hat, bevor die anderen was abkriegen. Nein, Nikolaus war ein großzügiger Mann, jemand, der gerne geschenkt und gegeben hat.
  • Und mal ehrlich: wer wird nicht gerne beschenkt? Geschenke kriegen, das ist doch genial. Und anderen etwas schenken: auch genial.
  • Manchmal kann ich mich gar nicht entscheiden, ob ich lieber beschenkt werde oder anderen etwas schenke. Wie siehts da bei Euch aus? Wer kriegt denn lieber Geschenke? [Handzeichen] Und wer schenkt lieber? [Handzeichen]
  • Bei Nikolaus sehe ich beides. Ich glaube, Nikolaus war deswegen ein so großzügiger Mensch, weil er selbst so reich beschenkt wurde. Ich meine damit nicht Geld. Ich meine: beschenkt von Gott.
  • So erlebt er es auch in der Geschichte: das Getreide, das hat ja nicht ihm selbst gehört. Er hat Gott vertraut, dass er ihn nicht im Stich lässt und das Getreide, dass er dann geschenkt bekommt, gibt er gerne weiter.
  • Sein Glaube, sein festes Vertrauen darauf, dass Gott ihn und die anderen Menschen liebt hat ihn dazu gebracht, sich für andere einzusetzen.
  • Nikolaus wollte die Liebe Gottes anderen Menschen zeigen und hat das ganz praktisch getan. Er hat – selbst beschenkt – anderen Menschen Dinge geschenkt. Beschenkt geschenkt. Wichtig in der Advents- und Weihnachtszeit.

Gottes Geschenk an uns: Jesus

  • Denn Advent und Weihnachten, das ist eigentlich auch ein Wunder. Ein Geschenk des Himmels. Gott kommt in einer Krippe zur Welt. Gott zeigt sich in Jesus uns Menschen. Und Jesus ist ja nicht einfach so gekommen, um mal zu sehen, was hier so los ist.
  • Warum ist Jesus eigentlich auf diese Welt gekommen? Hat jemand eine Idee? [Statements hören und aufnehmen]
  • Er wollte den Menschen helfen. Sie befreien von schlechten Gewohnheiten und innerer Unruhe. Für unsere Schuld ist er am Kreuz gestorben, damit wir frei davon sein können. Das gilt bis heute.
  • Nein, Jesus hat sich hier nicht geschont. In einem Lied heißt es einmal: Die Krippe und das Kreuz sind aus demselben Holz gemacht.
  • Paulus schreibt dazu im Römerbrief: Gott, der auch seinen eigenen Sohn Jesus nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? (Röm 8,32)
  • Der Weg von Jesus von der Krippe bis hin zum Kreuz war kein leichter. Aber er ist ihn gegangen uns zugute. Jesus, der Sohn Gottes – er ist Gottes großes Geschenk an uns Menschen.
  • In der Advents- und Weihnachtszeit lädt Gott uns ein, sich von ihm beschenken zu lassen. Richtet Euch aus auf Jesus und vertraut ihm.
  • Wir können ihm das in einem Gebet ganz einfach sagen: Jesus, ich will dir vertrauen. Komm zu mir. Ich möchte zu dir gehören. Das ist Advent: die Vorbereitung darauf, dass Jesus kommt. Das ist ein Geschenk des Himmels.
  • In der Taufe heute wurde Olivia dieses Geschenk ganz persönlich zugesprochen. Doch Jesus kommt für alle Menschen. Gottes Geschenk gilt auch Euch und mir. Und er wünscht sich, dass wir sein Geschenk annehmen, sozusagen auspacken und uns daran freuen.
  • Und dann machen wir uns doch selbst auf den Weg, um andere zu beschenken. Durch kleine Dinge, wie wir es gleich noch sehen werden. Oder auch durch große Dinge, zum Beispiel indem wir uns Zeit nehmen für andere, unsere Kraft einsetzen oder unser Geld geben.

Schluss: Beschenkt geschenkt

  • Beschenkt von Gott anderen etwas schenken. Beschenkt geschenkt. Bischof Nikolaus hat es uns vorgemacht, ein Wunder für die Menschen in Myra und für die Schiffsleute. Ein Wunder, was durch Gottvertrauen alles möglich ist. Lasst uns genauso beschenkt schenken. Indem wir Jesus vertrauen, er ist Gottes Geschenk an uns.
  • Amen.

Predigt zum Ewigkeitssonntag am 22.11.2020 (Offenbarung 21,1-7) Vikar Daniel Götzfried. Es gilt das gesprochene Wort

Der Seher Johannes schreibt: Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

 

Ewigkeit, auf dem Weg zum Ziel

  • Ewigkeit. Wie stellen Sie sich „Ewigkeit“ vor? Manche werden sich das schön vorstellen: helles Licht, eine große Party. Andere haben eher beunruhigende Vorstellungen: Gericht, da gibt’s nichts zu lachen. Oder ganz anders.
  • Schwierig dabei ist: wie sollen wir uns etwas vorstellen, was schlicht unvorstellbar ist? Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, wie es sein wird, wenn wir die Corona-Krise irgendwann überwunden haben, denn ich weiß ja, wie es vorher war. Aber das Unvorstellbare, die Ewigkeit? Da hat wahrscheinlich keine und keiner von uns Erfahrungen.
  • Also brauchen wir, wenn wir uns so etwas wie die Ewigkeit vorstellen wollen, Bilder. Bilder, um in Worte zu fassen, was eigentlich nicht in Worte zu fassen ist.
  • Genau das ist es, was uns hier bei dieser Vision aus dem Buch der Offenbarung begegnet: eine Fülle an Bildern. Bilder und Worte, wie sie besser nicht sein könnten für das, was einmal sein wird.
  • Was sind das nur für wunderbare Aussagen, die uns da vor Augen stehen?! Schöner, finde ich, geht es kaum.
  • Der Moment wird beschrieben, wo wir Menschen an unser, wo die Welt an ihr Ziel kommt.
  • Was braucht man, um ans Ziel zu kommen? Na klar, ein Navigationsgerät. Also hab ich mal eins mitgebracht. Prinzipiell funktioniert sowas ja recht einfach: das Ziel wird eingegeben, der Startpunkt ist bekannt und dann geht’s schon los auf dem Weg hin zum Ziel. Auf dem Weg zum Ziel, ein schönes Bild für das Leben.
  • Wie beim Navi, so ist es auch im Buch der Offenbarung: erst das Ziel, dann der Weg.

Das Ziel: Gottes neue Welt

  • Also zunächst zum Ziel, zum Ziel unseres Lebens und der Welt.
  • Beim Navi: Ohne Ziel kann ich zwar schon durch die Gegend fahren und die Karte wird mir auch angezeigt, aber ich bin dann eben ziellos unterwegs. Dann brauch ich gar nicht erst losfahren. So auch im Leben.
  • Ziele im Leben sind wichtig, denn sie wirken sich aus auf die Gegenwart und geben Perspektive. Was einmal sein soll, das wird dann jetzt schon vorbereitet.
  • Ich denke da zum Beispiel ans Joggen. Als ich mich letztes Jahr für einen Halbmarathon angemeldet hab, war die Sache klar: in ein paar Monaten geht’s an den Start und bis dahin heißt es: Trainieren. Mit dem Ziel vor Augen hab ich die Schuhe geschnürt und los gings.
  • Sportliche Ziele, natürlich. Aber es gibt auch berufliche Ziele, Ziele mit der Familie, ganz persönliche Ziele, Jahresziele, Lebensziele. Es ist so wichtig, uns unserer Ziele immer wieder bewusst zu werden.
  • Das Ziel, das Johannes uns hier vor Augen malt, lässt sich eigentlich gar nicht mehr toppen.
  • Ein neuer Himmel, eine neue Erde (Vers 1), eine neue Stadt Jerusalem (Vers 2) und – absolut genial – die Hütte Gottes bei den Menschen (Vers 3). Gott, der bei den Menschen wohnen wird, und zwar mitten bei den Menschen.
  • Das sind nicht irgendwelche Bilder, die Johannes hier verwendet. Nein, sie finden sich allesamt im Alten Testament. Uralte Perspektiven, die hoffen lassen und die jetzt nochmal neu betont werden. Der neue Himmel, die neue Erde, das neue Jerusalem werden schon beim Propheten Jesaja angekündigt, wie wir vorhin gehört haben. Johannes knüpft daran an. Als wollte er diese Hoffnung nochmal bekräftigen, nochmal auffrischen, nochmal neu ins Bewusstsein rufen.
  • Und dann die Hütte Gottes bei den Menschen. Auch sie findet sich im Alten Testament bei Mose und den Israeliten. Die Israeliten wanderten nach dem Auszug aus Ägypten 40 Jahre durch die ägyptische Wüste und haben Gott ein Zelt gebaut, damit er, so heißt es, in ihrer Mitte wohnen kann (Exodus 25,8). Aber die Israeliten hören nicht auf Gott und so kommt es, dass das Zelt der Begegnung nicht im Lager der Israeliten bleiben kann. Das Zelt steht ab dann außerhalb des Lagers, fern von den Menschen.
  • Jetzt – das ist die Hoffnung, die Johannes zu hören bekommt – soll diese ursprüngliche Situation wiederhergestellt werden: Gott mitten unter den Menschen, mitten bei den Menschen.
  • Ein wie ich finde wunderschöner Gedanke. Der Mensch, von Beginn der Welt an bestimmt zur Gemeinschaft mit seinem Schöpfer, mit Gott, dann verlorengegangen im Trubel der Welt, gesucht und gefunden durch seinen Sohn Jesus Christus aber immer noch nicht ganz zu Hause, und am Ende wieder vereint mit Gott, zu dem der Mensch immer schon gehört hat. Stoff für einen perfekten Roman, und ja, mit happy end.
  • Mein Opa hat zu mir einmal gesagt: „Die Heimat der Seele ist hier nicht. Die Heimat der Seele ist droben im himmlischen Licht.“ Eine Aussage, die sich mir stark eingeprägt hat. Zuhause-Sein bei Gott. Ans Ziel kommen.
  • Wie nach einem langen anstrengenden Arbeitstag im nasskalten Herbst nach Hause kommen, die Schuhe von den Füßen streifen, die Jacke aufhängen und sich mit einer Tasse Tee in einen Sessel oder auf das Sofa fallen lassen. Ankommen, herrlich.
  • Teilen Sie diesen Gedanken, dass am Ende doch nochmal alles gut wird? Und das ist keine rhetorische, sondern eine ernst gemeinte Frage.
  • Man könnte ja auch Angst haben vor dem, was da kommt. Der strafende oder prüfende Blick Gottes, der dann auf mir lastet und wo gekuckt wird, ob mein Leben auch was getaugt hat oder weggeworfen werden kann. Oder man könnte dem Ganzen gleichgültig gegenüberstehen: Was nach diesem Leben kommt, weiß keiner. Von daher kann es uns eigentlich egal sein.
  • Nicht so Johannes. Ihm ist eben nicht egal, was nach diesem Leben kommt und bei diesem Textabschnitt ist die zukünftige Gemeinschaft mit Gott auch nichts, wovor wir Angst haben müssten.
  • Nein, vielmehr wird endlich endlich all das aufhören, was uns hier quält. Gott wischt die Tränen ab, ein weiteres Bild. Kein Tod mehr, sondern Leben. Kein Leid, sondern Freude. Kein Geschrei, sondern Frieden. Kein Schmerz, sondern Heilung.
  • Wir werden unseren Rucksack mitbringen, unser Päckchen, unsere Last – aber wir werden erleben, dass Gott uns unseren Rucksack abnimmt, unsere Last trägt, unsere Tränen abwischt. Und alles, was dann zurückbleibt, ist Trost. Kein schwacher Trost, sondern echter Trost. Wie bei einer Mutter, die ihr Kind liebevoll in den Arm nimmt.
  • Das ist der neue Himmel und die neue Erde, das ist die neue Wirklichkeit, die neue Welt Gottes. Das ist Ewigkeit.
  • Nein, den genauen Zeitpunkt und den Ort kennt niemand von uns, aber das ist auch nicht das entscheidende. Wichtig ist, dass Gott seine neue Welt verheißt, nicht, wann oder wo das genau sein wird.
  • Zugegeben, das Navi hier kennt dieses Ziel nicht. Wenn man bei der Zielsuche eingeben würde „Gottes neue Welt“, dann käme nicht viel. Aber wir Christinnen und Christen kennen dieses Ziel. Es ist so gut, wenn wir unseren Lebensweg mit diesem Ziel vor Augen bestreiten. Ein Leben mit der Perspektive Ewigkeit. Lassen Sie uns das genauer anschauen.

Der Weg: Hoffnung im Leben

  • Vom Ziel zum Weg.
  • Viele Fahrten mit dem Navi verlaufen relativ reibungslos. In einem durch und schon ist man angekommen.
  • Die meisten Lebenswege dagegen sind nicht ganz so geradlinig. Da gibt’s mal falsche Abzweigungen, so dass man umdrehen muss. Umwege, die es nicht gebraucht hätte. Langsamere und schnellere Routen. Vielleicht mal Stau, oder eine Pause, die eingelegt werden muss, bevor es weitergehen kann. Gegenwind, der einen daran hindert, vorwärts zu kommen, oder Rückenwind, der einen auf der Überholspur voranbringt.
  • Wir alle sind unterwegs. Die Wege sind dabei sehr unterschiedlich. Entscheidend aber ist das Ziel. Denn das Ziel prägt den Weg.
  • Das ist auch der Sinn dieses ganzen Buches der Offenbarung. Johannes zeigt den Gemeinden, an die er schreibt, und uns das Ziel. Dieses wunderbare, unvorstellbare, hoffnungs-volle Ziel.
  • Und damit ruft er den Gemeinden damals und uns heute zu: Gerade weil ihr unterwegs seid hin zu diesem Ziel: haltet jetzt stand. Gebt die Hoffnung nicht auf in den Bedrängnissen eurer Zeit. Damals im römischen Reich: Verfolgung, Unterdrückung, gesellschaftliche Zurückweisung. Heute bei uns: Wie viele Menschen sind gleichgültig gegenüber Glaube und Kirche, ja ist Kirche, sind wir überhaupt noch relevant für unsere Gesellschaft? Oder auf persönlicher Ebene: Die einen zweifeln an sich selbst, an Gott und der Welt, die anderen anderen leiden unter dem ständigen Leistungsdruck in Familie, Schule und Beruf. Wieder anderen trauern durch den Verlust von geliebten Menschen. Bedrängnisse unserer Zeit. Was ist es, was Sie bedrängt?
  • Halten Sie dann fest an der Hoffnung, dass wir nicht im luftleeren Raum hängen, sondern unterwegs sind zu einem Ziel. Oder mit den Worten von Johannes: Wer überwindet, der wird dies ererben (Vers 7).
  • Dieser Zuruf galt Christinnen und Christen zu allen Zeiten und so auch uns heute. Wenn es wieder einmal hart auf hart kommt: bedenkt die Ewigkeit inmitten eurer Zeit!
  • Entscheidend ist dabei nicht, wo Sie auf dem Weg sind, sondern wie wir Sie dem Weg sind.
  • Nein, Christen müssen nicht permanent ein Lachen auf dem Gesicht tragen. Aber angesichts einer solchen Hoffnung können wir darauf vertrauen, dass es nicht bei den traurigen Momenten des Lebens bleiben muss.
  • Nein, Christinnen müssen nicht die ganze Zeit stark und selbstsicher durchs Leben gehen. Aber angesichts einer solchen Hoffnung können wir darauf vertrauen, dass Gott uns auch in unserer Schwachheit sieht und uns dennoch nicht aufgibt.
  • Paulus bringt das im 2. Korintherbrief genial auf den Punkt: Wir stehen von allen Seiten unter Druck, aber wir werden nicht erdrückt. Wir sind ratlos, aber wir verzweifeln nicht. Wir werden verfolgt, aber wir sind nicht im Stich gelassen. Wir werden zu Boden geworfen, aber wir gehen nicht zugrunde. (2Korinther 4,8-9).
  • Das kann christliche Hoffnung. Das sind Momente der Ewigkeit, die schon mitten in unserer Zeit aufblitzen. Wie mein Opa, der trotz einer schlimmen Krankheit dieses Jahr seine Lebensfreude nicht verloren hat. Oder ein befreundetes Paar, die in der Schwangerschaft ihr Kind verloren haben, aber nach einer Zeit der Trauer wieder neuen Lebensmut gefasst haben.
  • Momente der Ewigkeit in der Hoffnung auf Gottes neue Welt.
  • Das ist es, was wir mit Johannes für unser Leben auf dieser Welt erhoffen können.
  • Das ist keine billige Vertröstung. Es geht ja gerade nicht darum, sich zurückzulehnen und abzuwarten, bis vielleicht mal irgendwann irgendwas passiert. Nein, gerade wenn und weil wir unterwegs sind zu diesem Ziel hin, können wir unser Leben von diesem Ziel her gestalten, eben mit der Perspektive Ewigkeit. Natürlich mit Gottes Hilfe. Nicht wir machen neu. Gott sagt: Siehe, ich mache alles neu (Vers 5)
  • Der Weg ist zwar nicht automatisch eindeutig, aber wenn das Ziel klar ist, dann wird er gelingen.

Am Ziel bei Gott

  • Zum Schluss: Auf dem Weg zum Ziel. Mit so einem Navi ist das in der Regel kein Problem. Im Leben in der Regel schon etwas komplizierter.
  • Und wenn wir dann da sind? Angekommen, am Ziel?
  • Dann ist das keinesfalls das Ende. Dann heißt es: raus aus dem Auto, rein ins Haus. Heim zu Gott. Gott mit uns und wir mit Gott. In seiner neuen Welt.
  • Und es ist Gott selbst, der über dieses Ziel, diese neue Welt sagt: Diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! (Vers 5) Amen.

Predigt 8.11.2020, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grab-inski, zu 1. Korinther 1, 3 – es gilt das gesprochene Wort

Predigt 8.11.2020, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu 1. Korinther 1, 3 – es gilt das gesprochene Wort

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus.

