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Rückblick auf das Kirchenfest

Erstellt von Joachim Schwitalla | |   Stiftskirche

Die Protestanten feierten an historischer Stätte in Kaiserslautern den 200. Geburtstag der Pfälzer Kirchenunion und viele feierten mit. Groß war die Zahl der Besucher, die es sich am Festwochenende vom siebten bis neunten September nicht nehmen ließen, sich an Musik, Unterhaltung, an Information und Gespräch zu erfreuen.

Dazu bot sich vor drei Bühnen und vor 40 in der Innenstadt aufgestellten Unions-Kirchenbänken beste Gelegenheit. An zentralen Orten wie dem Unionsplatz und um die Stiftskirche sind weiße Fahnen und Windstecker mit dem hell- und dunkelblauen Festlogo des Kirchenjubiläums sowie spiralförmige Zypressen nicht zu übersehen. „Swing low, sweet chariot“ erklingt es von der Hauptbühne vor dem Stiftsplatz, wo die „New Brass Big Band“ aus der Vorderpfalz musikalischen Glanz verbreitet und Passanten ein Päuschen einlegen lässt.

Bunt und unterhaltsam geht es vor der Radio-Bühne von RPR1 und dem Infostand des Kirchenjubiläums zu. Eben hat der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz neben Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr auf der „Blauen Bank“ für ein Interview Platz genommen. Lewentz, der auf dem Weg zum „Betze“ ist, drückt als Vorsitzender der Fritz-Walter-Stiftung dem FCK in der Dritten Liga die Daumen. „Wir können das schaffen“, sagt er optimistisch und kommt vom Fußball zum Kirchenjubiläum. Politik und Kirche organisierten die Gesellschaft. „Da sind Christen vorne mit dabei.“ Mit Blick auf die Geschehnisse in Chemnitz meint er: „Wir lassen uns das Land durch Hetze und Aggression nicht zerschlagen.“ Kirche sei ein starker und wichtiger Partner.

Während die Mittagssonne zu einem Imbiss vor der Stiftskirche einlädt und Kinder mit weißen Luftballons ihren Eltern an der Hand folgen, liest Annette Bold in der Stiftskirche aus der Bibel. Im Chor der Kirche im gotischen Stil liest sie Besuchern aus Matthäus 19 über Ehe, Ehescheidung und Ehelosigkeit vor. Sie gehört einer Gruppe von Lektoren an, die sich in der Ausbildung befindet und das Kirchenjubiläum zum Vortragen nutzt. Die Stille des Kirchenraums ist Balsam für die Seele. Ebenso die brennenden Kerzen entlang der Seitenwände. Vereinzelt nehmen Besucher das Angebot wahr. Wie Dörfer und Wohnorte ohne eine Kirche aussehen würden, darüber informiert eine Fotoausstellung im Vorraum der Stiftskirche. Motive aus der Stadt und aus dem Landkreis sind es, die die Standorte mit und ohne Kirche zeigen. „Zukunft der Kirche – Da fehlt doch was“ ist der Fotowettbewerb überschrieben. „Ohne Kirchturm sähe so mancher Ort ärmer aus“, sagt eine Besucherin und verweist auf das Foto, das die protestantische Kirche in Morlautern zeigt.

Im Interview mit Landesdiakoniepfarrer Bähr betont Kirchenpräsident Christian Schad am Nachmittag, dass das Christentum die Gesellschaft bereichere. „Es wäre schön, wenn Menschen, die uns den Rücken gekehrt haben, wieder zu uns fänden.“ Ein Fest wie es hier in kleinem Rahmen gefeiert werde sei lebenswert für die Gesellschaft, so Schad. „Immer schön, wenn in der Stadt was los ist“, erklärt eine Besucherin auf die Frage  wie ihr das Fest gefalle. Es gingen ja immer weniger Leute in die Kirche, meint die Protestantin Annika Jäger, die sich selbst dazu zählt. „Früher ging ich öfter in die Kirche.“ „Gottesdienst?“, fragt ihr Sohn Maximilian (21). „Das letzte Mal an Weihnachten 2016.“ Lebens- und liebenswert geht es auf dem Unionsplatz zu.

Heiter und gelöst genießen Besucher die Musik, die von der Lounge-Bühne klingt. Lieder zum Mitsingen sind es, die Stephan Flesch zum Besten gibt. Offenes Singen ist angesagt. Und das gelingt dem Mann mit „Let it be“ von den Beatles, mit „Saling“ von Rod Stewart und „Über den Wolken“ von Reinhard Mey. „Traut euch, lacht und tanzt“, animiert der Sänger (Gitarre) zusammen mit seinem Freund Elmar Federkeil (Percussion) sein Publikum zum Mitsingen. Bei einem Glas Weizen oder einem Tropfen aus der Vorderpfalz für viele kein Problem. „Gestern war’s schon geil, heute ist es großartig“, lobt Flesch sein Publikum.

Die Unionskirche wird zum Platz für die Jugend
Beim Kirchenjubiläum hatte die Jugend die Unionskirche fest im Griff. Sie glich seit Tagen mit einem wandhohen Klettergerippe aus Stahl eingerüstet und zahlreichen Ständen mit Informationen über die Jugendarbeit verschiedener Organisationen der Evangelischen Landeskirche einem Marktplatz der Möglichkeiten. Diskutiert wurde dort am Samstag vor allem über Bildung und Demokratie.

