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Silvesterkonzert: Rückzug in die Stille und Verinnerlichung

|   Stiftskirche

Größer ist der Kontrast kaum denkbar: Auf der einen Seite die traditionellen Silvester-Galakonzerte in ausgelassen-unbeschwerter Stimmung bei einem Feuerwerk zündender Melodien der so genannten leichten Muse. Als Antipode dann in der Lauterer Unionskirche ein Rückzug in die Stille, in die Verinnerlichung und Entrückung bei Kerzenschein und dezenter Kammermusik in zartesten Klangnuancen.

Anstelle engagierter musikalischer Botschafter setzte Bezirkskantorin Beate Stinski-Bergmann in der Unionskirche − Ausweichstätte zur derzeit nicht beheizten Stiftskirche − auf eigene Kräfte: Die Kantorin, ihr Ehemann Stefan Bergmann (irische Tin Whistle) sowie die Konzert- und Oratoriensängerin Antonietta Jana kultivierten Preziosen der Vokal- und Instrumentalmusik aus mehreren Jahrhunderten.
Meistens aufgeführt in der Fassung für Singstimme (Janas Mezzosopran), Tasteninstrument (die Kantorin an Orgel oder Cembalo) und Violine (Elisabeth Pütz) oder auch Whistle, bildeten Kompositionen vom Barock bis in die Gegenwart einen erkennbaren Spannungsbogen, der kein Sammelsurium, sondern eine schlüssige dramaturgische Idee ergab.
Die interpretatorische Durchdringung solcher Partituren ist die Stärke der Mezzosopranistin Antonietta Jana, die im verinnerlichten Zwiegesang den „Panis Angelicus“ in zarten Nuancen zelebriert. Oder strahlend in den Höhen und im stimmlich lichten Glanz in melodischen Aufschwüngen das Werk von Telemann angeht. Im Lobgesang vom barocken Meister Johann Hanff schwingt emphatische Ausdruckskraft mit, während sie dann beim englischen „Advent Carol“ des Zeitgenossen Patrick Liebergen über die Wandlungsfähigkeit ihrer auftrumpfenden Stimme Staunen macht. Der Textbotschaft angepasste, stilistisch ausgearbeitete Beiträge gelangen so in stimmlicher Reinkultur.
Ihre Tochter Elisabeth Pütz ist eine exzellente Geigerin mit hoher Griffsicherheit, geschmeidiger Bogenführung und strahlendem, immer wieder schön aufblühendem Ton und Melos: So zu hören bei der eleganten Umspielung der Gesangstimme, aber auch bei Solowerken wie Bachs „Solosonate“ oder der Sonate für Violine und Basso Continuo von Händel (mit der Kantorin am Cembalo).Die vorgestellten Sätze aus diesen zyklischen Werken zeigten spielerische Bravour und Präzision bis ins kleinste motivische und ornamentale Detail. In ihrem glissandierenden Lagenwechsel und sanft schwingenden Vibrato wirkten manchmal etwas romantisierend.
Während Stinski-Bergmann die Tasteninstrumente mit flexibler Abstimmung auf die gestalterischen Initiativen der Solisten spielte, stellte Ehemann Stefan Bergmann den klanglichen Reiz der Whistle heraus. Und dies bei Kompositionen des irischen Nationalkomponisten Turlough O’Carolan an der Schnittstelle zwischen Barockmusik und traditioneller Folklore. Man staunt über die klangliche Intimität und Wärme der Tin Whistle, die als einfachste Schnabelflöte mit nur sechs Grifflöchern und aus Aluminium gefertigt ist. Pfarrer Bergmann handhabt diese hierzulande als Rarität einzustufende Besonderheit nuanciert und in feinen melodischen Linien.

Reiner Henn, in: Die Rheinpfalz, Pfälzische Volkszeitung, Nr. 2, Donnerstag, den 3. Januar 2019, Seite 17

Foto: Ralph Wilhelm rawikai-photos

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