I
Der Terror der Rote Armee Fraktion (RAF) ist schon lange Geschichte. Viele werden die Namen und Ereignisse noch wissen: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Ulrike Meinhof. Die Ermordung von Hans-Martin Schleyer, Siegfried Buback, und Jürgen Ponto. Die Entführung und Erstürmung einer Lufthansa-Maschine in Mogadischu. Alles in den 70er Jahren.
Die RAF war verantwortlich für 34 Morde, mehrere Geiselnahmen, Banküberfälle und Sprengstoffattentate mit über 200 Verletzten. (https://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Armee_Fraktion, 31.8.16)
Der RAF-Terror ist heute kein Thema mehr, da fast alle Terroristen gefasst und verurteilt wurden, viele davon zu jahrzehntelangen Haftstrafen.
Die manche komplett absitzen mussten und manche nicht. Denn einige sind vorzeitig freigekommen. Und das hat immer einen großen Wirbel verursacht.
Manche der Terroristen wurden nämlich begnadigt. Dieses Recht haben Ministerpräsidenten und der Bundespräsident.
Bernhard Vogel hat zwei begnadigt. Richard von Weizsäcker begnadigte insgesamt drei ehemalige Mitglieder der RAF und Johannes Rau zwei.
Vor 13 Jahre gab es dann die letzte große Debatte um den Terroristen Christian Klar, der schließlich nicht begnadigt wurde.
Zwei prinzipielle Positionen trafen aufeinander: auf der einen Seite steht die Forderung, der Staat solle durch Milde und Gnade ein Zeichen der Versöhnung setzen. Die andere Seite hingegen verlangt, dass dieses Zeichen der Versöhnung von den ehemaligen Terroristen ausgehen müsse: sie sollen Reue zeigen, ihre Schuld eingestehen und sich entschuldigen.
Beide Gedanken sind klar und auch grundsätzlich nachvollziehbar. Ein Zeitungskommentar brachte dann mit einem einzigen Satz die ganze Debatte auf den Punkt: Für Gnade gibt es keinen Grund. (Reinhard Müller, FAZ, 08.02.2007) (http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/geschichte-der-raf/49324/gnade-vor-recht?p=1, 31.8.16)
Das ist die beste Erklärung von Gnade, die ich kenne. Gnade meint, jemandem etwas Gutes zu tun ohne einen Grund dafür zu haben. Gnade meint, jemandem etwas Gutes zu tun, obwohl man Grund genug hätte, nicht gnädig zu sein. Für Gnade gibt es keinen Grund. Gnade steht außerhalb unseres Rechtssystems. Gnade geht vor Recht.
II-1
Zitat 1. Korinther 1,3: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus.
So wird meistens die Predigt bei uns eingeleitet – so auch heute.
„Gnade sei mit euch!“
Weil ihr alle Terroristen seid und Gnade braucht, um Gnade bittet?
Es gibt ein berühmtes Lied über die Gnade. Wir haben es eben gehört: „Amazing grace.“
John Newton hat es gedichtet. Er wurde 1725 in London geboren; und starb 1807. Seine Lebenszeit fiel in die Hochzeit des Sklavenhandels, die auch von den Christen vehement vertreten und gerechtfertigt wurde. Er war selbst ein brutaler und grausamer Sklavenhändler. Eines Tages kommt das Sklavenschiff, auf dem er unterwegs war, in einen Sturm. Dabei gerät er in Lebensgefahr.
Und während des Sturms erinnert er sich an die Geschichten vom gnädigen Gott, die er in seiner Kindheit gehört hat und fleht zu diesem Gott um Rettung. Und wird gerettet.
Aber in diesem Sturm ist noch mehr passiert, als dass er einfach glücklich sein Leben retten kann. Er erlebt er diese Rettung aus Seenot wie eine große Heimkehr. Jetzt ist er nicht mehr verloren, sondern gefunden. Offenbar war diese Rettung aus Seenot, wie wenn er ganz tief in seiner Seele eine Stimme gehört hätte, die zu ihm sagt: „Du, John, bist mir wichtig. Du, John, bist mein geliebter Sohn. Dich, John, lasse ich nicht im Stich.“ Erst diese innere Erfahrung führt dazu, dass John Newton fortan von sich sagen kann:
„Ich war verloren ganz und gar, war blind, jetzt sehe ich.“ Im Englischen ist das noch eindrücklicher: „I once was lost, but now I’m found. – Einst war ich verloren, aber jetzt bin ich gefunden worden.“
Auf dem schwankenden Schiff bekehrt sich John Newton zum christlichen Glauben. Aber er sagt hinterher nicht von sich: „Ich habe Gott gefunden“ oder „Ich habe zum Glauben gefunden“ oder „Ich habe den richtigen Weg gefunden“. Er sagt von sich: „Ich bin gefunden worden.“ Er ist nicht der Aktive in dieser Sache gewesen, er ist ihm etwas geschehen. Er hat Gott erfahren als den, der etwas tut, als den nämlich, der unbedingt zu ihm hält und für den er unendlich wertvoll ist - obwohl er selbst gar nicht so lebt, dass er das verdient hätte. Er hat die erstaunliche Gnade Gottes erlebt.
II-2
„Gnade sei mit euch!“
Weil ihr alle Terroristen seid und Gnade braucht? Weil ihr alle brutale Sklavenhändler seid und um Gnade bittet?
Nein, sondern weil wir alle Gnade brauchen. Ich brauche Gnade. Ich habe schon Gnade gebraucht von meiner Familie.
Ich habe schon Gottes Gnade gebraucht.
Zitat Römer 3, 23: „Denn darin sind die Menschen gleich: Alle sind schuldig geworden und spiegeln nicht mehr die Herrlichkeit wider, die Gott dem Menschen ursprünglich verliehen hatte.“
Das ist ein Satz, der genauso wahr wie unangenehm ist. Wahr, weil niemand vor Gott treten kann und sagen kann: „Ich bin ein guter Mensch, an dem weder du noch andere etwas aussetzen können.“ Wahr, weil jeder, der sich auch nur ein wenig kennt, weiß: Jesus hat Recht hat, wenn er sagt: „Was aus dem Inneren des Menschen kommt, das lässt ihn unrein werden. Denn aus dem Inneren, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken wie sexuelles Fehlverhalten, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habsucht, Bosheit, Betrügerei, ausschweifendes Leben, Neid, Verleumdung, Überheblichkeit und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen heraus und macht die Menschen vor Gott unrein.«.“ (Markus 7, 20-23).
Das ist eine unangenehme Wahrheit. Das will ich nicht wahrhaben. Wie schnell bin ich dabei mein Verhalten zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Wie gerne rede ich meine Fehler und Schwächen klein. Wie gerne sehe ich nur auf das Gute in mir, meine Stärken.
„Gnade“ bedeutet im Althochdeutschen: „sich herabneigen, um zu helfen“ Aber oft genug will ich nicht in der Position sein, dass sich jemand zu mir herunterbeugt um mir zu helfen. Ich möchte gerne in der Position sein zu helfen und gnädig zu sein. Ich will stark sein, souverän, alles alleine schaffen, gut dastehen. Und scheitere immer wieder. Versage. Vertusche meine Fehler.
Natürlich ist nicht jeder ein Terrorist oder Sklavenhändler, aber vor Gott kann sich niemand etwas einbilden.
Ich brauche Gnade. Ich brauche Menschen, die gnädig sind mit mir. Ich brauche Gott, der gnädig ist mit mir.
Ich brauche Gott als den, der mich liebt und unbedingt zu mir hält und für den ich unendlich wertvoll bin - obwohl ich selbst gar nicht so lebe, dass ich das verdient hätte.
III-1
Die Geschichte von John Newton könnte jetzt zu Ende sein, aber sie ist noch nicht zu Ende.
Denn jetzt beginnt die Gnade, die John Newton erlebt hat, an ihm zu arbeiten. Zunächst lebt John Newton so weiter wie bisher; er arbeitet weiterhin auf Sklavenschiffen Aber er braucht noch eine zweite Bekehrung. Er muss entdecken: Die Gnade, die sein Leben gerettet hat, gilt nicht nur ihm, sondern allen Menschen. Die zweite Bekehrung beschreibt er so: „Ich war blind, jetzt sehe ich.“
Diese zweite Bekehrung ist nicht auf einen Schlag geschehen wie seine erste Bekehrung, sondern mit der Zeit, Stück für Stück. Die Gnade hat an ihm gearbeitet. Jetzt, wo er sich tief in seinem Innern geliebt und angenommen weiß, wird er sensibler für die Menschen, um ihn herum. Jetzt, wo er sich nicht mehr um sich selbst ängstigt, nicht mehr vor sich selbst wegläuft, wo er mit sich selbst im Frieden ist, weil er mit Gott im Frieden ist, kann er für die Menschen um ihn herum Mitgefühl entwickeln. Und er erkennt nach und nach die Unmenschlichkeit der Sklaverei und wird zu einem ihrer engagiertesten Gegner.
Newton gibt die Seefahrerei auf. Er wird zum anglikanischen Priester ausgebildet; er predigt von der Gnade und gegen die Sklaverei und den Kolonialismus. Er beeinflusst den Politiker William Wilberforce, ebenfalls Christ, der dann nach 18 Jahren mühsamer Arbeit erreicht, dass das englische Parlament 1807 Sklaverei verbietet. Wenige Monate später stirbt John Newton. Er hat noch miterleben dürfen, wie die erstaunliche Gnade große Früchte getragen hat und eine grundsätzliche Wende in den Gesellschaften Europas und Amerikas bewirkt hat.
III-2
Liebe, die wir nur empfangen und nicht weitergeben, verdirbt. Und verdirbt uns.
Gnade, die wir nur empfangen und nicht weitergeben, verdirbt. Und verdirbt uns.
Eins der besten Gebete, die wir beten können, lautet: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“
Nicht, damit wir uns hinterher klein, dumm, schlecht, erniedrigt und minderwertig fühlen. Sondern um zu erleben: Wir haben einen gnädigen Gott.
Und um dann die Gnade und Liebe weiterzugeben.
Christen haben sich lange Zeit sehr unbeliebt gemacht, weil sie viel zu viel auf den Sünden und Fehlern anderer Leute herumgehackt haben.
Es ist hohe Zeit von der Gnade zu leben und sie weiterzugeben.
Es ist hohe Zeit für sich selbst in Anspruch zu nehmen: Gottes Liebe hört nach Fehlverhalten nicht auf.
Es ist hohe Zeit als Christ andere gnädig zu behandeln. Sie sollen an mir merken und durch mich merken: Nach einem Fehler, nach einem Fehlverhalten geht das Leben noch weiter. Neuanfänge sind möglich. Verzeihung ist möglich.
Wir als Gemeinde Jesu sind nichts anderes als eine Gruppe von begnadigten Menschen.
Der Jünger und Apostel Petrus hat Jesus übelst verraten. Aber der war gnädig und hat ihn dann von ihm zum Gemeindeleiter eingesetzt.
Der Apostel Paulus war ein Christenhasser und –verfolger. Aber Jesus war gnädig und hat ihn zum Missionar und Lehrer eingesetzt.
John Newton war Sklavenhändler. Aber Jesus war gnädig und hat ihn zum Erneuerer der Gesellschaft berufen.
So: Jetzt setze bitte mal jeder seinen eigenen Namen ein:
Tilman Grabinski, ein begnadigter Mensch, berufen Gnade und Liebe weiterzugeben. Weil es gilt: Wie Gott mir, so ich dir. Amen.

Predigt 25.10.2020, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Markus 2, 23-28 – es gilt das gesprochene Wort

I

Ich möchte Sie und euch heute mitnehmen zu einem Spaziergang mit Jesus. Das Jahr wissen wir nicht genau. Wahrscheinlich kurz vor dem Jahr 30 – also vor fast genau 2.000 Jahren. Überraschenderweise wissen wir den Wochentag. Es war ein Samstag. Markus überliefert diesen Spaziergang in seinem Evangelium im 2. Kapitel: Vers 23: „An einem Sabbat ging Jesus mit seinen Jüngern durch die Getreidefelder. Unterwegs fingen die Jünger an, Ähren abzureißen und die Körner zu essen.“ Da muss jemand seeehr hungrig gewesen sein. Denn man muss schon viele, viele Körner herauspulen und essen, um davon satt zu werden. Und außerdem sind die wirklich hart. Auf Dauer macht so was die Zähne kaputt. Aber natürlich wird uns da nicht einfach nur eine banale Geschichte überliefert.

II

Nach diesem sich simpel anhörenden Einstieg geht es los: Vers 24: „Da beschwerten sich die Pharisäer bei Jesus: „Sieh dir das an! Was sie tun, ist am Sabbat doch gar nicht erlaubt!““ Anscheinend stand Jesus unter ständiger Beobachtung. Nichts war mit einfach so mal unterwegs sein. Nein, kritische Augen verfolgten ihn. Was ist das für eine Beschwerde? „Was die Jünger tun, ist am Sabbat nicht erlaubt!“ Ein frommer Jude hält sich an die 10 Gebote. Und das vierte lautet: „Denke an den Sabbat als einen Tag, der mir allein geweiht ist! Sechs Tage sollst du deine Arbeit verrichten, aber der siebte Tag ist ein Ruhetag, der mir, dem HERRN, deinem Gott, gehört. An diesem Tag sollst du nicht arbeiten, … Denn in sechs Tagen habe ich, der HERR, alles geschaffen. Aber am siebten Tag ruhte ich. Darum habe ich den Sabbat gesegnet und für heilig erklärt.“ (2. Mose 20, 8-11) Wenn Gott sagt, man soll an diesem Tag nicht arbeiten, dann darf man an diesem Tag nicht arbeiten. Und damit es keine Diskussionen gibt, was denn nun Arbeit sei und was nicht, wurde das von frommen Juden genau definiert. Zur Arbeit zählt: Säen, Pflügen, Ernten. Backen. Wolle spinnen. Nähen. Tiere fangen oder schlachten. Schneiden. Schreiben. Etwas bauen oder einreißen. Feuer löschen oder entzünden. Etwas tragen und noch einiges andere. Und was bitteschön anderes als Ernten ist denn das Herauslösen von Körnern aus den Ähren? Nach dieser Definition verstoßen die Jünger von Jesus gegen das vierte Gebot. Nun beobachten die jüdischen Pharisäer Jesus und seine Leute ja nicht einfach nur aus Langeweile. Und ihre Kritik haben sie nicht einfach nur in ihren Bart gemurmelt. Was sie wollen, ist eine Reaktion von Jesus. Und die bekommen sie auch.

III-1

Vers 25-27: „Aber Jesus antwortete ihnen: „Habt ihr denn nie gelesen, was König David tat, als er und seine Männer in Not geraten waren und Hunger hatten? Damals – zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar – ging er in das Haus Gottes. Er aß mit seinen Männern von dem Brot, das Gott geweiht war und das nur die Priester essen durften.“Und Jesus fügte hinzu: „Der Sabbat wurde doch für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Sabbat.““ Und plötzlich ist ein einfacher Spaziergang der Anlass über den Sinn und Unsinn von Regeln und Geboten zu reden.

Natürlich sind Regeln für den Menschen da. Wer will denn da widersprechen? Regeln sollen regeln. Die sind immer nötig, wenn wir miteinander auskommen wollen: Umgangsregeln, Verkehrsregeln, Geschäftsregeln, Schulregeln, …

Regeln wollen Ordnung schaffen. Und natürlich sind Regeln manchmal blöde. Weil sie ja für alle gedacht sind. Und deswegen können Einzelfälle damit nicht geregelt werden. Vor vielen Jahren war ich im Holidaypark in Haßloch und stand in der Schlange vor einem Fahrgeschäft, vor dem ein Schild stand: „Benutzung ab sechs Jahren gestattet.“ Und vor mir hat eine Mutter den Angestellten gefragt, ob ihr Sohn mitfahren dürfe. Er sei erst fünf, werde aber morgen sechs. Der Angestellte hat es nicht gestattet. Das wirkt sehr kleinlich, aber was soll er der nächsten Mutter sagen, die mit ihrem Kind kommt, das nächste Woche sechs wird oder nächsten Monat? Aber selbst diese Mutter wird nicht bestreiten wollen, dass Regeln grundsätzlich sinnvoll und nützlich sind. Jesus leugnet das auch gar nicht.

III-2

Und er weiß auch: Wir können in Situationen geraten, in denen vom Gesetz eine Ausnahme gemacht werden muss, weil es höhere Werte zu schützen gilt.

Er erzählt eine alte Geschichte vom Hunger, 1.000 Jahre vor ihm, in der eine religiöse Regel gebrochen wird und das ist in Ordnung so. (vgl. Lukas 14, 1-6).

Vor kurzem stand in der Zeitung, dass ein Autofahrer ein dreijähriges Kind gerettet hat, das von der Raststätte auf die Autobahn gelaufen ist. Damit er das tun konnte, hat ein LKW-Fahrer hinter ihm die Fahrbahnen blockiert. Der kriegt doch hoffentlich keine Anzeige wegen Gefährdung des Straßenverkehrs. Nein, das mit den Ausnahmen weiß Jesus.

III-3

Ich glaube, Jesus hat zwei Absichten. Zum einen will er auf die Gefahren von speziell religiösen Regeln hinweisen. Denn die gibt es tatsächlich: Das Wort „Religion“ kommt aus dem Lateinischen. Der römische Gelehrte Cicero meint, es bedeutet „das, auf das man aufpassen soll“. Er hat es so verstanden, dass es bei Religion darum geht beim Gottesdienst sehr gründlich die alten Regeln einzuhalten. (https://de.wikipedia.org/wiki/Religion, 23.5.17) Bei Religion geht es also u.a. darum Regeln einzuhalten. Auf Deutsch könnte man auch sagen: „Regelion“.

Regelion: Das ist der Hauptgrund, warum Religionen immer wieder zu Streit und Kampf und Krieg führen. Wenn es nämlich in der Religion nur darum geht Regeln einzuhalten, dann muss ich deutlich sagen, welche Regeln richtig sind und welche nicht; dann muss ich mir überlegen, was ich mit denen mache, die sie nicht einhalten. Bestrafe ich die? Schließe ich sie aus? Töte ich sie?

Ein paar religiöse Regeln gefällig? Religiöse Menschen dürfen nicht tanzen; dürfen keinen Alkohol trinken oder rauchen; dürfen kein Schweinefleisch essen; dürfen keine Kondome benutzen, dürfen sich nicht verbrennen lassen, wenn sie gestorben sind; dürfen nicht zulassen, dass ihre Kinder jemanden außerhalb ihrer Religion heiraten; dürfen keine Soldaten werden; dürfen am Ruhetag nicht arbeiten. Das alles sind oder waren einmal religiöse Regeln.

Wenn es in der Religion nur darum geht bestimmte Überzeugungen für wahr zu halten, dann ist der Streit garantiert. Denn dann haben die einen Recht und die anderen Unrecht. Und die, die Unrecht haben sind Sünder und müssen irgendwie weg oder zumindest Buße tun. Und plötzlich ist der am meisten religiös, der die Regeln am besten einhält. Religion im Sinne von Regelion führt zu Gewalt und Krieg. Führt zu dem Plan der Pharisäer Jesus zu töten. Führt dazu, dass wir andere bewerten, beurteilen, verurteilen. Das ist den Pharisäern passiert. Sie waren religiöse Laien, die Glauben und Leben miteinander verbinden wollten, indem sie den Alltag durch Einhaltung von biblischen Vorschriften heiligten. Wahrscheinlich ohne es zu merken, sind ihnen mit den allerbesten Absichten die Regeln wichtiger geworden als die Menschen. Aus Religion wurde Regelion. Jesus dagegen arbeitet den Kern aller Regeln heraus: Es geht um unser Wohl. Das ist Gottes Absicht, wenn er die 10 Gebote gibt, aus denen sich ja alle unsere menschlichen Regeln und Gebote ergeben. Im Besonderen: Der Sabbat soll als Ruhetag guttun und nicht dazu führen, dass jemand Hunger hat.„Der Sabbat wurde doch für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Sabbat.““

III-4

Und das ist das zweite. Weil Gott nicht will, dass wir uns kaputt arbeiten, sollen wir Pausen einlegen. Und weil er auch weiß, dass wir die oft gerne auslassen, weil „gerade so viel zu tun ist“ oder weil „unglaublich Wichtiges noch schnell fertiggemacht werden muss“ oder ohne Pause noch mehr Geld verdient werden kann, gibt er uns keine allgemeine Empfehlung, sondern macht daraus ein Gebot. Er kennt halt seine Pappenheimer.

Es ist nicht gut, wenn die Sonntagsruhe bei uns immer weiter aufgeweicht wird. Und wem sie wichtig ist, der darf dann z.B. am Sonntag auch nichts kaufen, weil man so diese Aufweichung unterstützt.