Einer von Landesjugendpfarrer Florian Geith am Vormittag eröffneten Andacht, bei der Urd Rust, Pfarrerin für Kindergottesdienst, und Stadtjugendpfarrer Robert Fillinger in szenischem Spiel auf dem Klettergerüst an die historischen Ereignisse der Kirchenunion erinnerten, folgte am Nachmittag eine Podiumsdiskussion. Dazu kamen Anne Spiegel, Ministerin für Familie, Frauen, Integration und Verbraucherschutz sowie die „ZDF Logo“-Moderatorin Jennifer Sieglar.

„Bildung braucht Demokratie – Demokratie braucht Bildung“, lautete das Thema. „Es gibt keine Staatsform, in der Bildung besser vermittelt werden kann als in einer Demokratie“, verwies Spiegel auf die Meinungsfreiheit, die beste Grundlage für Bildung. Bildung baue auf demokratischen Grundwerten auf und beginne bereits im Kindergartenalter. Aktuelle Themen seien nicht auf den Sozialkundeunterricht beschränkt, gehörten tagesaktuell auch in Fächer wie Deutsch, Religion und Ethik. Weiter sprach sich die Ministerin für die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre aus, für eine demokratische Mitsprache von Schülern in der Schule und für eine Fortführung des Förderprogramms „JES! Jung. Eigenständig. Stark.“ zur Verbesserung der Jugendpolitik und Jugendstrategien. Zu wissen, was in der Welt passiert, um mitsprechen und mitentscheiden zu können, dazu müsse man gut informiert sein, sagte Jennifer Sieglar, die Moderatorin der Kindernachrichten des ZDF. Die Sendung sei speziell für Kinder zwischen acht und zwölf entwickelt worden, um Nachrichten für junge Menschen verständlich zu machen. 45 Prozent der Zuschauer seien aber Erwachsene. Am Beispiel von Parteiprogrammen zeigte sie auf, wie wenig verständlich die Texte seien. „Für Jugendliche manchmal ein Unding“, sagte Sieglar. Sie erklärte zudem, dass Bildung ihrer Meinung nach für Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien unerlässlich sei.  

„Die Wahrheit wird sich durchsetzen“

Mit einem Festgottesdienst in der Stiftskirche hat die Evangelische Kirche der Pfalz gestern Vormittag an die Kirchenunion vor 200 Jahren erinnert.
Feierlich der Klang des Pfälzischen Bläserensembles, golden die Strahlen der Septembersonne, die dem Gotteshaus beim Einzug der Liturgen in die überfüllte Kirche einen glänzenden Rahmen verliehen.Groß war die Gottesdienstgemeinde mit Gästen aus Gesellschaft, Kirche und Politik. Ein besonderer Willkommensgruß entbot Dekanin Dorothee Wüst dem Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, dem pfälzischen Synodalpräsidenten Herrmann Lorenz, dem saarländischen Ministerpräsidenten Tobias Hans, dem ehemaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck und Oberbürgermeister Klaus Weichel.

„Was ist die Wahrheit?“, fragte Kirchenpräsident Schad in seiner Predigt. Die Begründer der Kirchenunion vor 200 Jahren hätten sich aus der Erfahrung einer schmerzlichen Trennung der reformatorischen Konfessionsparteien eine „wohlgeprüfte Wahrheit“ auf die Fahnen geschrieben. Einzige Norm für sie sei die Heilige Schrift gewesen.

Im Kampf um die Wahrheit, wie er gegenwärtig in der Gesellschaft ausgefochten werde, drohe die Freiheit zu zerbrechen und die Demokratie Schaden zu erleiden, konstatierte Schad. Gerade Christen könnten dazu beitragen, dass strittige Wahrheiten nicht durch Macht und Verdrängung entschieden würden. „Die Wahrheit wird sich durchsetzen und sie wird frei machen. Denn was nicht wahr ist, macht auch nicht frei. Und was nicht frei macht, ist auch nicht wahr.“

In die Alltagssprache einsickernde Unwörter wie „Lügenpresse“ und „Asyltourismus“ sowie Hass-Kommentare in sozialen Medien seien nur die Spitze eines sprachlichen Eisberges, sagte der Kirchenpräsident. „Wir brauchen nicht noch mehr Leute, die auf Phon-Stärke vertrauen und auf laute Behauptungen. Wir brauchen Menschen, die sich auf Institutionen verlassen, die die Wahrheitsfindung ermöglichen: unabhängige Gerichte und vielfältige Medien, Forschung in der Hand der Öffentlichkeit und umfassende Bildung für alle.“ Zur Grundüberzeugung der reformatorischen Tradition gehöre es, dass sich die Wahrheit des Evangeliums ohne Gewalt und ohne Zwang, allein durch die Überzeugungskraft des Wortes durchsetze, erinnerte Schad.

Vertreter gesellschaftlicher Gruppen verdeutlichten, wie komplex die Suche nach Wahrheit ist. Birgit Wahl-Becker, eine Lehrerin, will ihre Schüler zu kritischem und mutigem Hinterfragen befähigen. Masoud Vafaei, Teilnehmer eines interkulturellen Lektorenkreises, hat der Glaube zum Wahrheitssucher gemacht. „In Christus bin ich der Wahrheit begegnet. Ohne meinen Glauben könnte ich, von meiner Familie getrennt, nicht leben“, so der junge Mann aus dem Iran. Im Strafprozess gelte im Zweifelsfall diejenige Wahrheit, die den Angeklagten schütze, sagte der Präsident des Landgerichts Frankenthal, Harald Jenet. „Ich muss bei der Berichterstattung der Wahrheit möglichst nahe kommen. Das ist nicht immer einfach, aber immer mein Ziel“, sagte Hartmut Reitz, Redaktionsleiter beim Südwestrundfunk Ludwigshafen.

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