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Präsentation nimmt gefangen

|   Stiftskirche

Passionsmusik zur Sterbestunde Jesu in der Stiftskirche setzt auf kammermusikalische Vortragsweise. Die traditionelle Passionsmusik zur Sterbstunde Jesu am Karfreitag in der Stiftskirche setzte anstelle des klanglichen Dreigestirns aus Chor, Orchester und Solisten barocker Oratorien-Tradition auf kammermusikalische Vortragsweise.

Dabei wurden nicht zyklische Werke komplett aufgeführt, sondern verschiedene kaleidoskopartig zu einem roten Faden zusammen gefügt. Anstelle der in der Passionsgeschichte „erzählenden“ und solistisch arios gestaltenden Personen und eines monumentalen Turbae-Chores, der die Jünger Jesu repräsentiert, und des klanglich untermalenden Orchesters, bekannte sich die Bezirkskantorin Beate Stinski-Bergmann in ihrer programmatischen Konzeption zu einer Rezitation der Passionsgeschichte nach Lukas (durch Pfarrer Stefan Bergmann).
Ergänzt wurde diese von dazu ausgewählten und passenden Musikbeiträgen aus verschiedenen Stilepochen und Gattungen.Ebenso nahm eine neue Art der Präsentation – etwa zum Auftakt – gefangen und hatte in der hohen Wirkung durch die Kantorin und die Konzert- und Oratoriensängerin Antonietta Jana eine große Ausdruckskraft mit minimalistischen Mitteln entfaltet: Im unbegleiteten stereophonen Zwiegesang in verschiedenen Seitenschiffen korrespondierten die beiden Sängerinnen bei einer einstimmenden antiphonen Komposition des unbekannten, wiederentdeckten Friedrich Walz; ein komponierender Pfarrer des 20. Jahrhunderts.Der programmatische Schwerpunkt bestand in der Aufführung von Ausschnitten aus Gattungen wie der oratorischen Passion (nach dem Evangelium nach Matthäus) von Johann Sebastian Bach oder Georg Friedrich Händel (Brockes-Passion) sowie einer Kirchenkantate mit einer Sopranarie Bachs.
Ergänzt wurde dies durch eine Kostprobe aus der Passionskantate von Georg Philipp Telemann. In diesen beseelten Aufführungen ergänzten sich die Kantorin an der kammermusikalisch registrierten und feinfühlig eingesetzten Oberlinger-Orgel, die Mezzosopranistin Antonietta Jana und der Musiker des Pfalztheater-Orchesters, Johannes Pardall kongenial und ideal: Letzterer in geschmeidiger Bogenführung und eleganter melodischer Umspielung und Figurierung auf Violine und Viola.
Mit dieser kammermusikalischen, transparenten Begleitung und Paraphrasierung wurden alle erdenklichen Freiräume für die werk- und stilgerechte Gestaltung der Sängerin eröffnet: Jana hatte bei dem Telemann-Klangbeispiel einen langen gestalterischen Atem bei den anfänglichen Haltetönen, um dann weiter bei virtuosen Koloraturen und bewegten Abschnitten neben den atem- und gesangstechnischen Fähigkeiten auch eine erstaunliche klangliche Wandlungsfähigkeit ihrer Stimme unter Beweis zu stellen: In zarten Lyrismen wies sie ins Transzendente und Kontemplative, in dramatischen Ausbrüchen machte sie schicksalhafte Verzweiflung zum Anliegen der Menschheit. Und in einer bis ins dunkle Timbre einer Altistin abgetauchten Düsternis vermittelte sie beklemmende Wirkungen, „erhellte“ wiederum durch tröstende Aspekte in einer mädchenhaft schlanken und subtilen Darstellung eines biblischen Liedes. Antonin Dvorak hat diese Stimmung in seinen biblischen Liedern im Beispiel „Der Herr ist mein Hirte“ heraufbeschworen und war von Jana überzeugend am Nerv getroffen worden.
Dass Johannes Pardall einer der Leistungsträger des Pfalztheater-Orchesters und Initiator von Kammermusik-Veranstaltungen ist, war bekannt. Ebenso seine solistischen Fähigkeiten, die er hier mehrfach unter Beweis stellte: So etwa bei dem Charakterstück der Elegie von Igor Stravinsky, die er auf der Bratsche in allen melodischen Finessen ausreizte.

Reiner Henn, in: Die Rheinpfalz Pfälzische Volkszeitung - Nr. 95 Mittwoch, den 24. April 2019, Seite 18

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