IV

Jesus dagegen arbeitet den Kern aller Regeln heraus: Es geht um unser Wohl. Das ist Gottes Absicht, wenn er die 10 Gebote gibt. Oder wie es jemand in der persisch-deutschen Bibelstunde letzte Woche gesagt hat: „Gott ist kein Gefängniswärter, sondern will Freiheit.“

Wer jetzt allerdings denkt: „Super, dann sind Gott Regeln ja gar nicht mehr so wichtig und ich brauche mich nicht mehr streng an sie zu halten.“, der täuscht sich gewaltig. Denn wenn es Gott bei den Regeln und Geboten um unser Wohl und unsere Freiheit geht, dann wird das viel schwieriger als wenn wir einfach stur Regeln befolgen.

Jesus selbst gibt nur ein einziges Gebot: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Markus 12, 29-30) Sein Schüler Paulus meint dazu: „Wenn ihr das tut, erfüllt ihr alle Gebote Gottes.“ (vgl. Römer 13, 8-10).

Und weil es im Kern um die Freiheit geht, um unser Wohl und die Liebe, kann Jesus manche Gebote Gottes sogar noch verschärfen, wie wir es in der Schriftlesung gehört haben. (Matthäus 5, 17-48). Jesus geht es was die Gebote im Allgemeinen betrifft und beim Gebot des Ruhetags im Speziellen überhaupt nicht um eine liberale Haltung. Nein, wir sollen fest mit dem verbunden sein, was Gott will. Und zwar weil wir ihm vertrauen, ihm glauben, an ihn glauben. Denn ich binde mich nur an jemanden, glaube nur jemandem dem ich vertraue.

V

Die Überlieferung des Spazierganges schließt mit folgenden Worten von Jesus: Vers 28: „Deshalb ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat und kann somit entscheiden, was am Sabbat erlaubt ist.“ Jesus hat göttliche Autorität. Die erste Frage ist deshalb: „Darf Jesus, darf Gott mir etwas sagen? Erlaube ich ihm das? Glaube ich ihm? Und an ihn?“ Und erst dann kommt die zweite Frage, die dann aber auch kommen muss: „Halte ich mich voller Vertrauen an seine Regeln zum Wohle aller und zu meinem Wohl? Auch dann, wenn sie mir gerade nicht passen?“ Das Leben ändert sich je nachdem, wie Ihre Antwort ausfällt. Und wenn Sie diese Fragen in der umgekehrten Reihenfolge stellen, bringt Sie das zur Regelion mit allen unguten Folgen. Machen Sie es lieber gleich richtig! Und damit das nicht so allgemein bleibt, finden Sie auf der Rückseite des Liedzettels die wichtigsten göttlichen Regeln. Nehmen Sie sie mit und sich zu Herzen und geben Sie Ihr Bestes - mit all Ihrem Vertrauen und all Ihren Zweifeln und mit Gottes Unterstützung. Es ist, wie eigentlich immer, eine Frage des Gottvertrauens, des Glaubens. Amen.

 

Predigt am 18.10.2020 in der Friedenskirche Kaiserslautern (Epheser 4,20-32), Vikar Daniel Götzfried – es gilt das gesprochene Wort

Aber ihr habt gelernt, dass ein solches Leben mit Christus nichts zu tun hat. 21 Was Jesus wirklich von uns erwartet, habt ihr gehört – ihr seid es ja gelehrt worden: 22 Ihr sollt euer altes Leben wie alte Kleider ablegen. Folgt nicht mehr euren Leidenschaften, die euch in die Irre führen und euch zerstören. 23 Lasst euch in eurem Denken verändern und euch innerlich ganz neu ausrichten. 24 Zieht das neue Leben an, wie ihr neue Kleider anzieht. Ihr seid nun zu neuen Menschen geworden, die Gott selbst nach seinem Bild geschaffen hat. Jeder soll erkennen, dass ihr jetzt zu Gott gehört und so lebt, wie es ihm gefällt. 25 Belügt einander also nicht länger, sondern sagt die Wahrheit. Wir sind doch als Christen die Glieder eines Leibes, der Gemeinde von Jesus. 26 Wenn ihr zornig seid, dann ladet nicht Schuld auf euch, indem ihr unversöhnlich bleibt. Lasst die Sonne nicht untergehen, ohne dass ihr einander vergeben habt. 27 Gebt dem Teufel keine Gelegenheit, Unfrieden zu stiften. 28 Wer bisher von Diebstahl lebte, der soll sich jetzt eine ehrliche Arbeit suchen, damit er auch noch Notleidenden helfen kann. 29 Redet nicht schlecht voneinander, sondern habt ein gutes Wort für jeden, der es braucht. Was ihr sagt, soll hilfreich und ermutigend sein, eine Wohltat für alle. 30 Tut nichts, was den Heiligen Geist traurig macht. Als Gott ihn euch schenkte, hat er euch sein Siegel aufgedrückt. Er ist doch euer Bürge dafür, dass der Tag der Erlösung kommt. 31 Mit Bitterkeit, Wutausbrüchen und Zorn sollt ihr nichts mehr zu tun haben. Schreit einander nicht an, redet nicht schlecht über andere und vermeidet jede Feindseligkeit. 32 Seid vielmehr freundlich und barmherzig und vergebt einander, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat. (Hoffnung für Alle® (Hope for All))


1. Vom Alten…

Vom Alten in Jesus zum Neuen. Vom Alten: Paulus spricht hier von Kleidung. Von Menschen-Kleidung. Den alten Menschen ablegen, ausziehen. Den neuen Menschen anziehen. Also hab ich gedacht, ich bring mal ein bisschen Kleidung mit. [Kleidung ausbreiten] Kleidung gehört natürlich zu unserem Alltag dazu. Neue Kleidung anziehen, dreckige oder getragene Kleidung waschen, kaputte Kleidung aussortieren. Für den Sport die Sportkleidung, für besondere Anlässe was Schickes, für den Alltag die Alltagskleidung, wenns kalt ist, was Warmes, wenns warm ist, was Luftiges, im Moment geht’s noch mit der berüchtigten Übergangsjacke, aber bald schon wird die Winterjacke kommen, und und und. Paulus differenziert da nicht so genau, er kennt hier nur eine Unterscheidung: alt – neu. Und er gebraucht dieses Bild von der Kleidung als Sinnbild für uns Menschen. Der alte Mensch – der neue Mensch. Der alte Mensch… was Paulus damit meint, macht er ein paar Verse vorher deutlich: da ist von einem Leben ohne Sinn und Verstand die Rede, von Abstumpfung, Zügellosigkeit und Habgier. Und auch in unserem Abschnitt: Lüge, Zorn, Diebstahl, Lästerungen. All das gehört zum alten Menschen, oder soll es zumindest. Aber das kann hier nicht in einem zeitlichen Sinn gemeint sein, nach dem Motto: alles, was früher war, die ganze Vergangenheit, das war alles schlecht und muss jetzt neu werden. Es wäre doch sehr traurig, wenn Sie auf Ihre Vergangenheit schauen würden und alles, was sie sehen, wäre durch und durch schlecht. Nein, hoffentlich ist es nicht so. Da gibt’s doch bestimmt auch schöne Dinge: Das Ende der Schulzeit, herrlich. Das Wiedersehen mit guten Freunden, wunderbar. Die eigenen Kinder, eine Freude. Beruflicher Erfolg, genial. Und so vieles mehr. Denken Sie doch einen Moment an die wirklich schönen Dinge in Ihrer Vergangenheit. [Pause] Nein, wenn Paulus den alten Menschen, der jetzt endlich abgelegt werden soll, in einem zeitlichen Sinn meinen würde, also die komplette Vergangenheit, dann wäre das doch ein ziemlich trauriges Leben oder? So denke ich mir das auch bei dem Gelähmten aus der Heilungsgeschichte (Markus 2,1-12). Über seine Vergangenheit wissen wir eigentlich nichts. Aber ich stelle mir vor, dass da nicht nur Schlechtes war. Seine 4 Freunde, die trotz seiner Lähmung zu ihm halten, sind der lebende Beweis dafür. Nein, wir müssen den alten Menschen nicht unter dem zeitlichen Aspekt anschauen, sondern unter einem qualitativen Aspekt. Es geht um Lebensqualität – Vorsicht, nicht Lebensstandard, sondern Lebensqualität. Was zeichnet mein Leben, was zeichnet Ihr Leben aus? Welche Kleidung unser Leben? Wovon ist unser Denken, Reden und Handeln geprägt? Paulus benennt die Dinge, die dazu eben nicht gehören sollen. Es ist ja nicht so, dass diese Dinge alle von gestern sind. Und es sind eben diese Dinge, die Paulus katalogartig aufzählt, Lüge, Zorn, Diebstahl, Lästerungen, die nach Veränderung, nach Erneuerung schreien lassen. Wenn ich das in den Briefen so lese, dann denk ich manchmal: Mensch, was war das damals bloß für eine Gesellschaft, da muss es ja ganz schön zugegangen sein?! Aber dann, wenn ich genau darüber nachdenke: hat sich wirklich was verändert? Paulus schreibt ja vom Menschsein an sich. Und ist es nicht so, dass das, wovon hier die Rede ist, heute noch genauso zur Realität, zur Lebensqualität von uns Menschen dazugehört? Da gibt’s eben nicht nur das herrliche Ende der Schulzeit, sondern das Sitzenbleiben. Da gibt’s eben nicht nur das wunderbare Wiedersehen mit Freunden, sondern den unsäglichen Streit bis hin zur Zerstörung von Freundschaften. Da gibt’s eben nicht nur die Freude an den eigenen Kindern, sondern auch den Streit bis hin zu lautstarken Auseinandersetzungen. Nicht nur den beruflichen Erfolg, sondern auch die Strapazen bis hin zum Scheitern. Sie wissen vermutlich selbst am besten, was bei Ihnen zum alten Menschen gehört, zur Kleidung, die dringend mal ausgetauscht werden müsste oder vielleicht ja auch schon wurde. Das Alte, von dem Paulus hier spricht hat wahrlich wenig Lebensqualität, aber es gibt es, damals wie heute, in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart. Aber es geht dabei nicht nur um eine rein ethische Ebene, wie sie Paulus hier betont. Wenn wir den Gelähmten aus der Heilungsgeschichte anschauen, dann geht es beim alten Menschen auch um Dinge, die uns Menschen widerfahren, für die wir aber vielleicht gar nicht mal etwas können. Was konnte denn der Mann dafür, dass er gelähmt war? Das Alte… das kann doch auch die Krankheit sein, die mich schon über Jahre in Schach hält. Der Verlust eines geliebten Menschen, über den ich einfach nicht hinwegkomme. Die Sorgen, die mir tagein tagaus die Luft zum Atmen rauben. Das Alte… ob nun selbstverschuldet oder nicht, es quält, es belastet, es verletzt und es entspricht nicht einer Lebensqualität, wie sie Gott sich für uns vorstellt. Wie schön wäre es, wenn all das der Vergangenheit angehören würde, aber so ist es doch nun wirklich nicht. Nein, hier wird der Schrei nach Veränderung, nach Erneuerung laut. Und Paulus weist uns den Weg vom Alten hin zum Neuen. Vom Alten in Jesus zum Neuen.

2. …in Jesus…

Wie können sich Menschen wirklich verändern? Geht das überhaupt?

Je länger ich in meiner Ehe unterwegs bin oder in Freundschaften oder auch in verschiedenen Teams, desto mehr merke ich: einen anderen Menschen verändern – das funktioniert nicht. Da kann man noch so viel hinreden usw. Dann ändert der andere vielleicht mal sein Verhalten für ein paar Wochen, vielleicht auch ein paar Monate, aber wirklich verändern? Nein.

Vielleicht haben Sie da andere Erfahrungen gemacht, aber so hab ich es bisher jedenfalls erlebt.  Das ist eine Erkenntnis. Aber jetzt geht es doch heute gerade um Veränderung, um Erneuerung. Und da ist eben noch eine andere Erkenntnis. Menschen wirklich verändern, in ihrem Wesen verändern – das kann nur Gott, in Jesus. Warum? Weil er uns kennt, wie niemand sonst. Weil er weiß, was wir wirklich brauchen. Lassen Sie uns nochmal zu dem Gelähmten in der Heilungsgeschichte schauen. Es wird der Moment geschildert, in dem der Mann Jesus begegnet und Jesus sein Leben verändert. Es ist der Moment, in dem Jesus sagt: Mein Kind, deine Schuld ist dir vergeben. Es hätte nicht gereicht, den Mann einfach „nur“ gesund zu machen – wobei das ja schon ein krasses Wunder ist. Nein, Jesus geht zur Wurzel, zur Sünde dieses Mannes. Jesus befreit den Mann von seiner Schuld und es ist genau das, was dem Mann ein neues Leben ermöglicht. Ein Leben in Freiheit von Schuld und Sünde durch Vergebung in Jesus. Vergebung. Können Sie damit was anfangen? Ich glaube, wir Menschen tun uns damit oft schwer. Ist ja auch klar, Vergebung ist völlig unverdient, da können wir ausnahmsweise mal nichts machen. Das dürfen wir einfach als Geschenk annehmen, so wie der Mann in der Geschichte, aber genau das ist es doch, was so schwerfällt. Aber wie gut tut es, wenn ich was verbockt hab und mir mein Freund zuspricht: es ist ok, alles ist ok. Kennen Sie das? Wie gut tut es, dass Gott in Jesus auf Ihr Leben und auf mein Leben schaut und sagt: es ist ok, alles ist ok. Ich sehe deinen Schmerz, ich sehe, wo dich das Alte quält, ich sehe, wo du schuldig mir und anderen Menschen gegenüber geworden bist – und ich vergebe dir, denn den Preis für Schuld und Sünde, den Tod, ich habe ihn selbst getragen am Kreuz, damit du leben kannst. Und nun: lebe, sei frei vom alten Menschen. Das Alte muss dich nicht mehr quälen, du kannst es loslassen, ich helfe dir dabei. Freiheit von Schuld und Sünde durch Vergebung in Jesus. Sind Sie sich der Tragweite dieser Aussage bewusst? Wir dürfen das nicht einfach abnicken: „Ja ja, das kenn ich, das sagt man so in der Kirche.“ Nein. Realität ist das, Lebensqualität. Wirkliche Veränderung und Erneuerung. Kein Neuwerden ohne Vergebung, ohne Überwindung des Alten. Am Ende des Abschnitts heißt es: Seid vielmehr gütig und barmherzig zueinander. Vergebt einander, wie Gott euch in Christus vergeben hat. (Epheser 4,32) Auf diesen Halbsatz kommt es an. Vom Alten zum Neuen in Jesus. Das ist es, was der Gelähmte erlebt. Und das ist es auch, was Paulus vor Damaskus erlebt hat und deswegen wird er nicht müde, in seinen Briefen rauf und runter davon zu erzählen. Im Römerbrief: unser alter Mensch ist mitgekreuzigt worden und wir sind freigesprochen von Sünde (Römer 6,6f.) Im 2Korintherbrief: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2Korinther 5,17) Im Galaterbrief: Denn ihr alle seid Kinder Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, ihr habt Christus angezogen. (Galater 3,27) Und hier im Epheserbrief: den alten Mensch ausziehen, den neuen anziehen, das ist die Wahrheit in Jesus (Epheser 4,21) Alles Aussagen, über die ganze Bücher geschrieben werden, die sich aber zusammenfassen lassen in dem Einen: Vom Alten in Jesus zum Neuen. Ein guter Freund von mir hat mal zu mir gesagt: Man kann ja viel über Glaubensfragen und die Bibel streiten, aber was sich nicht bestreiten lässt: dass Menschen ihr Leben verändern in der Begegnung mit Jesus. Das Alte, ob nun selbstverschuldet oder nicht, muss dann nicht mehr quälen, hat keine Macht mehr, sondern dann geschieht wirklich Erneuerung. Und deshalb will ich Ihnen heute sagen: begegnen Sie Jesus! Bringen Sie ihren alten Menschen mit und alles was dazu gehört. Und geben Sie ihn Jesus. Weg damit. Wir sollten es dem Gelähmten einfach nachmachen und zu Jesus kommen. Heute für uns in Form eines Gebets, im Gottesdienst, zu Hause, morgens, abends: Jesus, hier bin ich, hier ist mein alter Mensch, ich habe alles dabei. Erneuere du mich. Vom Alten in Jesus zum Neuen. [Kleidung wechseln]

3. …zum Neuen.

Vom Alten in Jesus zum Neuen. Und nun? Den neuen Menschen anziehen, und dann alles gut? Ja, in Jesus – alles gut J. Aber trotzdem: es bleibt ein Prozess. Wie schon beim alten Menschen, so ist auch der neue Mensch, von dem Paulus spricht, keine zeitliche, sondern eine qualitative Angelegenheit. Diese Vergebung in Jesus in Anspruch zu nehmen, das eigene Leben von dieser Vergebung her prägen zu lassen und aus dieser Vergebung heraus das eigene Leben zu gestalten – das ist Aufgabe von jedem und jeder einzelnen von uns an jedem neuen Tag. Paulus hat da konkrete Lernfelder vor Augen. Fast immer gibt’s auch ein positives Beispiel hat: Weil Gott euch in Christus vergeben hat: Lügt nicht – sondern seid ehrlich; stehlt nicht – sondern teilt; redet nicht schlecht – sondern baut auf; seid nicht böse – sondern vergebt. Das entspricht einer Lebensqualität, wie sie Gott sich für uns vorstellt. Vielleicht hat das ja auch zum neuen Leben des Jetzt-nicht-mehr-Gelähmten gehört. Ein Gespräch zwischen Paulus und diesem Mann, das wäre sicherlich sehr interessant. Sie wären sich vermutlich darin einig, dass Menschen vom Alten in Jesus zum Neuen kommen. Zu Beginn des Gottesdienstes habe ich Sie gefragt, wie lange Sie heute vor Ihrem Kleiderschrank gebraucht haben. Paulus verwendet das alltägliche Bild der Kleidung, um etwas Grundlegendes über das Menschsein zu verdeutlichen – und das ist gut so. Denn was nützen die grundlegendsten Einsichten, wenn sie keine Auswirkungen auf unseren Alltag haben? So können wir dieses Bild vom alten und vom neuen Menschen ganz konkret vor dem Kleiderschrank nutzen.

Also wenn Sie das nächste Mal vor dem Kleiderschrank stehen, dann stellen Sie sich doch auch mal innerlich vor Ihren inneren Kleiderschrank. Und so wie Sie äußerlich überlegen, was heute für ein Tag sein wird und was sie dafür dann am besten anziehen, so können sie dann auch innerlich überlegen: Was will ich heute anziehen? Und dann beten Sie: Jesus, erneuere mich heute in dieser oder jenen Sache.

Da kommt heute das schwierige Gespräch mit einer Kollegin, mit der ich letztens aneinandergeraten bin. Nein, ich ziehe den neuen Menschen an, ich halte mich zu Jesus – und lasse meine Wut nicht an ihr aus. Jesus, erneuere mich.

Da kommt heute wieder die Fülle an Aufgaben für die ganze neue Woche, wo ich immer nicht mehr weiterweiß. Nein, ich ziehe den neuen Menschen an, ich halte mich zu Jesus – und lasse mich davon nicht übermannen. Jesus, erneuere mich.

Da kommt heute eine schwere Diagnose vom Arzt, es geht mir gesundheitlich nicht gerade gut. Nein, ich ziehe den neuen Menschen an, ich halte mich zu Jesus – und verliere darüber nicht meine Freude am Leben. Jesus, erneuere mich.

Da kommt heute Punkt. Punkt. Punkt.

Ihr neuen Menschen, lebt, frei von Schuld und Sünde. Lasst das Alte doch einfach los. Lasst euch erneuern in Jesus. Vom Alten in Jesus zum Neuen. Amen.

 

Predigt 4.10.2020, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu Johannes 12, 24-25 – es gilt das gesprochene Wort

Jesus sagt (24) „Ich sage euch die Wahrheit: Ein Weizenkorn, das nicht in den Boden kommt und stirbt, bleibt ein einzelnes Korn. In der Erde aber keimt es und bringt viel Frucht, obwohl es selbst dabei stirbt. (25) Wer an seinem Leben festhält, wird es verlieren. Wer aber sein Leben loslässt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen.“


I

Vor ungefähr 11.500 Jahren hatte ein Mensch eine – auf den ersten Blick - komischen Idee. Er oder sie beschloss Essen wegzuwerfen, essbare Körner.

Bis zu dieser Idee waren die Menschen in kleinen Gruppen umhergezogen, den Tieren hinterher. Lebten von einem Tag zum anderen, ohne ein echtes Zuhause. Zu diesen Zeiten wo man entweder ganz viel zu essen hatte, - weil man frisch gejagt oder frisch irgendetwas gesammelt hatte – oder ziemlich wenig bis gar nichts, war das wirklich eine merkwürdige Idee.

Bis jemandem etwas auffiel: Mit Samenkörnern, die man in die Erde legte, passierte etwas. Sie wuchsen! Und zwar ohne, dass man dafür etwas tun musste. Sie wuchsen zu einer Pflanze heran oder zu einem Baum. Und die Pflanze selbst trug Früchte, die wiederum Samen enthielten oder selbst der Same waren.

Hört sich jetzt nicht nach einer weltbewegenden Erkenntnis an. Aber das war es einmal. Diese Idee, diese Entdeckung revolutionierte das Leben, prägt es bis heute. Denn jetzt mussten die Menschen nicht von einem Tag zum nächsten leben. Sie konnten jetzt an dem Platz leben an dem ihr Essen wuchs. Natürlich brachte das andere Arbeit mit sich, aber so entstanden die ersten Siedlungen und dann Städte. Dadurch entwickelte sich das Handwerk, Kunst, Architektur, Werkzeuge, unsere Zivilisation.

II

Aber alles hat seinen Preis. Wobei in diesem Fall das Korn, der Same, den Preis bezahlen muss. Das Weizenkorn muss sterben.

Das Korn verschwindet, bzw. verwandelt sich. Ich finde es immer noch verwunderlich und erstaunlich, dass der Teil einer Pflanze, der ihr Wachstum auslöst, eben dadurch verschwindet. Aber so ist seit alter Zeit der Lauf der Welt.

Schon vor 2000 Jahren hat das die Menschen beschäftigt. Das wissen wir, weil schon Jesus von diesem Lauf der Welt erzählt hat: „Ich sage euch die Wahrheit: Ein Weizenkorn, das nicht in den Boden kommt und stirbt, bleibt ein einzelnes Korn. In der Erde aber keimt es und bringt viel Frucht, obwohl es selbst dabei stirbt.“

Damit etwas geerntet werden kann, braucht es nicht nur Erde, Wasser, Luft und Sonne, sondern muss auch ein Opfer gebracht werden.

Der Samen muss sterben. Nur so muss kann Neues entstehen. Obwohl das in der Natur ganz offensichtlich ist, ganz logisch, tun wir uns mit dieser göttlichen Wahrheit in unsrem Leben doch oft genug schwer.

Damit Frucht entsteht, Gutes wachsen kann, müssen Opfer gebracht werden, müssen wir oft genug durch das Schwere hindurch, müssen unsre Grenzen erfahren und überschreiten.

Eltern müssen Opfer bringen, damit ihre Kinder in einem guten Sinne wachsen können (irgendwie groß werden Kinder nämlich auch von alleine). Damit eine Familie zusammenhält müssen alle Seiten immer mal wieder Opfer bringen. Damit es in der Welt besser wird, müssen Menschen Opfer bringen.

Im sterbenden Samenkorn das neue Leben. Das sterbende Samenkorn als Ursache für Ernten; für unseren Erntedankaltar.

III

Damit wir ernten können und heute Erntedank feiern können, braucht es ungezählte Tode. Es muss etwas sterben, damit etwas Neues entstehen kann. Was diese göttliche Wahrheit für unser Leben bedeutet, führt Jesus noch aus: „Wer an seinem Leben festhält, wird es verlieren. Wer aber sein Leben loslässt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen.“

Was passiert nämlich, wenn ich Körner festhalte? Gar nichts, außer dass sie vertrocknen und keine neuen Körner hervorbringen.

Damit wir im Leben gutes ernten können; damit Gutes in mir wachsen kann und dadurch auch in anderen und der Welt, damit wir dankbar ernten können, muss etwas in mir sterben:

- Wenn ich meine Vorstellungen davon, wie das Leben laufen soll, krampfhaft festhalte und nicht sterben lasse, dann verpasse ich die Gegenwart. Ich verbaue mir die Zukunft, denn ich lasse mich nicht auf das Leben ein.

- Wenn ich meine Vorstellungen davon, wie andere Menschen sein müssen krampfhaft festhalte und nicht sterben lasse, verpasse ich gelingende Begegnungen. Stattdessen ärgere ich mich dann nur über die anderen und lasse mich nicht auf sie ein.

- Wenn ich meine Angst vor der Zukunft krampfhaft festhalte und nicht sterben lasse, ertrinke ich in Sorgen.

- Wenn ich meinen Besitz, mein Geld, krampfhaft festhalte, dann werde ich einsam.

- Wenn ich andere Menschen krampfhaft festhalte und nicht loslasse, verliere ich sie.

Jesus hat so dermaßen recht: „Wer an seinem Leben festhält, wird es verlieren. Wer aber sein Leben loslässt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen.“

IV

Aber warum erscheint es denn leichter festzuhalten als loszulassen? Da gibt es eine einfache Antwort: Wir möchten die Kontrolle behalten. Wir möchten bestimmen, was wie wann passiert in unserem Leben. Wir möchten planen und sicher sein können, dass es so kommt, wie wir uns das momentan vorstellen. Aber zumindest das können wir doch aus der momentanen Coronakrise rausziehen: Es gibt keine Garantien. Es gibt keine Kontrolle.

Jesus weiß das und folgert deswegen: „Wer sein Leben loslässt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen.“ Oder anders formuliert: „Wer loslässt wird gehalten!“

Es ist so wichtig, wer diese Sätze sagt. Denn das sind nicht nur allgemeine Lebensweisheiten. Nein, Jesus hat es vorgemacht; hat es genauso gemacht wie das Weizenkorn. Er ist gestorben – an einem Freitag, Karfreitag. Das musste so sein, damit am Sonntag, Ostersonntag, neues Leben entstehen konnte.

Das Kreuz ist die Erinnerung daran, dass meine Ängste und Sorgen sterben müssen; mein Egoismus; meine Bequemlichkeit, damit mein Leben fruchtbar werden kann für mich, für andere, für die Welt, für Gott. Jeder von uns hat etwas in sich und an sich, was ihn an einem fruchtbaren, erfüllten Leben mit sich, Gott und den anderen hindert.

Jedes Brot erinnert uns daran: Es muss etwas sterben. Denn es ist gebacken aus Körnern. Es ist das Ergebnis eines Todes. Diese Erntegaben erinnern uns daran. Sie sind die Ergebnisse vieler Tode.

Ich habe ein paar Beispiele genannt, was das alles sein kann, was in uns sterben muss.

Wie kann man herausfinden, was das für einen selbst ist?

Schauen Sie auf das, was Ihnen Angst macht und finden sie heraus, was hinter dieser Angst steckt. Das ist zum Beispiel etwas, was sterben soll.

Oder eine Eigenschaft, von der Sie wissen, dass sie Sie im Leben behindert. Oder durch die Sie andere behindern.

Oder Sie schauen auf das, was Sie unglücklich macht und finden heraus, warum das so ist. Lassen Sie das dann sterben.

Oder sie schauen auf etwas, von dem Sie schon wissen, dass Sie es tun oder lassen sollten – was sozusagen dran ist - und finden heraus, was Sie daran hindert. Lassen Sie das dann sterben.

Und ganz allgemein sollen sterben: Gier oder Geiz oder Lieblosigkeit oder Gleichgültigkeit oder Bequemlichkeit.

V

Natürlich stirbt keiner gerne. Wir haben hauptsächlich Angst davor, weil wir Schmerzen befürchten und weil wir nicht wissen, was uns dann erwartet. Natürlich will keiner etwas in sich sterben lassen, denn das kann wehtun und man weiß nicht, was dann wird.

Und so erlebe ich immer wieder Menschen, die lieber an Schlechtem in ihrem Leben festhalten; Schlechtes, das ihr Leben und das der anderen erkennbar erschwert, und die trotzdem daran festhalten, weil die Angst vor dem Loslassen so groß ist. Lieber den schlechten Spatz in der Hand als die unbekannte Taube auf dem Dach.

Gut sterben kann man nur, wenn man Hoffnung hat: Die Hoffnung, es kommt etwas Neues, etwas Gutes.

Und wieder ist Jesus so wichtig. Weil wir an ihm sehen können, was Gott will. Als er Jesus von den Toten auferweckt hat, hat er gezeigt, dass selbst der körperliche Tod für ihn kein Hindernis ist, Neues zu erschaffen, neues Leben. Als Jesus loslässt, erfährt er: Er wird gehalten.

„Wer an seinem Leben festhält, wird es verlieren. Wer aber sein Leben loslässt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen.“

Das ist zwar eine Aussage, aber im Grunde fordert Jesus uns damit auf: „Wollt ihr ein fruchtbares Leben haben, heute, morgen und für alle Zeit? Falls ja: Was müsst ihr dafür loslassen? Aber in der Regel wisst ihr das schon. Dann vertraut mir und lasst los, denn nur wer loslässt, wird erfahren: Er wird gehalten.“ Wollen Sie das erfahren? Dann fahren Sie fort ihm zu vertrauen. Vertiefen Sie Ihr Vertrauen. Beginnen Sie Ihr Vertrauen. Wer loslässt wird gehalten. Amen.

 

Predigt 27.9.2020, Friedenskirche Kaiserslautern, Pfarrer Tilman Grabinski, zu 2. Timotheus 1, 7-10 – es gilt das gesprochene Wort

Gott hat uns nicht den Geist der Angst gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Schäm dich also nicht, dich in aller Öffentlichkeit zu unserem Herrn Jesus Christus zu bekennen. Halte weiter zu mir, obwohl ich jetzt für ihn im Gefängnis bin. Sei auch du bereit, für die rettende Botschaft zu leiden. Gott wird dir die Kraft dazu geben. Er hat uns gerettet und uns dazu berufen, ganz zu ihm zu gehören. Nicht etwa, weil wir das verdient hätten, sondern aus Gnade und freiem Entschluss. Denn schon vor allen Zeiten war es Gottes Plan, uns in seinem Sohn Jesus Christus seine erbarmende Liebe zu schenken. Das ist jetzt Wirklichkeit geworden, denn unser Retter Jesus Christus ist gekommen. Und so lautet die rettende Botschaft: Er hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht. (2. Timotheus 1, 7-10)


Corona hier – Corona da. Begrüßungen mit dem Ellenbogen und immer und überall eine Maske dabei.

Da hat es mich doch überrascht, als ich bei einer Umfrage einer Versicherung zu den Ängsten der Deutschen gesehen habe: Die Angst vor einer schweren Erkrankung, z.B. durch das Corona-Virus liegt nur auf Platz 17. Auf Platz 1 dagegen liegt die Angst davor, dass die Politik von US-Präsident Trump die Welt zu einem gefährlicheren Ort macht.

https://www.ruv.de/presse/aengste-der-deutschen/grafiken-die-aengste-der-deutschen, 23.9.20

Und danach kommen Ängste vor wirtschaftlichen und politischen Verschlechterungen. Natürlich werden diese Umfrageergebnisse stimmen. Aber ich merke in meinem Alltag in mir selber und in meinen Begegnungen: Ganz andere Ängste spielen da eine Rolle:

- die Angst zurückgewiesen zu werden. Menschen, die keine tiefen Beziehungen mehr wagen, weil sie mal tief verletzt wurden.

- oder die Angst, endgültige Entscheidungen zu treffen.

- oder die Angst mutig etwas Neues zu wagen. Stattdessen bleibt man lieber beim Alten und Bekannten, selbst, wenn das einem schadet.

Ein Freund von mir ist Unternehmensberater. Und der hatte mal den CEO, den Vorstandsvorsitzenden eines der größten Automobilhersteller Europas in einem Einzelcoaching. Denn der hatte eine panische Angst davor sich vor andere Menschen hinzustellen und zu ihnen zu sprechen.

Ein andere Freund hat mir von einem Anhalter erzählt, den er nachts mal mitgenommen hat. Ein junger Mann, tough und selbstbewusst. Und der ihm bei der längeren Fahrt folgendes erzählte: „Ich sage Ihnen jetzt was, was ich nur ihnen erzähle und weil wir uns nie wieder sehen werden: Ich fahre jetzt zu meinen Eltern und wenn ich dann dort bin, lege ich mich zu ihnen ins Bett und kuschele mich zwischen sie. Das beruhigt mich.“ Im Innern war er doch ein ängstlicher kleiner Junge.

Ängste sind einfach Teil unsere Lebens. Und ich glaube, das ist der Grund, warum Jesus einfach mal feststellt: „In der Welt hat ihr Angst.“ (Joh 16,33).

Nun komme ich auf die Idee, mir darüber laut Gedanken zu machen, weil der Apostel Paulus einen –wie ich finde – spannenden Satz gesagt hat: „Gott hat uns nicht den Geist der Angst gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Natürlich haben Ängste auch die Funktion uns vor Gefahren zu beschützen, keine Frage: Wenn man auf einer glatten Straße ein wenig ängstlich wird, dann bewahrt das einen womöglich vor einem Unfall. Lampenfieber führt dazu, dass man sich auf ein Referat oder einen Gottesdienstgut vorbereitet und sein Bestes gibt. So eine Art von Angst ist eine gute Sache. Mücken und Motten kennen keine Angst. Deshalb fliegen sie ins Feuer und verbrennen.

Aber es gibt auch eine andere Angst! Eine zerstörerische Angst. Angst die unsere Lebensqualität beeinflusst, die uns lähmt und kaputtmacht. Die unsere Arbeit behindert, die uns von der nötigen Erholung abhält, die uns gefangen nimmt und uns versklavt.

Und von dieser Angst redet Jesus. Von dieser Angst redet der Apostel: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Angst, sondern den der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Gottes Plan ist es anscheinend, uns von den zerstörerischen Ängsten zu befreien. Und ich möchte jetzt etwas dazu sagen, was diese geistliche Erkenntnis für uns und unsere zerstörerischen Ängste bedeutet:

Eine zerstörerische Angst ist eine Lüge! Denn sie flüstert uns ein, dass die Vergangenheit sich wiederholen wird:

Wer Angst hat vor anderen zu reden, dem flüstert sie zu: „So wie du damals das Referat nicht gepackt hast, wird es jetzt wieder sein, wenn du vor anderen redest. Irgendeiner wird lachen. Lass es!“

Oder: „Du bist schon mal enttäuscht worden. Das wird wieder passieren, wenn du dich jemandem öffnest. Lass es!“

Oder: „Du wirst wieder einen Unfall haben, wenn du dich ans Steuer setzt. Lass es!“

Oder: „Du wirst wie in deiner Konfirmandenzeit wieder auf einen doofen Pfarrer treffen, wenn du in die Kirche gehst. Lass es!“

Oder sie malt uns Horrorszenarien in den Kopf:

„Deinem Kind wird was passieren, wenn du nicht dabei bist und die Kontrolle behältst. Lass es nicht los.“

Oder: „Dein Leben ist gelaufen. Du hattest deine Chancen. Das war’s!“

Oder: „Das packst du eh nicht! Lass es doch gleich sein.“

Aber auch diese Horrorszenarien sind nichts weiter als Lügen! Und als solche müssen wir sie entlarven. Ansonsten bestimmen sie unser Leben. Aber das sagt sich leichter als es getan ist.

Und da kommt jetzt der Gedanke von Paulus ins Spiel: „Gott hat uns nicht den Geist der Angst gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Das Faszinierendste an dem Gedanken von Paulus ist für mich die Zeitform, in der Paulus das Wort „geben“ gebraucht. Er formuliert nämlich nicht: Gott wird uns den Geist der Kraft geben. Auch nicht: Gott soll uns den Geist der Kraft geben. Nein, er hat ihn uns gegeben. Das ist eine abgeschlossene Handlung. Das ist so.

Er hat ihn denen gegeben, die ihm vertrauen. Paulus meint damit zuerst mal sich und dann seinen Schüler Timotheus. Aber weil es dann um Kraft und Liebe und Besonnenheit geht, bezieht sich das auf alle Christen. Kraft und Liebe und Besonnenheit hat doch Gott nicht nur für die beiden reserviert. Aber dazu gleich mehr.

Die halbe Miete, wenn nicht mehr, ist es, wenn wir beginnen, Gott zu glauben: Die Angst kommt nicht von ihm. Angst ist nicht das Ziel.

Mir ist vor kurzem ein Gebet untergekommen – ihr habt es auf der Rückseite des Liedzettels – in dem gesagt wird: „Egal vor welcher Situation ich gerade stehen mag, ich entscheide mich, nicht bestürzt zu sein. Ich entscheide mich, keine Angst zu haben. Meine Gedanken sind auf Dich ausgerichtet und ich vertraue Dir.“

Sich gegen die Angst zu stellen, ist tatsächlich eine Entscheidung!

Und diese Entscheidung meint etwas ganz anderes als sich zu entscheiden, ob das Glas Wasser halb voll oder halb leer ist. Das ist ja ein bekannter Test, mit dem man angeblich herausfinden kann, ob jemand Optimist oder Pessimist. Man zeigt jemandem ein Glas Wasser, das zur Hälfte gefüllt ist und fragt ihn, was er sieht. Lautet die Antwort: „Halb voll“ dann soll man ein Optimist sein. Sagt man „Halb leer“ dann ein Pessimist. Die Wahrheit ist: Das ist einfach eine Ansichtssache. Nicht mehr und nicht weniger. Aber Paulus redet nicht von Ansichtssachen. Es geht nicht darum, dass man Ängste klein redet oder sich schönfärbt. Das funktioniert nämlich nicht.

Nein, es gibt einen wirklich guten Grund, sich gegen die Ängste zu stellen. Paulus nennt ihn im Weiteren, wenn er fortfährt in seinem Brief:

„Schäm dich also nicht, dich in aller Öffentlichkeit zu unserem Herrn Jesus Christus zu bekennen. …Er hat uns gerettet und uns dazu berufen, ganz zu ihm zu gehören. Nicht etwa, weil wir das verdient hätten, sondern aus Gnade und freiem Entschluss. Denn schon vor allen Zeiten war es Gottes Plan, uns in seinem Sohn Jesus Christus seine erbarmende Liebe zu schenken. Das ist jetzt Wirklichkeit geworden, denn unser Retter Jesus Christus ist gekommen. Und so lautet die rettende Botschaft: Er hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht.“

Der Grund dafür, keine Angst mehr zu haben, sich gegen die Angst zu stellen und sie als Lüge zu entlarven, ist: Gott ist stärker als alles – stärker als selbst der Tod. Das hat er an Jesus gezeigt als er ihn von den Toten auferweckte. Und wer ihm vertraut, schließt sich sozusagen an seine göttliche Kraftquelle an. So wie Paulus es in einem seiner anderen Briefe sagt: „Ihr sollt erfahren, mit welcher unermesslich großen Kraft Gott in uns, den Glaubenden, wirkt. Es ist doch dieselbe gewaltige Kraft, mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte.“ (Epheser 1, 19f).

Natürlich muss ich - vorausgesetzt ich will meine Ängste überhaupt überwinden – mich immer noch ihnen stellen. Aber das ist dann wie beim Riesen Turtur aus dem Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Turtur ist ein sog. „Scheinriese“. Je weiter weg er ist, umso größer erscheint er. Je näher man ihm kommt umso kleiner wird er.

Begegnet euren Ängsten im Vertrauen: Ihr gehört ganz zu Gott.

Begegnet ihnen im Vertrauen: Ihr seid gerettet.

Entscheidet euch dafür! Grundsätzlich und immer wieder. Wenn es sein muss, jede halbe Stunde. Denn Ängste kommen gerne wieder.

Und dann?

„Schäm dich also nicht, dich in aller Öffentlichkeit zu unserem Herrn Jesus Christus zu bekennen.“

Durch diesen Geist, den Sie bekommen haben, stehen Sie ununterbrochen mit dem Schöpfer von Himmel und Erde in Kontakt; sind verbunden mit dem Herrn über die Lebenden und die Toten. Sie belästigen niemanden, wenn Sie in Ihrem Alltag zu Ihrem Glauben stehen. Im Gegenteil: Durch Sie bekommen andere das Privileg diesen Gott kennenzulernen. Das ist das eine.

Und dann das andere: Kraft und Liebe und Besonnenheit liegen in uns, in Ihnen, euch und mir.

Wenn Sie sich kraftlos fühlen, erinnern Sie sich und Gott daran, dass er in Sie Kraft gelegt hat. Sie müssen gar keine eigene haben. Nehmen Sie die von Gott.

Wenn Sie merken Ihnen fehlt Liebe, erinnern Sie sich und Gott daran, dass er die in Sie gelegt hat. Sie müssen gar keine eigene haben. Nehmen Sie die von Gott.

Wenn Sie merken Ihnen fehlt Geduld und Gelassenheit, erinnern Sie sich und Gott daran, dass er das in Sie gelegt hat. Sie müssen gar keine eigene haben. Nehmen Sie die von Gott.

Es ist Zeit! Überwindet die Angst und öffnet eure Herzen für Gott. Sagt ihm das. Denn Gott hat euch nicht einen Geist der Angst gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Wer darauf vertraut oder vertrauen möchte, bestätige das mit seinem Amen.

 

Predigt zu Psalm 139,5, Vikar Daniel Götzfried, Friedenskirche 20.9.2020

DU BIST DA! - Gedanken zur Gegenwart Gottes. Es gilt das gesprochene Wort.

Gott, von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. (Psalm 139,5)

1. DU BIST DA – Hilfe!

 

  • Du bist da. Moment mal, klingt das nicht ein bisschen radikal.
  • Ich mein, du bist da, zu jeder Zeit an jedem Ort, gar nicht weit weg, niemals fort.
  • Nein, du bist da, ganz nah, so dass es mir fast schon zu eng wird, dass es irgendwie bedrängt wirkt. Weil du mich niemals in Ruhe lässt, selbst wenn ich dich vergess, Gott, das wird mir zum Stress.
  • Du bist da, ja, das sagt man doch so, ob ich stehe oder gehe, liege oder sitze, sogar auf dem Klo.
  • Weißt du, das ist ja schön und gut, aber manchmal will ich allein sein, dann brauch ich echt keinen um mich rum.
  • Denn in Wirklichkeit ist es so: in meinem Leben ist nicht alles Gold was glänzt. Im Gegenteil, oft fühl ich mich ziemlich begrenzt. Und dann weiß ich nicht, was du darüber denkst. Ob du mir auch deine Liebe schenkst, obwohl du mich so gut kennst und genau siehst, wo mein Leben den Bach runterrennt.
  • Dann würd ich am liebsten vor dir fliehen, mich deinem Blick entziehen, um keine Angst davor zu kriegen, dass du da bist.
  • Aber das geht nicht. Von allen Seiten willst du mich begleiten. Das heißt oben, unten, vorne, hinten, links, rechts, Gott, ich hab dich echt unterschätzt.
  • Meine dunkelsten Stunden, wo ich in Schuld versunken bin, sind verbunden mit deinem Licht, ich fass es nicht.
  • Es ist schon krass, dass du mir nicht von der Seite weichst, wenn ich mich ganz dreist davonstehlen will, weil ichs nicht aushalte, dass du mich liebst, obwohl du von mir nichts zurückkriegst.
  • Du willst meine Finsternis erhellen, auch wenns für mich manchmal fast zu grell ist.
  • Aber es ist eben dein Plan, dich den Menschen zu nahen.  
  • Und darum bleiben diese 3 Wörter, ja klar: DU BIST DA!

 

Gott, von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

2. DU BIST DA – Wirklich?

 

  • Du bist da. naja. Ich hab das schon oft gehört, aber weißt du, was mich daran stört? Ich hab da nämlich mal noch ne Frage, und es tut mir leid, wenn ich das so sage, aber stimmt das denn wirklich, dass es klar ist, dass du da bist?
  • Denn oft kann ich dich nicht sehen, seh zwar Menschen und die Welt zugrunde gehen, aber seh dich maximal danebenstehen und zusehen anstatt dazwischen zu gehen.
  • Du bist da, schon klar. Mal ehrlich, wars nicht dein eigener Sohn, der unter Spott und Hohn zum Himmel schrie: Mein Gott, Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich frag mich, geht’s noch krasser?!
  • Also wenn du da bist, dann frag ich mich, warum auf der Welt so viel im A**** ist?!
  • Und das nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen: kannst du mir denn wirklich den Weg zeigen, mich auf Schritt und Tritt begleiten und mich so durchs Leben leiten, auch wenn das Leben mir nen Streich spielt?
  • Das ist es, wonach ich mich sehne, dich zu verstehen und deine Gegenwart in meinem Leben zu sehen, oder ist das für dich etwa ein Problem?
  • Kannst du deine Hand wirklich über mir halten?! Denn damit könnte ich mein Leben viel besser gestalten als mit solchen alten Floskeln, dass „schon alles klar ist, solange du da bist.“
  • Ich find keine Antwort auf diese Fragen, aber ich bin sicher, du würdest nicht sagen, dass das alles hier dein Plan ist, ganz ehrlich, das wär Wahnsinn!
  • Vielleicht muss ich das einfach aushalten, so wie Jesus, der am Kreuz nach dir schreit und sich bei aller Verlassenheit trotzdem bei dir geborgen weiß, denn er sagt auch: In deine Hände, Gott, befehle ich meinen Geist.
  • Zufrieden macht mich das nicht, aber immerhin wirft das auf das Weltdunkel etwas Licht und ich bin erpicht darauf, dieses dein Licht zu ergreifen, auch wenn ichs nicht beweisen kann, dass du da bist.
  • Denn es ist doch dein Plan, dich den Menschen zu nahen – oder? Also will ich an diesen 3 Wörtern festhalten, ja klar: DU BIST DA!

 

Gott, von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

3. DU BIST DA – Wie schön!

 

  • Aber während ich dir das so sag und dich anklag, fällt mir ein, du könntest mich dasselbe fragen.
  • Wo war ich denn beim Leid anderer Menschen? Wie oft beweg ich mich nur in meinen eigenen Grenzen, anstatt Grenzen zu überwinden, mich mit anderen zusammenzufinden und Netze der Liebe zu spinnen?
  • Und neben all dem Fragen und Stöhnen komm ich nicht vorbei an dem dem Schönen. Denn du bist da, und das ist einfach wunderbar!
  • Es ist ja schon ein großes Geheimnis, dass du in Jesus bei uns bist. In ihm, der am Kreuz starb von dir verlassen. Und obwohl ihn die Menschen hassten kam er durch dich ins Leben zurück – für mich das größte Glück!
  • Denn dadurch gabst du mir den Beweis, hasts ein für alle Mal gezeigt, dass du tatsächlich immer bei mir bleibst und mir auch im größten Scheiß noch immer deine Gegenwart verheißt. Dass du bei mir bist in höchster Not, ja, sogar noch im Tod, ich kann nur sagen: Oh mein Gott, du bist da!
  • Du bist da bei den Großen und bei den Kleinen. Bei denen, die lachen und bei denen, die weinen. Bei denen, die neben sich zu stehen scheinen und bei denen, die die Besten zu sein meinen.
  • Du bist da, egal, wo ich bin und genau genommen gibt mir das Sinn, denn zu dir will ich doch hin, dass wir zwei zusammen sind.
  • Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag, Stunde um Stunde – hey lasst uns verbreiten diese Kunde, dass Gott da ist. In Freud und Leid, in Sorgen und in Dankbarkeit. Und alles Leid ist mit dir an meiner Seite geteilt.
  • Ja, du hast unser Leid mit uns geteilt am Kreuz. Bist einer von uns geworden, hast auf dich genommen allen Kummer und alle Sorgen, die von gestern, die von heute und die von morgen.
  • Weg ist alle Finsternis im Licht des Kreuzes und das gilt bis heute.
  • Jetzt kann ich Feinden ins Gesicht sehen, fest im Sturm stehen und fröhlich durchs Leben gehen. Nach vorne streben, andern vergeben, Probleme beheben und Herausforderungen mutig begegnen. Weil ich weiß, dass du da bist.
  • Du bist da. Und genau das ist dein Segen, an dem alles gelegen ist und ich bitte dich, dass du ihn uns geben wirst. Denn du hast versprochen, bei uns zu sein und es gibt kein‘, der das jemals vernein‘ könnte.
  • Es ist doch klar, dass du dein Versprechen hältst und das ist alles, was zählt, denn ohne dich ists so viel dunkler in der Welt.
  • Wenn ich so genau drüber nachdenk, meinen Blick zum Himmel lenk, dann merk ich: dass du immer da bist, das ist mir zu hoch. Ich versuch das zu begreifen und stell fest: mir wird diese Erkenntnis immer wieder entgleiten, es ist zum verzweifeln.
  • Ich kann das einfach nicht fassen, Gott, das ist so Klasse! Und auch wenn ich gern mal allein wär und dann dennoch bin wie ein Fisch im Meer, umgeben von dir hier von allen Seiten… auch wenn ich vieles nicht ganz versteh und dich in der Welt nicht überall seh…
  • … will ich trotzdem darauf vertrauen, dass du von allen Seiten mich umgibst und liebevoll deine Hand auf mir liegt.
  • Wie schön, es ist dein Plan, dich den Menschen zu nahen. Und deshalb, daran gibt’s keinen Zweifel, bleiben diese 3 Wörter, ganz klar: DU BIST DA!

Predigt zu Micha 7, 18-20, 28.6.2020

Predigt zu Micha 7, 18-20, Friedenskirche KL, 28.6.2020,
Pfarrer Tilman Grabinski
Es gilt das gesprochene Wort.

„Ich bin nicht für den Himmel geschaffen.“ Das sagte Freddy Mercury, der charismatische Sänger der Rockgruppe Queen. „Nein, ich will nicht in den Himmel kommen. Die Hölle ist viel besser. Denke an all die interessanten Leute, die du da unten treffen wirst!“
Und der französische Schriftsteller Molière meint: „Der Himmel dürfte aus klimatischer Sicht angenehmer sein als die Hölle. Allerdings vermute ich, dass die Hölle in gesellschaftlicher Hinsicht weit interessanter ist.“
Wer so denkt, für den ist der Himmel ein total langweiliger Ort. Da sitzt man mit voller Langeweile auf einer Wolke und schaut sehnsüchtig auf die Erde, wo das Leben tobt oder wünscht sich in die Hölle. Denn da sind eben nicht nur die braven, langweiligen und moralischen Leute.
Stimmt das? Was macht man im Himmel? Ist das ein langweiliger Ort?
Immerhin ist der doch ein zentraler Ort Platz viele Menschen. „Wir kommen alle, alle in den Himmel“ singt man zur Faschingszeit. Viele Menschen gehen davon aus, dass sie nach dem Tod dort hinkommen. Wäre doch blöd, wenn es dort uninteressant ist.
In vielen Religionen ist der Himmel so etwas wie ein irdisches Paradies. So wie die Erde, nur viel, viel besser.
Da kann man – so glaubten es zumindest die alten Germanen - saufen ohne Kopfweh zu bekommen, sich auf dem Schlachtfeld austoben, anderen den Schädel einschlagen und am nächsten Morgen sind wieder alle vereint an Odins Tafel. Kann man toll finden, muss man aber nicht.
Oder man hat 70 Jungfrauen an der Hand, mit denen man unendlich - Federball spielen kann.
Jesus dagegen benutzt ein anderes Bild. Er vergleicht den Himmel mit dem schönsten Fest, das wir Menschen haben: Mit einer Hochzeit.
Warum gerade dieser Vergleich?
Weil ein Hochzeitsfest die Liebe feiert: Zwei Menschen versprechen sich tiefe, innige, unverbrüchliche Gemeinschaft. Sie wollen beieinanderbleiben, sich lieben und ehren. Sie sind miteinander glücklich, wollen einander glücklich machen.
Was heißt nun dieser Vergleich für die Frage nach dem Himmel?
Ich denke, Jesus will damit folgendes sagen:
Wir treffen im Himmel Gott, unseren Liebste, unsere Liebste! Wir haben endlich vollkommene Gemeinschaft mit Gott. Kein Leid mehr, keine Tränen, keine Schmerzen, keinen Tod, keine Zweifel mehr, keine Unklarheiten. Wir werden Gott sehen. Wir werden die Liebe in Person sehen, erkennen und erfahren.
Weil das aber noch ziemlich abstrakt klingen kann, bitte ich Sie und euch sich einmal etwas vorzustellen:
Nämlich den Menschen, in den Sie verliebt sind oder waren. Oder den, den sie wirklich lieben. Oder den, den sie einmal wirklich geliebt haben. Vergegenwärtigen oder erinnern Sie sich an das Gefühl, das Sie haben oder hatten, wenn sie ihn oder sie sehen oder gesehen haben. Vergegenwärtigen oder erinnern Sie sich an das, was in Ihnen los ist oder war, als sie dem oder der anderen Ihre Liebe offenbarten und erlebten: Meine Liebe wird erwidert. Okay?
Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie erleben das im Himmel, wenn Sie 
leibhaftig und tatsächlich Gott treffen und erkennen: Der hat mich schon immer geliebt. Und Sie erwidern seine Liebe. Und merken: Das Gefühl, das Sie sich eben vergegenwärtigt habe, ist nur ein schwacher Abklatsch von dem, was Sie jetzt im Himmel erleben. Diese glückselige Erfahrung und Erkenntnis hört nicht mehr auf. Sie beginnt schon in unserem Leben hier als Glaube und Gottvertrauen – das ist ja auch der Weg in den Himmel.
Aber Gottvertrauen ist so viel mehr als nur eine richtige intellektuelle Erkenntnis – das ist es auch, aber nicht nur.
So viel mehr als das Einhalten bestimmter Regeln – das ist es auch, aber nicht nur.
So viel mehr als eine bestimmte ethische Grundhaltung - das ist es auch, aber nicht nur.
Nein, im Grunde geht es darum Gott zu erfahren. Gott ist nicht irgendwer irgendwo irgendwie, sondern lebt und wirkt mit seiner Kraft und Liebe in uns.
In unserem Leben hier erleben wir das immer wieder gebrochen und zweifeln daran. Manchmal kann man Gottes Liebe jetzt schon unmittelbar erfahren, aber eben nicht ständig.
Im Himmel wird das anders sein. Ich glaube so etwas in der Art will Jesus uns klarmachen, wenn er den Himmel mit einer Hochzeitsfeier vergleicht: Auf ewig zusammen zu sein mit dem, der mich und Sie und uns schon immer unendlich liebt und wir erwidern diese Liebe.
II
Das ist nämlich unser Part. Wir erwidern diese Liebe!
(Chor singt:) „Und wenn am Ende die Kräfte schwinden wenn meine Zeit dann gekommen ist wird meine Seele dich weiter preisen zehntausend Jahre und in Ewigkeit. Komm und lobe den Herrn, meine Seele sing, bete den König an. Sing wie niemals zuvor, nur für Ihn und bete den König an, und bete den König an, und bete den König an.“
„Komm und lobe den Herrn!“ Wir Deutschen haben es im Allgemeinen nicht so mit dem Loben. Haben Sie gewusst? Es gibt im Englischen den besonderen Ausdruck: „German Angst“. Wir haben es eher mit der Ängstlichkeit, mit dem Jammern und dem Kritisieren. „Net geschennt ist Lob genug.“
Aber gelobt zu werden motiviert viel mehr als kritisiert zu werden.
Menschen, die gelobt werden, sind nachweislich leistungsfähiger, stecken sich höhere Ziele und nicht zuletzt trägt die Anerkennung durch andere dazu bei, physisch und psychisch gesund zu bleiben.
Wenn es aber um das Lob Gottes geht, führt uns das in die falsche Richtung. Denn in diesem Sinne braucht er unser Lob nicht. Er muss nicht motiviert werden.
Müsste Gott in diesem Sinne gelobt werden, wäre er ein eigensüchtiges und selbstverliebtes Wesen.
Aber es gibt ja noch ein anderes Lob – nämlich das spontane.
Da ist es mir ein echtes Bedürfnis, dem anderen etwas Gutes zu sagen. Er oder sie hat etwas Tolles gemacht; was Gutes gesagt; was Schönes an – und ich nehme das wahr und sage es dann einfach.
Es gibt natürlich Menschen, die nehmen alles für selbstverständlich und loben niemals oder beißen sich lieber die Zunge ab als ein Lob auszusprechen. Aber jeder, der mit so jemanden zu tun hat, weiß wie anstrengend und unangenehm das ist.
Nein, spontan zu loben, ist auf jeden Fall besser
Und das ist die Antwort auf meine Frage zu Beginn: Was macht man im Himmel?
Wir erwidern Gottes Liebe zu uns und loben ihn! So wie es der Prophet Johannes schon mal gesehen hat, als er in einer Vision am himmlischen Gottesdienst dabei sein durfte. Wir haben davon in der Schriftlesung gehört.
III
Gott loben! Wofür eigentlich?
Zum Beispiel dafür:
„Wo ist solch ein Gott, wie du bist?“ Das sind Worte des Propheten Micha aus dem Alten Testament, überliefert im 7. Kapitel seines Buches, ca. 2.700 Jahre alt. „Ein Gott, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Volkes; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du Gott wirst Jakobs Nachkommen die Treue halten und Abrahams Nachkommen Gnade erweisen, wie du unsern Vorfahren vorzeiten geschworen hast.“
Sie sind übrigens der Anlass, warum ich über das Lob Gottes predige. Denn das steht einfach so da im AT.
Warum sagt man Gott so etwas? Warum sagt man so etwas über ihn?
Da werden wir nicht aufgefordert oder ermahnt anderen zu vergeben.
Gott wird einfach spontan gelobt. Einfach weil es angebracht ist.
Gott trampelt auf unserer Schuld herum, macht sie platt, macht sie unschädlich, dass sie uns nicht mehr bedrohen, uns nicht mehr für immer von Gott trennen kann. Was er versenkt, das ist endgültig weg, in alle Ewigkeit; wird nie mehr an die Oberfläche gelangen, ist vergeben und vergessen.
„Gott ist“, so sagt es Martin Luther, „ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel.“
Wer das schon weiß und erfahren hat, hat genug Gründe Gott zu loben.
Und wer das erfahren will, weil ihn etwas drückt, der wende sich einfach an Gott.
Gott zieht seine Liebe niemals zurück.
(Seine Liebe erklärt, warum er immer mal wieder als zornig in der Bibel geschildert wird.
Er kann und will uns und seine Welt nicht einfach laufen lassen. Er ist nicht gleichgültig – das wäre nämlich das Gegenteil von Liebe. Zornig wird man nur über das, oder den, der einem wichtig ist. Gott sehnt sich nach uns. Er will nicht allein sein. Er ist eben nicht der Gott der Philosophen, der „an“ und „für sich“ Gott ist. Er ist kein „unbewegter Beweger“, keine „erste Ursache“, die nur einen Betrieb in Gang wirft und sich dann zurückzieht. Er liebt uns und seine Welt! Und darum wird er zornig, wenn die, die er liebt, ihn verachten. Oder anderen das Leben schwermachen.)
Aus Liebe kam er in der Gestalt von Jesus, damit wir durch den Glauben ihn persönlich kennen lernen können und so den Weg zum Himmel finden 
und wir mit ihm als seine Kinder zusammen sein können, heute und morgen und immer. Selbst unser Tod kann die Liebe Gottes nicht beenden.
Loben werde ich Gott dann, wenn ich dankbar bin und staunen kann. Wenn ich alles, was mir an Gutem widerfährt, für selbstverständlich nehme, werde ich stumm bleiben und unzufrieden werden. Wie wenig selbstverständlich ist, zeigt uns doch gerade die Coronazeit.
Für was können und wollen Sie Gott loben?
Gottes Gegenwart anzuerkennen, ihn zu loben, erhebt aus dem Staub des Alltags. Denn dann schaue ich auf Gott, den Geber aller guten Gaben – hebe sozusagen meinen Blick nach oben. Gott ist da. Das ist gut. Das tut gut.
Wir haben ein Zuhause. Lobe den Herrn. Oder wie das auf Hebräisch heißt: Halleluja! Amen.

Predigt zu Lukas 17, 7-10; 14.6.2020

I
Vor einiger Zeit habe ich jemanden beerdigt, die mit 74 Jahren gestorben. Einer der Angehörigen hat mir gesagt: „Die letzten ca. 2,5 Jahre war die Mutter Gefangene und Opfer von Parkinson und Alzheimer. Beide Krankheiten haben sie lange leiden lassen und ihr einen langsamen und grausamen Verfall beschert ohne Aussicht auf Besserung oder gar Heilung. Was ich mich oft gefragt habe ist, womit hat sie das eigentlich verdient? Warum gibt es diese Ungerechtigkeit, dass ein Trump im gleichen Alter gesund ist und Menschen und unserem Planeten ungestraft schaden darf, aber mein Mutter, die immer hilfsbereit war und kranken Menschen 45 Jahre lang im Krankenhaus gedient hat, leiden und so sterben musste?! Nicht einmal ihre Rente konnte sie genießen, weil die Krankheiten viel zu früh zuschlugen.“
Hat die Verstorbene das verdient? Ist so ein Lebensende gerecht?
Schwere Fragen.
Die allermeisten Menschen haben ein tief sitzendes Gefühl, was gerecht ist und was ungerecht; eine tief sitzende Sehnsucht: Es soll im Leben gerecht zugehen. Gerecht im Sinne von: ein gutes Leben mit guten Taten soll mit Glück und Gesundheit belohnt werden; die Bösen dagegen sollen zumindest ein böses Ende erleiden.
Und wenn es dann doch anders zugeht, zweifeln viele am Leben, zweifeln an Gott.
Denn wer, wenn nicht Gott müsste für Gerechtigkeit sorgen? Schließlich heißt es doch von ihm, dass er uns liebt und nichts Böses für uns im Sinn hat.
Ich erlebe: Für einige Menschen - ziemlich viele sogar - gibt es ein stillschweigendes Abkommen, einen Deal, zwischen ihnen und Gott. In meinen Worten lautet das Abkommen so:
„Ich glaub an dich, Gott; zumindest glaube ich, dass es dich gibt. Ich tue nichts Böses, zumindest nichts wirklich Böses. Wer ist schon immer gut? Das, lieber Gott, ist mein Teil der Abmachung. Und du hältst dich dann bitteschön an deinen Teil: Du passt auf, damit mir oder meinen Angehörigen nichts Schlimmes zustößt.“
Woher weiß ich von diesem stillschweigenden Abkommen? Nun z.B. von solchen Bemerkungen wie anlässlich der eben erwähnten Beerdigung. Manche Menschen sprechen ganz offen von dieser Erwartung an Gott. Bei manchen ist es daran zu merken, wie enttäuscht sie von Gott sind, wie wütend auf ihn, wenn dann doch Schlimmes im Leben geschieht.
II
Was aber wäre, wenn es so ein Abkommen gar nicht wirklich gibt? Was wäre, wenn wir zwar diesen Wunsch haben, aber Gott diesem Deal gar nicht zugestimmt hat? Dann wäre es hinfällig, denn ein Abkommen braucht ja immer zwei Vertragspartner.
Ich glaube, Jesus wollte genau das klarmachen, als er einmal folgende Geschichte erzählt hat:
»Stellt euch vor, ihr habt einen Knecht, der vom Pflügen oder Schafehüten heimkommt. Was tut ihr dann? Sagt ihr etwa zu ihm: ›Komm an den Tisch und iss‹? Doch bestimmt nicht! Ihr gebt ihm den Auftrag: ›Mach mir etwas zu essen, binde dir eine Schürze um und bediene mich bei Tisch! Wenn ich fertig bin, dann kannst du auch essen und trinken.‹ Kann der Knecht dafür etwa einen besonderen Dank erwarten? Ich meine nicht! Es gehört doch schließlich zu seiner Arbeit. Das gilt auch für euch. Wenn ihr alles getan habt, was ich euch befohlen habe, dann sollt ihr sagen: ›Wir sind einfache Knechte und haben nur unseren Auftrag ausgeführt!‹« (Lukas 17, 7-10)
Natürlich: Heute ist vieles bei uns anders als in dem Beispiel von Jesus. Deswegen habe ich mir überlegt, wie er seine Geschichte heute erzählt hätte. Vielleicht so:
„Stellt euch eine Reinigungsfirma vor. Soll der Chef etwas jeden Tag jedem Mitarbeiter überschwänglich die Hand schütteln? „Vielen Dank. Sie haben die Toiletten gereinigt! Toll!! Sie wischen hier Staub. Grandios! Und den Mülleimer leeren Sie auch? Das ist ja ein unglaublicher Einsatz. Vielen, vielen Dank! Ich freue mich, wenn Sie morgen wieder da sind und ich mit Ihnen arbeiten darf.“ Natürlich nicht! Das ist die normale Arbeit, dafür werden die Mitarbeiter bezahlt.“
„Hat ein Knecht draußen auf dem Feld seine Pflicht zu tun?2
„Ja natürlich“ antworten die Jünger.
„Hat er nach der Arbeit auf dem Feld nicht auch noch seine Arbeit im Haus zu erledigen bevor er Feierabend hat?“
„Aber ja, selbstverständlich“ antworten sie wieder.
„Muss ihm deswegen extra gedankt werden, wenn er tut, was seine Aufgabe ist?“ „Natürlich nicht! Es ist doch selbstverständlich!
Und dann kommt der Hauptsatz:
„Wenn ihr alles getan habt, was ich euch befohlen habe, dann sollt ihr sagen: Wir sind einfache Knechte und haben nur unseren Auftrag ausgeführt!“
III
Was bedeutet das, wenn ich das, was Jesus so lapidar feststellt, auf die Frage nach der Gerechtigkeit im Leben beziehe und Gottes vermeintliche Pflichten dazu?
Ich verstehe das so: Es gibt kein Abkommen zwischen uns und Gott, das ihn zu bestimmten Dingen verpflichtet. Er ist nicht verpflichtet uns vor den Gefahren des Lebens, vor den Schlägen, die es manchmal austeilt, zu beschützen. Wir können ihm auch nicht mit unseren guten Taten kommen, die sich wie ein Schutzschild zwischen uns und dem manchmal so bösen Schicksal stellen.
Jesus fragt sozusagen: „Soll ich euch etwa dafür belohnen, dass ihr keinen Menschen umbringt? Soll ich mich bei euch bedanken, dass ihr nicht lügt? Das ist doch wohl selbstverständlich! Eure guten Taten machen euch bei Gott nicht beliebter. Und es wäre auch schlimm, wenn ihr das Gute nur deswegen tut, bzw. das Schlechte nur deswegen lasst, damit ihr von Gott dafür belohnt werdet.“
Nirgends in der Bibel – die ja doch ein recht dickes Buch ist – verspricht Gott, uns immer und überall vor allem Übel zu beschützen.
Und selbst wenn es manche Aussagen gibt, die man in diese Richtung verstehen könnte, wie z.B. im Psalm 91, den wir eben zusammen gebetet haben, spricht doch eine Sache ganz entschieden dagegen: Nämlich das Lebensende von Jesus.
Wer, wenn nicht er als der Sohn Gottes, wäre vorherbestimmt für ein glückliches, sorgenfreies und langes Leben?
Stattdessen ein grausamer Tod mit Anfang 30, vorher verraten und verkauft, gefoltert und verhöhnt.
Warum hat er sich nicht enttäuscht von Gott abgewandt? Das hätte wohl jeder verstanden.
Aber Jesus war ein weiser Mensch voller Vertrauen ins Leben und in Gott, voller Gotteserkenntnis. Und deswegen hat er gewusst: „Wenn ich von Gott erwarte, er habe mich vor allem Leid zu beschützen, dann täusche ich mich. Ich täusche mich selbst. Und tue gut daran, mich davon ent-täuschen zu lassen.“
Jesus hat sich angesichts seines brutalen Lebensendes nicht enttäuscht von Gott abgewandt, weil er gar nicht erwartet hat, Gott müsse ihn vor allem Leid beschützen.
Was hat er aber dann erwartet?
Er hat erwartet: Gott soll zu seinem Namen stehen. Und der lautet auf Deutsch: „Ich bin da. Ich werde da sein.“ (Exodus 3,14)
Und genau das hat er getan, als er Jesus an Ostern von den Toten auferweckte.
Das ist der Grund, warum Jesus versprechen konnte: „Ich bin bei euch, in allem, was geschieht.“ (Matthäus 28, 20).
Das ist der Grund, warum er seinen Jüngern sagte: „Wenn Gott die Welt neu macht und der Menschensohn in all seiner Herrlichkeit auf dem Thron sitzen wird, dann werdet ihr ebenfalls auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten, weil ihr mir nachgefolgt seid. Jeder, der sein Haus, seine Geschwister, seine Eltern, seine Kinder oder seinen Besitz zurücklässt, um mir zu folgen, wird dies alles hundertfach zurückerhalten und das ewige Leben empfangen. Viele, die jetzt einen großen Namen haben, werden dann unbedeutend sein. Und andere, die heute die Letzten sind, werden dort zu den Ersten gehören.“ (Matthäus 19, 28-30)
Jesus will damit nicht aufs Jenseits vertrösten, sondern Hoffnung machen.
Es gibt es in unser aller Leben Knoten, die sich nicht lösen; schicksalsschwere Tiefschläge; Kröten, die geschluckt werden müssen.
Wer meint, er habe nur dieses eine Leben, der wird durch diese Kröten, Schläge und Knoten um das einzige gebracht, was er zu haben meint.
Aus Gottes Sicht steht unser Leben aber in einen viel größeren Zusammenhang. Damit wird unser Leben hier und jetzt nicht unwichtig, aber es ist Gott, der alles zusammen führt und nicht wir.
Wir sind von ihm abhängig. Ob wir es wollen oder nicht. Wir haben unser Leben nicht in der Hand. Zumindest das zeigt doch die momentane Coronakrise.
Gott als der Allmächtige und Barmherzige aber hat alles in der Hand. Sogar den Tod und das Sterben. Er wird für Gerechtigkeit sorgen. Unser Lebensende ist nicht das Ende seiner Geschichte mit uns.
IV
Als Jesus mal gefragt wurde, was denn das Wichtigste sei, hat er eben nicht gesagt: „Tue Gutes, damit es dir gut geht.“
Nein, seine Antwort war: „Liebe Gott und deine Mitmenschen wie dich selbst.“ Das ist unser Auftrag im Leben.
Es ist keine Gnade, dass ich nicht anlüge, nicht stehle, nicht töte, sondern ich bin es den anderen schuldig.
Warum sonst sagt Jesus: „Wenn ihr alles getan habt, was ich euch befohlen habe, dann sollt ihr sagen: Wir sind einfache Knechte und haben nur unseren Auftrag ausgeführt!“
Und deswegen kann und darf ich mir auf mein „Gutsein“ nichts einbilden – vor Gott schon mal gar nicht.
Man kann es auch noch anders herum sagen: Wer gegenüber Gott anfängt zu rechnen, der hat noch nicht wirklich begriffen, was beim Apostel Paulus so lautet: „Gott aber hat uns seine große Liebe gerade dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8)
V
Was bleibt denn jetzt von Glauben?
Gottvertrauen! Er liebt mich und ich kann nichts tun, damit er mich mehr liebt oder weniger. Er ist da. Ich bin mit ihm verbunden und verbinde mich mit ihm. Um dann das zu tun, was ich tun soll und was in meiner Macht steht und was Gott in meine Macht legt: Glauben, hoffen, lieben. Und Gott tut das, was in seiner Macht steht, jetzt oder später. Und lässt sich dabei noch nicht mal vom Tod aufhalten.
Vertraue ich darauf, brauche ich nicht mehr ständig ein Dankeschön vom lieben Gott. Dann trägt
der Glaube den Lohn in sich selbst.
Amen.

Predigt vom 7.6.2020

Predigt zu 1. Korinther 12, 6-11, Friedenskirche KL, 7.6.2020, Pfarrer Tilman Grabinski
(Es gilt das gesprochene Wort.)

Homeoffice ist ja in aller Munde. Lust und Frust liegen da nahe beieinander. Ein Vater hat mir erzählt, dass er jetzt immer um 6.00h morgens anfängt, damit er wenigstens zwei Stunden in Ruhe und am Stück arbeiten kann. Homeoffice ist aber gar nichts Neues. Kaum zu glauben, aber wahr: Jesus war der erste im Homeoffice! Denn an Himmelfahrt hat er sich entschlossen, wieder von zu Hause aus zu arbeiten. Und wie im Moment war das auch eine sinnvolle, sogar notwendige Entscheidung: Er sagt selbst, dass er gehen muss – wie gesagt – ins Homeoffice, damit Gott in einer neuen Form kommen kann Gott hat sich vorher in Jesus gezeigt. Und jetzt ist er als Heiliger Geist immer und überall da und wir können ihn erleben. An Pfingsten vor fast genau 2.000 Jahren hat Gott genau das in die Wege geleitet: „Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem die Jünger von Jesus sich versammelt hatten. Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederließ. So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt.“(Apostelgeschichte 2) Vor langer, langer Zeit saßen also ein Dutzend Menschen zusammen – unter sich und abgeschirmt von ihrer feindlichen Umgebung. Und auf einmal kam der Geist Gottes über sie. Und sie wurden mutig und gingen hinaus auf die Straße und erzählten allen, was für eine ungeheure Veränderung Jesus Christus in ihr Leben gebracht hatte. Erzählten von seiner Auferstehung. Erzählten, er ist der Herr und der Retter. Erzählten von der neuen Gestalt Gottes, dem Heiligen Geist, den sie bekommen haben. Und nicht nur das: „Kehrt um zu Gott!“, forderte Petrus seine Zuhörer auf. „Jeder von euch soll sich auf den Namen von Jesus Christus taufen lassen! Dann wird euch Gott eure Sünden vergeben, und ihr werdet den Heiligen Geist empfangen.“ (Apostelgeschichte 2,38) Das ist im Grunde ungeheuerlich: Gott ist in der Gestalt des Heiligen Geistes nicht nur immer und überall da, sondern um Petrus zu zitieren: „Ihr werdet ihn empfangen.“ Soll heißen: „Ihr werdet Gott empfangen.“ Der Schöpfer von Himmel und Erde; der Grund und die Ursache des Universums und allen Lebens, der Allmächtige und Barmherzige – möchte in mir seinen Platz haben. In Ihnen, in euch, in uns! Und er möchte das nicht nur – nein, er setzt seinen Wunsch um! Gott gibt dem Homeoffice eine ganz neue Dimension: Er entscheidet: Wir sind jetzt sein Home, sein Zuhause! Er hat sein Homeoffice in uns! Sagen Sie sich das mal: „Gott lebt in mir!“ „Ich bin Gottes Zuhause.“ Ich behaupte: Wenn wir uns immer darüber klar wären und das immer präsent hätten und immer glauben würden – die Angst würde aus unserem Leben verschwinden; das Gefühl, wir seien minderwertig würde verschwinden, jede Hektik oder Panik. In der Welt, in der Jesus lebte und dann seine ersten Anhänger, gab es viele Häuser für Gott und die Götter. Zwar hatten die Juden nur einen Tempel, aber die Griechen und Römer hatten viele. Ein Tempel ist ein Ort, wo man sich sicher sein kann: Dort finde ich die Gottheit. Was passiert, wenn wir diesen Gedanken zusammenbringen mit den Worten von Petrus? Richtig! Wir sind ein Tempel! Und genauso formuliert es völlig logisch und richtig auch der Apostel Paulus: „Oder habt ihr etwa vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den euch Gott gegeben hat“ (1Korinther 6,19)?

II In der Gestalt des Heiligen Geistes lebt Gott in uns. Was heißt das? Nun, es bedeutet vieles, aber jetzt möchte ich dazu einen Gedanken des Apostels Paulus auslegen. Er schrieb ihn auf in seinem ersten Brief an die Christen in der griechischen Stadt Korinth, im 12. Kapitel: „Es gibt verschiedene Wirkungen des Geistes Gottes; aber in jedem Fall ist es Gott selbst, der alles bewirkt. Wie auch immer sich der Heilige Geist bei jedem Einzelnen von euch zeigt, seine Gaben sollen der ganzen Gemeinde nützen. Dem einen schenkt er im rechten Augenblick das richtige Wort. Ein anderer kann durch denselben Geist die Gedanken Gottes erkennen und weitersagen. Wieder anderen schenkt Gott durch seinen Geist unerschütterliche Glaubenskraft oder unterschiedliche Gaben, um Kranke zu heilen. Manchen ist es gegeben, Wunder zu wirken. Einige sprechen in Gottes Auftrag prophetisch; andere sind fähig zu unterscheiden, was vom Geist Gottes kommt und was nicht. Einige reden in unbekannten Sprachen, und manche schließlich können das Gesagte für die Gemeinde übersetzen. Dies alles bewirkt ein und derselbe Geist. Und so empfängt jeder die Gabe, die der Geist ihm zugedacht hat. Jedem hat Gott seine ganz bestimmte Aufgabe in der Gemeinde zugeteilt. Aber jeder Einzelne soll sich um die Gaben bemühen, die der Gemeinde am meisten nützen.“ (1Korinther 12, 6-11.28a.31a) Natürlich hat jeder so seine Gaben, Begabungen und Fähigkeiten: das Singen, das Musizieren, das Organisieren. Mancher hat ein Verkaufstalent. Einer meiner Freunde hat die Gabe Menschen kennenzulernen und verschiedene Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Vieles davon bringen wir schon mit und vieles lernen und erwerben wir im Laufe unseres Lebens. Aber davon redet Paulus nicht. Er meint Gaben, Begabungen und Fähigkeiten, die Gottes Geist in uns hinein legt und zwar als besonderen Gaben, als besondere Geschenke an uns Christen. Das Fachwort dafür lautet „Charisma“ oder in der Mehrzahl „Charismen“: - Das Charisma, das richtige Wort zur rechten Zeit sagen zu können. - Das Charisma das zu erkennen, was Gott wichtig ist und das weiterzugeben. - Das Charisma eines tiefen Glaubens. - Das Charisma Kranke heilen zu können. Aber auch andere, die an anderen Stellen im NT vorkommen: - Das Charisma zu teilen. - Das Charisma barmherzig zu sein. - Das Charisma intensiv beten zu können. - Das Charisma besonders gastfreundlich zu sein. Und anderes mehr. Mal ein Charisma, das besonders heraussticht, mal eins, das nicht sonderlich auffällt. Auf jeden Fall aber immer gleich wichtig und nötig. Unsere Talente sind uns meist selbst bekannt und vertraut. Charismen dagegen werden erst auf dem geistlichen Weg der persönlichen Nachfolge und des Glaubens bewusst. Talente liegen offen zu Tage. Charismen erfordern oft längere geistliche Reifungswege, z.B. durch bewusstes Einüben. Gott legt viel in uns, seine Tempel, hinein. Denn er traut uns viel zu. Durch uns soll die Welt ein besserer Ort werden. Durch uns sollen sich Glaube, Hoffnung und Liebe verbreiten. Zum Wohle anderer, zum Wohle der Gemeinde, unserer Gemeinde, zum Wohle der Welt.

III Paulus meint: „Jedem hat Gott seine ganz bestimmte Aufgabe in der Gemeinde zugeteilt.“ Auf der einen Seite hat das der evangelische Teil der Christenheit mit der Reformation wieder entdeckt, aber das ist dann leider auch im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder verlorengegangen. Immer wieder wurde alles auf die Hauptamtlichen gesetzt, auf die Priester, Pfarrer, Diakone. Das entspricht aber nicht der Idee Gottes, die er mit seinem Homeoffice umsetzte. Wie war in der Schriftlesung zu hören? „Ihr alle seid der eine Leib von Christus, und jeder Einzelne von euch gehört als ein Teil dazu. Jedem hat Gott seine ganz bestimmte Aufgabe in der Gemeinde zugeteilt.“ Alles auf die Hauptamtlichen zu setzen ist alleine schon deshalb fahrlässig, weil es davon wohl weniger geben wird. Aber vor allem aber, weil es zu einer totalen inhaltlichen Verarmung der Kirche führt, wenn es nur auf die Begabungen, Talente, Charismen und Zeit weniger ankommt.

IV Gott hat das schon immer gewusst. Deswegen auch seine Charismen, seine Geschenke, an jeden Christen. Aber was nützen Geschenke, wenn man sie nicht auspackt? Gar nichts! Eine Hilfe zum Auspacken der Geschenke haben Sie auf Ihren Plätzen. Wer am Bildschirm dabei ist, schicke uns bitte eine Mail, dann bekommt er diese Hilfe zugesandt. Nehmen Sie das mit. Füllen Sie diesen Gabentest aus. Mit relativ wenig Aufwand bringt er Sie auf die Spur, welches Charisma Sie haben könnten. Und dann nehmen Sie das Ergebnis ernst. Wenn ich jemandem etwas schenke, dann freu ich mich, wenn der Beschenkte sich freut. Noch mehr freue ich mich, wenn er das Geschenk auch nutzt. Sie machen Gott eine große Freude, wenn sie seine Geschenke nutzen und sie einsetzen. Und wer nicht weiß, wie, melde sich bei mir. Wir werden einen Weg finden. Sie werden merken, wie erfüllend es ist, das zu tun, was man kann. Jesus meint: „Alles ist möglich, wenn du mir vertraust.“ (Markus 9, 23) Soll heißen: Ich schließe mich an Gottes Kraft an und tue dann das, was in meiner Macht liegt und das, was er in meine Macht legt. Ich vertraue ihm: Er wird tun, was in seiner Macht liegt. Gott benutzt uns eben nicht nur als Homeoffice, sondern lebt und wirkt in uns. Was ist das für ein Potential!
Amen.

Predigt vom 08. März

Predigt Friedenskirche KL, 8.3.2020, Pfarrer Tilman Grabinski
(Es gilt das gesprochene Wort.)

„Betet unablässig!“ (1. Thessalonicher 5, 17)

I
Die Katze ist auf einen jungen Baum geklettert und traut sich nicht mehr runter. Der Mann nimmt daraufhin ein Seil, macht das eine Ende an der Anhängerkupp-lung des Autos fest und wirft das andere als Schlinge hoch in den Baum. Als die Schlinge sich verfängt, fährt er langsam mit dem Auto los, so dass der Baum sich nach unten biegt. Aber kurz bevor die Katze runterspringen kann, löst sich das Seil, der Baum schnellt zurück und die Katzer fliegt in hohem Bogen davon, so dass der Mann sie nicht mehr findet. Nach einigen Tagen sieht er eine Bekannte aus einer der Nachbarstraßen im Supermarkt am Katzenfutterregal und spricht sie an: „Was ist los? Ihr habt doch keine Katze und wollt doch auch keine.“ „Du hast Recht“ meint die Nachbarin, „aber unsere Tochter liegt uns schon seit lan-gem in den Ohren, dass sie eine will. Und als wir vor einigen Tagen im Garten saßen, hat sie damit wieder uns alle genervt. ‚In Gottes Namen, dann bet halt um eine Katze‘ sagte ich zu ihr. Meine Tochter schaute mich an, schloss die Augen, faltete die Hände und betete um eine Katze. Und du glaubst nicht, was in diesem Moment durch die Luft flog und genau in ihrem Schoß landete.“
Man kann so beten wie das Mädchen. Man soll auch so beten. Und doch ist Beten mehr.

II Beten meint mit Gott in Verbindung zu sein.
Nun sind wir das ja sowieso. Ich habe es schon öfter gesagt: Keiner von uns könnte einen einzigen Atemzug tun, ohne Gottes Energie und Kraft und Liebe. Das Atmen geschieht im Grunde von selbst, so wie unser Herzschlag. Niemand von uns nimmt es sich vor. Und das ist auch gut und notwendig, denn beides ist elementar.
Ich weiß noch, was für ein bewegender Moment es für mich war, als bei einer Untersuchung ein Ultraschall von meinem Herzen gemacht wurde und ich ihm beim Schlagen zusehen konnte. „Das hält mich am Leben!“ dachte ich mir. Uner-müdlich, ohne zu ermüden pumpt es. Nur, wenn es besonders schnell schlägt oder wenn es krank wird, merken wir das überhaupt. Ansonsten arbeitet es vor sich hin, ungefähr 100.00mal am Tag. Wird jemand 80 Jahre alt, hat das Herz ungefähr drei Milliarden Mal geschlagen und man hat über 600 Millionen mal geatmet. Ist man gesund, geschah das alles ohne Mühe und ohne bemerkt zu werden.
Allein darüber, dass wir atmen und unser Herz schlägt, sind wir mit Gott und seiner Liebe verbunden.
Dass das tatsächlich so ist, kann man z.B. daran sehen, dass Jesus sich sicher ist, dass Gott weiß, wie viele Haare wir haben (Lukas 12, 7). Das ändert sich ja lau-fend - spätestens nach jedem Duschen sehen wir das im Haarsieb. Gott muss uns also sehr nahe sein, wenn er diese täglichen Änderungen mitbekommt.
Jesus sagt dazu: „Gottvater, so wie du in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns fest miteinander verbunden sein. Ich habe den Menschen gezeigt, wer du bist, Vater im Himmel, und werde es weiter tun. So wird die Liebe, die du zu mir hast, auch sie erfüllen und ich werde in ihnen leben.“ (Johannes 17, 21.26)
Beten meint unter anderem, dass wir bewusst eintreten in diese uns unbewusste Verbindung. Es ist so vielmehr als dass ich bewusste Worte an Gott richte mit dem, was ich will und mir wichtig ist. Das ist es auch. Aber wenn das Beten doch ausdrückt, dass ich eine Beziehung zu Gott eingehe und habe und mich mit ihm verbinde, dann kann man das vergleichen mit unseren menschlichen Beziehun-gen: Wenn ich mit jemandem eine gute Beziehung habe, dann rede ich mit dem oder der anderen doch nicht nur darüber, was ich will. Nein, dann denke ich an ihn oder sie. Dann gibt es oft eine wortlose Verbindung; dann fühle ich mich beim andere einfach wohl, ohne dass wir ständig reden müssen; dann leide ich darunter, wenn wir getrennt sind; dann interessiert es mich, wie es dem andere geht.
Beten meint, dass wir bewusst eintreten in die uns unbewusste Verbindung, die Gott ständig zu uns hat.

III
Und wenn schon alleine die unbewusste Verbindung zu Gott uns am Leben hält, was bewirkt dann erst eine bewusste?
Jesus war ständig in Verbindung mit Gott – bis auf einmal und das war der Mo-ment seines größten Schmerzes, schlimmer als der Tod! (Markus 15, 34) Und weil er ständig in Verbindung mit Gott lebte und sich dessen auch bewusst war, konnte er großartige Dinge vollbringen, konnte selbstbewusst leben, konnte in jedem Moment hoffen, lieben und glauben.
Und deswegen sagt er zu uns: „Ich versichere euch: Wer im Glauben mit mir ver-bunden bleibt, wird die gleichen Taten vollbringen, die ich tue. Ja, er wird noch größere Taten vollbringen, denn ich gehe zum Vater. (Johannes 14, 12) Ich versi-chere euch: Wenn ihr glaubt und nicht im Geringsten daran zweifelt, dass es wirklich geschieht, könnt ihr zu diesem Berg sagen: ›Hebe dich von der Stelle und stürze dich ins Meer!‹, und es wird geschehen.“ (Markus 11, 23)
Was meint Jesus damit? So wie ich das verstehe, sagt er damit, dass wenn wir mit ihm verbunden sind, uns noch ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen als wir uns das vorstellen können. Zu glauben meint sich Gott mit seiner Kraft anzuvertrauen (Johannes 1, 12). „Und dann sollt ihr erfahren, wie uner-messlich groß die Kraft ist, mit der Gott in uns wirkt. Es ist dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckte.“ (Epheser 1, 19f)
Dieselbe Kraft, die Jesus vor 2000 Jahren von den Toten auferweckt hat steht uns zur Bewältigung unseres Alltags zur Verfügung. Wir müssen sie nur in Anspruch nehmen. Kein Problem, in dem Sie stecken, ist zu groß für Gott. Und für ihn gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Viel zu oft sind unsere Gebete zu bescheiden, denn Gott gibt am liebsten große Gaben. Von einigen habe ich vor fünf Wochen er-zählt.
Deswegen wimmelt es im Neuen Testament von Empfehlungen zu beten: „Am wichtigsten ist, dass die Gemeinde beständig im Gebet bleibt. Betet für alle Men-schen; bringt eure Bitten, Wünsche, eure Anliegen und euren Dank für sie vor Gott.“ (1Timotheus 2,1)
“Hört niemals auf zu beten. Dankt Gott, ganz gleich wie eure Lebensumstände auch sein mögen. All das erwartet Gott von euch, und weil ihr mit Jesus Christus verbunden seid, wird es euch auch möglich sein." (1Thessalonicher 5, 17f)

IV
“Hört niemals auf zu beten.“ Was soll das heißen? Denn man hat doch noch an-deres zu tun, als ständig die Hände zu falten! Und wenn alle Mönche oder Non-nen wären, würde es auch schwierig in der Welt.
Ich möchte euch zum Schluss eine Art zu beten vorstellen, die das möglich macht. Es ist das sogenannte Herzensgebet und meint das ständige Beten eines kurzen Gebetes wie z.B. „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ oder „Herr Jesus Christus, steh mir bei“ verbunden mit dem Ein- und Ausatmen. Aber der Reihe nach.
„Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Diese Gebetsworte sind schon uralt. Als erster betete sie ein blinder Bettler, Bartimäus. Er rief zu Jesus: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Markus 10,47). Und bereits vor 1.500 Jahren fing man an, das regelmäßig zu beten.
Herzensgebet heißt es, weil das Herz nicht nur ein körperliches Organ ist, son-dern in einem spirituellen Verständnis meint es in erster Linie die Gesamtheit der menschlichen Person. Das Herz ist das zentrale Organ des menschlichen Seins, des innersten Menschen. Es ist das innerste und eigentliche Selbst. Es ist die Mitte des Bewusstseins und des Unbewusstseins, des Körpers, der Seele und des Geistes – die absolute Mitte.
„Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Nicht, weil wir so erbärmlich wären, sondern weil wir Kinder Gottes sind, seine Söhne und Töchter. In der hebräi-schen Sprache meint das Wort „Erbarmen“ das Gefühl, das eine Mutter überfällt, wenn sie ihr neugeborenes Kind schreien hört, und das sie treibt, sich um es zu kümmern, sich seiner zu erbarmen. Um dieses Gefühl bitten wir bei Gott, wenn wir im Gottesdienst vor dem Vater unser beten und dabei zusammen sagen „Herr, erbarme dich.“
„Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Bei aller Demut sind und bleiben wir eins: Kinder des allmächtigen und barmherzigen Gottes. Wer darauf wirklich vertraut, der kann erhobenen Hauptes durchs Leben gehen. Ich bin Gott es wert, dass er mich hört. Gott will wissen, was mir wichtig ist.
Und dann diesen kurzen Satz damit verbinden, das wir einatmen und ausatmen. Einatmen – „Herr, Jesus Christus,“ Ausatmen – „erbarme dich meiner.“
Einatmen – „Herr, Jesus Christus,“ Ausatmen – „erbarme dich meiner.“
Ich praktiziere das selber seit vielen Jahren und in der letzten Zeit wieder ver-mehrt. Ich atme ja sowieso und wenn ich das mit diesem Gebet verbinde, dann kann ich beten, während ich mit gewohnten Tätigkeiten beschäftigt bin. Ich kann es einmal oder mehrmals in den verschiedensten Situationen über den Tag ver-teilt sprechen. Ich kann es beim Abwaschen sprechen, beim Warten auf den Bus, beim Stau im Straßenverkehr, bei schwierigen Gesprächen, beim Einschlafen, beim Spazieren gehen, bei einfachen Arbeiten, wenn ich nachts wach liege. Es ist so einfach.
Einfach bewusst eintreten in die uns unbewusste Verbindung, die Gott ständig zu uns hat. Einfach ihn ständig für mich und die anderen und die Welt bitten, dass er Erbarmen haben soll. Einfach eintreten in sein Kraftfeld. Einfach mit ihm verbunden sein. Einfach sich vergewissern, dass Gott zu mir steht und ich zu ihm. Einfach Hoffnung finden. Einfach Großes bewirken. Einfach ausprobieren!

Predigt vom 26. Januar - Friedenskirche Kaiserslautern

Epheser 1, 19.20 - Die Kraft Gottes (Es gilt das gesprochene Wort)
19 und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke. 20 Mit ihr hat er an Christus gewirkt, als er ihn von den Toten auferweckt hat und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel

I „Ihr sollt erfahren,“ schreibt der Apostel Paulus, „wie unermesslich groß die Kraft ist, mit der Gott in uns, den Glaubenden, wirkt. Es ist dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckte" (Epheser 1,19-20) „Das hat ein guter Teil der evangelischen Christenheit in Deutschland komplett vergessen.“ So hat es uns eine Theologieprofessorin (Sabine Bobert) auf der Fortbildung erzählt, an der ich vor zwei Wochen teilgenommen habe.
Was haben wir denn vergessen?
- Z.B., dass es beim Glauben es nicht nur darum geht, etwas zu erkennen, sondern auch darum etwas zu erfahren.
- Z.B., dass Gott nicht irgendwer irgendwo ist, sondern in uns wirkt.
- Z.B., dass die Auferstehung von Jesus der Dreh- und Angelpunkt ist und nicht eine bestimmte Geisteshaltung oder eine moralische Grundhaltung.
- Z.B., dass es beim Glauben nicht nur um Worte geht, sondern um Kraft.

II Aber stimmt das alles denn überhaupt? Was soll das Gerede um diese Kraft Gottes? Ich habe mal in der Bibel nachgeschaut, was es mit ihr auf sich hat: „Im selben Augenblick merkte Jesus, dass heilende Kraft von ihm ausgegangen war.“ (Markus 5, 30) „Jesus sagt: Ich werde den Heiligen Geist zu euch herabsenden, den mein Vater euch versprochen hat. Bleibt hier in Jerusalem, bis ihr diese Kraft von oben empfangen habt!« (Lukas 24, 49)„Der Apostel Paulus sagt: Euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes rettende Kraft.“ (1. Korinther 2, 1-5) „Die Herrschaft Gottes besteht nicht in großem Gerede, sondern in der Erfahrung seiner Kraft mitten unter uns.“ (1. Korinther 4, 20) „Der Apostel Stephanus vollbrachte öffentlich durch Gottes Gnade und Kraft große Zeichen und Wunder.“ (Apostelgeschichte 6, 8) Viele Worte um die erfahrbare Kraft Gottes.

III Es gibt tatsächlich viel mehr als ich wissenschaftlich erfassen und begreifen kann. Und deswegen gehört ja auch Glauben zur Welt dazu. Zuerst einmal ganz simpel: Ohne Glauben und Vertrauen funktioniert unser Leben nicht. Und Christen glauben und vertrauen Gott, vertrauen sich Gott an und geben zu, dass sie nicht alles selbst im Griff haben. Ich verstehe mich als sein Kind und er ist mein guter, liebevoller Vater. Er ist größer als mein Verstand. Er umschließt ihn. Er ist größer als die Welt. Er umschließt sie. Und das macht die Welt größer! Zu glauben engt unsere Sicht auf das Leben und die Welt nicht ein, sondern weitet sie. Zu glauben im Sinne von Gottvertrauen erweitert den Horizont und schafft ungeahnte Möglichkeiten! Denn ich habe dann Zugang zur Energie und Kraft Gottes. Und es ist nicht mehr nur allein mein Verstand, so wichtig und unverzichtbar er auch ist, der darüber entscheidet, was wahr und richtig und vor allem was möglich ist.

IV Aber wie kann ich wissen, ob es diese Kraft gibt? Nun, wir wissen von ihr unter anderem durch dieses Buch hier – die Bibel. Ich weiß, dass viele sog. „aufgeklärte“ Menschen meinen, sie stimme eh nicht. Aber es gibt ein paar Beobachtungen, die mich das anders sehen lassen. Da ist zum einen der Anfang des Lukas-Evangeliums: „Verehrter Theophilus! Schon viele haben versucht, all das aufzuschreiben, was Gott unter uns getan hat, so wie es uns die Augenzeugen berichtet haben, die von Anfang an dabei waren. Auch ich, Lukas, habe mich entschlossen, allem von Anfang an sorgfältig nachzugehen und es für dich der Reihe nach aufzuschreiben. So wirst du feststellen, dass alles, was man dich gelehrt hat, zuverlässig und wahr ist.“ (Lukas 1 1-4) So beginnt keine Sammlung von Mythen, Sagen und Märchen. Die fangen an mit „Es war einmal“.Bis auf einen behaupten alle Texte im Neuen Testament, dass sie entweder von Augenzeugen von Jesus herstammen oder auf deren Berichte und Erlebnisse beruhen.
Der früheste Text aus dem NT ist ein Brief von Paulus, der nur 20 Jahre nach dem irdischen Leben von Jesus geschrieben wurde. Und in diesem Brief sagt er: „Jesus wurde begraben und am dritten Tag vom Tod auferweckt. Er hat sich zuerst Petrus gezeigt und später allen aus dem engsten Kreis der Jünger. Dann haben ihn mehr als fünfhundert Brüder und Schwestern zur gleichen Zeit gesehen, von denen die meisten heute noch leben; einige sind inzwischen gestorben.“ (1. Korinther 15, 4-6). Warum schreibt man das? Wenn man da mal unvoreingenommen rangeht, dann gibt es nur eine vernünftige Antwort: Weil Paulus sich sicher ist, dass das alles stimmt mit Jesus und dem, was er gesagt und getan hat und dass der Glaube nicht unvernünftig ist – schließlich kann man da ein paar hundert Menschen dazu befragen und sie werden das bestätigen. Und es gibt nur einen Grund das anzuzweifeln. Nämlich den, das man sich das alles nicht vorstellen kann. Aber dann ist meine Vorstellungskraft das Maß aller Dinge. Und wenn das nicht überheblich ist, dann weiß ich auch nicht.Nein, da ist eine Kraft. Die erfahrbare Kraft Gottes.

V Durch diesen Raum laufen momentan viele Wellen, läuft viel Energie und viel Kraft. Ich sehe davon nichts, aber wenn ich mein Handy anmache, dann kann ich hier Videos empfangen, telefonieren und wenn ich ein Radio dabei hätte, könnte ich hier Radio hören. Mit dem richtigen Empfänger können wir die Wellen, die Energie und die Kraft wahrnehmen.Was ist der richtige Empfänger für Gottes Kraft?
Das erste ist diese demütige Erkenntnis: Es gibt mehr als ich sehen und mir vorstellen kann. Die Welt ist größer als mein Verstand und Gott ist größer als die Welt und deswegen auch größer als mein Verstand. Und dann ein Vertrauen und eine Entscheidung. Ich vertraue mich diesem Gott mit seiner Kraft an (Johannes 1, 12). „Und dann sollt ihr erfahren, wie unermesslich groß die Kraft ist, mit der Gott in uns wirkt. Es ist dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckte.“Das griechische Wort für „Kraft“, das hier steht, heißt „dynamis“ - Dynamit. Eine Kraft, die uns heute noch zugänglich ist, um unser Leben zu verändern.- Da hatte ich Kontakt zu einer Frau, deren Leben völlig durcheinander war: Keine Ausbildung, kein Job, Schulden, vier Kinder, eins davon behindert, Lebensgefährte drogenabhängig und der klaut das Essensgeld, Wohnung gekündigt, das Jugendamt im Anmarsch um die Kinder wegzunehmen, jeder Weg verschlossen. Gebetet haben wir. Gebetet um ein Wunder, um die Kraft Gottes. Heute schickt sie immer mal wieder eine Nachricht: Neuer Mann, glückliche Beziehung, neue Wohnung, ihr und den Kindern geht es gut.Da ist die Frau, die mir erzählt, wie verzweifelt sie war, als ihre Waschmaschine kaputt ging, weil sie kein Geld für eine neue hatte und sich damit an Gott wandte. Und dann kommt ein wildfremder Mann auf sie zu und gibt ihr das benötigte Geld mit den Worten: „Ich habe den Eindruck, ich soll ihnen das geben.“Dieselbe Kraft, die Jesus vor 2000 Jahren von den Toten auferweckt hat steht uns zur Bewältigung unseres Alltags zur Verfügung. Wir müssen sie nur in Anspruch nehmen. Kein Problem, in dem Sie stecken, ist zu groß für ihn. Und für ihn gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Viel zu oft sind unsere Gebete zu bescheiden, denn Gott gibt am liebsten große Gaben.
- Da spreche ich mit einem Witwer, der mir davon erzählt, was für ein glückliches Leuchten über das Gesicht seiner Frau gekommen ist in dem Moment als sie starb. „Sie muss etwas Wunderschönes gesehen haben“ sagt ihr Mann. Wissen Sie, was die ersten Worte Jesu nach seiner Auferstehung waren? „Habt keine Angst!" (Matthäus 28, 9) Gottes Kraft ist nämlich stärker als selbst der Tod.
- Da ist die Frau, die mir erzählt, dass sie sich um ihren alten  und kranken Vater kümmerte bis er starb. Das wirklich Besondere daran ist, dass ihr Vater ihre ganze Familie kaputt gemacht hatte durch seine ständigen und öffentlich gelebten Affären. Die Mutter starb an gebrochenem Herzen. Die Frau hätte also allen menschlichen Grund ihren Vater links liegen zu lassen. Aber dann erlebte sie die göttliche Kraft der Vergebung und konnte ihrem Vater verzeihen. Sie fand Frieden für sich und mit ihrem Vater.

VI Zu glauben kann man damit vergleichen eine Landkarte eines zuerst unbekannten Landes zu benutzen. Da gibt es viel zu entdecken und zu erfahren. Aber woher weiß ich, dass die Karte stimmt? Schließlich war ich hier ja noch nicht. Nun, man vertraut darauf, dass die, die Karte gemacht haben, Bescheid wissen, bzw. man vertraut denen, die schon mal da waren und es überprüft haben. Aber wissen tut man es erst, wenn man losgeht und das Land mit Hilfe der Karte selbst erkundet. Natürlich kann ich zu Hause bleiben bei dem, was ich schon immer kenne. Aber ich kann mich auch aufmachen zu einer Reise in das Land des Glaubens, um meinen Horizont zu erweitern und Gottes Kraft ernst nehmen und in Anspruch nehmen. Natürlich ist dann einiges ungewiss, schließlich ist es eine Reise. Aber das Wichtigste ist sicher: Gottes Kraft vertreibt die Angst. Wunder werden geschehen. Der Tod wird unsere Reise nicht beenden und wir kommen immer nach Hause.

Predigt Friedenskirche, 26.1.20, Pfarrer Tilman Grabinski – es gilt das gesprochene Wort

Wer von Ihnen kann altgriechisch? Wer althebräisch? Wer hat Theologie studiert? So wenige? Das ist aber bedauerlich. Denn dann kann keiner von Ihnen mit der Bibel etwas anfangen! Nicht, dass ich das so denken, aber es gibt tatsächlich viele Menschen, die das meinen: „Ohne ein Studium der Theologie kann man die Bibel nicht verstehen. Und deswegen braucht es Experten, die Ahnung haben; die wissen, wie es richtig ist. Aber ich kann das nicht.“ Aber wenn man sich die letzten 2.000 Jahre anschaut, dann stellt man fest: Die allermeisten Christen waren und sind keine Wissenschaftler, die allermeisten Christen konnten und können keine Ursprachen und die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte waren die meisten Menschen nicht sonderlich gebildet – und trotzdem glaubten und glauben so viele Menschen trotzdem!
Das Wesentliche ist anscheinend für jeden immer verständlich –  das sagt die Erfahrung. Und wenn das wahr ist, kann jeder sie verstehen. Es ist klar, dass die grundlegende Urkunde unsres Glaubens die Bibel ist. Genauso klar ist, dass längst nicht alle Christen sich in ihr auskennen. Dabei wissen wir alles Wichtige über Gott bzw. Jesus nur aus der Bibel. Es gibt keine andere schriftliche oder mündliche Quelle, die uns auch nur annähernd einen solchen Zugang zu Gott bzw. zu Jesus eröffnen kann. Das bedeutet: Wir können unser Gottes- und Jesusverständnis nur aus der Bibel gewinnen. Insofern gibt es zur Bibel keine Alternative und für sie keinen Ersatz. Gott redet durch die Bibel zu uns Menschen, zu unserem Herz und Gewissen. Das lehrt die Erfahrung aus vielen Jahrhunderten. Wir können in der Bibel Gott begegnen und durch die Bibel zu ihm finden. Gott schenkt uns durch die Bibel den Glauben und den Heiligen Geist. Er lehrt uns auch durch die Bibel alles, was für unsere Gemeinschaft mit Gott wichtig ist.

II Wie kommt es aber nun zu einer solchen Einschätzung, dass in der Bibel nur Experten richtig Bescheid wissen können? Wie kommt es, dass so viele Christen sich in ihr nicht auskennen und deswegen große Gefahr laufen, dass ihr Glaube flacher und farbloser bleibt als es gut ist? Nun, das hat mit einer alten Entwicklung zu tun, die vor gut 250 Jahren begann – der Aufklärung. Diese Bewegung hatte eine einfache und doch bahnbrechende und weltverändernde Erkenntnis: Wir haben einen gottgegebenen Verstand und sollen, können und müssen ihn einsetzen. Wir sollen, können und müssen selber denken; selber Entscheidungen fällen! Und infolgedessen kam es zu einem nie gekannten Siegeszug der Vernunft und der Wissenschaften in Europa und Nordamerika, der unsere Welt dauerhaft veränderte und bis heute prägt. Vernunft gegen Aberglauben und Borniertheit. Vernunft gegen Leichtgläubigkeit und Vorurteile. Wichtig sind Daten und Fakten. Wichtig ist das, was man messen kann. Die Vernunft steht über allem. Die Vernunft mit dem, was sie sich vorstellen kann. Und wenn man sich schon mit dem Glauben beschäftigt und mit der Bibel als grundlegender Urkunde unseres Glaubens, dann ist es im Zuge der Aufklärung und dieses Denkens nur logisch, dass das auch nur mit dem Verstand geschehen soll. Und in diesem Zusammenhang wurde die Bibel als historische Urkunde entdeckt! Man untersuchte sie mit wissenschaftlichen Methoden. Man stellte fest: Sie ist eine Sammlung unterschiedlicher Bücher aus verschiedenen Zeiten, geschrieben von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Ländern zu unterschiedlichen Themen. Sie ist eine Sammlung voller Lyrik und Poesie, voller Ahnenregister, Geschichten über Gott und die Welt. Man stellte fest, dass viele der biblischen Texte zuerst mündlich überliefert wurden und dann zusammengestellt wurden. Es gibt unterschiedliche Akzente und Schwerpunkte und Perspektiven. So weit, so gut. Aber dann ging man einen Schritt weiter. Man stellte einen Gegensatz her zwischen Vernunft und Glauben. Man sagte: „Vernünftige Menschen glauben nicht.“ Man meinte, die Vernunft sei das Wichtigste. Und die, die mit ihrer Vernunft die Welt betrachten und erforschen – die Wissenschaftler – sind die Wichtigsten, sind die Experten. Und die Theologen wurden zu den Experten der Bibel und des Glaubens. Und die Bibel wurde zu einem sogenannten „Dokument des Glaubens“, dem man nicht so richtig trauen kann, weil es so viel enthält, was man mit dem Verstand nicht erfassen kann, wie z.B. Wunder. Sie wurde zu einem Buch mit einem historischen Kern, der dann aber von rückständigen Menschen mit einem unwissenschaftlichen Weltbild zugeschüttet wurde mit Mythen, Sagen und Legenden. „Die Bibel stimmt eh nicht“ – Das ist die Meinung vieler sog. „aufgeklärter“ Menschen. Wunder sind nicht erklärbar, nicht vernünftig, also gibt es sie nicht. Aber weil sie nun mal in der Bibel zu finden sind, muss man sie weg erklären.

III Aber wer sagt mir, dass wir heute besser sehen als damals? Warum sollen wir heute Jesus besser verstehen als wenige Jahrzehnte nach Jesus, als Augenzeugen oder Christen, die Augenzeugen kannten, angefangen haben, ihre Erlebnisse mit Jesus und ihre Gedanken dazu aufzuschreiben? Woher weiß ich denn, dass es stimmt, dass Vernunft das höchste und wichtigste im Leben sein soll? Da ist doch zum einen die Tatsache, dass für vieles Wichtige im Leben die Wissenschaft keine große Hilfe ist. Denn sie kann die wirklich wichtigen Fragen gar nicht beantworten: „Wozu bin ich eigentlich auf der Welt?“ „Wie finde ich den Menschen, mit dem ich glücklich werde?“ „Wie werde ich überhaupt glücklich und zufrieden?“ „Wie überwinden wir unseren Egoismus, um die Welt zu retten?“ Solcher Fragen sind nicht wissenschaftlich zu beantworten. Selbst wenn die Diskussion darum, wie das Universum und die Welt entstanden sind, zweifelsfrei entschieden wäre, würde uns das nicht helfen, unser Leben zu bewältigen. Und es kommt noch etwas Anderes hinzu: Was war nicht schon alles einmal wissenschaftlich bewiesen?
Als die Eisenbahn im 19. Jahrhundert aufkam, haben Wissenschaftler Gutachten dazu geschrieben, dass unser Gehirn für Geschwindigkeiten nicht gemacht ist, die schneller sind als ein Pferdefuhrwerk. „Eisenbahnfahren macht verrückt“ war ihre wissenschaftliche Meinung. Als der Arzt Ignaz Semmelweis im 19. Jahrhundert forderte, dass Ärzte sich vor einer Operation die Hände waschen sollten, wurde das als „spekulativer Unfug“ abgetan. Wozu braucht man bitteschön Hygiene – so im Allgemeinen oder gar in einem OP-Saal? Es gibt unzählige Dinge, die die Wissenschaft mal felsenfest behauptet hat und die inzwischen widerlegt sind. Denn die Welt ist größer als mein Verstand.

IV Glauben gehört auch zur Welt dazu. Wer glaubt, vertraut. Zuerst einmal ganz simpel. Ohne Glauben und Vertrauen funktioniert unser Leben nicht. Wir vertrauen dem Busfahrer, dem Automechaniker, dem Architekten, dem Arzt, unseren Eltern, dem Partner, den Kindern, … Christen vertrauen Gott. Vertrauen sich Gott an. Vor zwei Wochen habe ich dazu das Bild benutzt, dass zu glauben meint, in die Schubkarre zu steigen. Ich vertraue mich Gott an und gebe zu, dass ich nicht alles selbst im Griff habe. Wenn ich glaube, dann mache ich meine Augen auf und sehe, dass Gott da ist. Ich bin sein Kind und er ist mein guter, liebevoller Vater. Er ist allmächtig, ich bin es nicht. Er ist allwissend, ich bin es nicht. Er weiß Bescheid und ich nicht. Er ist größer als mein Verstand! Und genau diese Erkenntnis macht die Welt größer! Glaube engt unsere Sicht auf das Leben und die Welt nicht ein, sondern weitet sie. Glauben und Denken widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich. Wenn man eins weglässt, wird es sehr bald gefährlich, denn zu glauben ohne zu denken macht fanatisch. Denken ohne zu glauben macht barbarisch. Nicht, dass jeder, der nicht glaubt, ein Barbar ist, aber bis jetzt haben alle gesellschaftlichen Systeme, die meinten auf Gott und den Glauben verzichten zu können, nur Terror, Blut und Tod gebracht. Man schätzt, dass der Kommunismus, der eben versucht hat die Welt und die Menschen ohne Gott zu denken, 100 Millionen Tote mit sich gebracht hat!
Ein gläubiges Denken und einen durchdachten Glauben – das hatte Jesus. Was war das Ergebnis? Er konnte Kranke heilen, Gottes Stimme hören, übers Wasser laufen und verspricht uns: „Wer an mich glaubt, wird die gleichen Taten vollbringen wie ich, ja sogar noch größere.“ (Johannes 14,12) Glauben erweitert den Horizont und schafft ungeahnte Möglichkeiten! V Und ich als Theologe glaube doch nicht mehr, tiefer oder besser als irgendein Nichttheologe. Ich weiß mehr, aber der Hauptbestandteil des Glaubens ist doch das Vertrauen. Ich werde nie vergessen, wie ich mit einer Frau, der es schlecht ging, zusammengesessen habe und sie einen 3000 Jahre alten Psalm gelesen hat, den der israelitische König David formuliert hat: „Meine Kraft schwindet wie Wasser, das versickert, und alle meine Knochen sind wie ausgerenkt. Mein Herz verkrampft sich vor Angst, und meine ganze Kraft ist dahin, verdorrt wie eine staubige Tonscherbe. Die Zunge klebt mir am Gaumen. Du lässt mich im Tode versinken. Eine Meute böswilliger Menschen umkreist mich, gierig wie wildernde Hunde. Hände und Füße haben sie mir durchbohrt. HERR, wende dich nicht länger von mir ab! Nur du kannst mir neue Kraft geben, komm mir schnell zu Hilfe! Und tatsächlich, Herr: Du hast mich erhört!“ (Ps 22, 15.16.20.22f). Erschüttert hat die Frau festgestellt, dass da von ihr, ihrem Zustand, ihren Gefühlen die Rede ist. Die alten Worte waren wahr! Die Erfahrung zeigt: Die Bibel ist wahr, im Sinne von lebenswahr, obwohl es sein kann, dass die Wissenschaft nachweist, dass sie im Einzelfall mal nicht stimmt! Das wir aber darauf vertrauen können, dass sie in den allermeisten Fällen stimmt, darüber predige ich demnächst. Wer die Bibel nicht als das große Buch der Gottesbeziehungen und Gotteserfahrungen liest, wer die Bibel ausschließlich mit wissenschaftlicher Logik untersucht, der wird ihr nicht gerecht. Wer nur glaubt, was er vom Verstand her begreifen kann, der lebt in einer armen Welt. Für den gibt es keine Musik, keine Malerei, keine Schönheit, denn Schönheit ist nicht vernünftig. Genau so wenig wie Freude, Liebe, Hoffnung oder Selbstvertrauen. Zum Glauben gehört das Vertrauen, das Gott da ist und handelt und noch heute handelt! Das haben die Menschen, die die Bibel geschrieben haben und die, die Jesus erlebt haben, gewusst und erlebt. Und sie waren nicht rückständig, nicht beschränkt oder ein bisschen dumm. Nein, wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.

VI Jesus sagt: „Was ich euch sage, sind nicht meine eigenen Gedanken. Es sind Gottes Worte. Wer von euch bereit ist, Gottes Willen zu tun, der wird erkennen, ob diese Worte von Gott kommen oder ob es meine eigenen Gedanken sind.“ (Joh 7,16.17) Soll erstens heißen: Wer sich nicht darum kümmert herauszufinden, wie Gott ist, was er will und denkt; wer sich nicht darum kümmert herauszufinden was Jesus getan hat, wie er gedacht hat, was er gesagt und gewollt ha und das dann auch nicht tut, dessen Glaube bleibt flacher und farbloser als er sein könnte und sollte. Und soll zweitens heißen: Traut euch, das auszuprobieren, was Jesus sagt über das Vergeben, das Lieben, das Beten, das Leben und die Wunder. Nur so kann man feststellen, ob, dass das wahre Sätze sind oder nicht. Nur so kann man feststellen, ob es Wunder gibt. Nur so kann man feststellen, ob Jesus wirklich noch da ist und lebt. Wer das schon weiß und darauf vertraut, der freue sich, vertiefe sein Wissen und Vertrauen und gebe es weiter. Wer es noch nicht weiß und noch nicht darauf vertraut, aber das möchte, der sage Gott das: „Gott, wenn du da bist, dann begegne mir jetzt bitte in meinem Leben, in der Welt, in diesem Buch.“ Und wird dann sein blaues Wunder erleben. Denn: Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.