Kirchen in Kaiserslautern

    sitemap  |  Impressum  |  Druckversion   



Rückblick 1825 bis 1941 von Herrn Franz Neumer


Der Evangelische Krankenpflegeverein in Hochspeyer


1. Die soziale Struktur des Dorfes im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts

Im September 1906 beschloss die Generalversammlung des evangelischen Arbeitervereins die Gründung eines Vereins für Krankenpflege und den Bau eines Diakonissenstation, die mit einer Schwester besetzt sein sollte.

Den Grund für einen derartigen Beschluss muss man in der sozialen Struktur des Dorfes suchen. Hochspeyer hatte sich seit etwa 50 bis 60 Jahren zu einem Industriedorf entwickelt im dem fleißig gearbeitet aber wenig verdient wurde.

Bereits 1825 hatte der Bürgermeister dem Landkommissariat Kaiserslautern gemeldet, dass es in Hochspeyer zehn Bürger gäbe, die etwas leisten, d.h. den anderen unter die Arme greifen könnten, 15 Bürger die in dem derzeitigen Zustand noch so mitleben könnten, die übrigen aber seien Holzhauer und Taglöhner die in den vergangenen Jahren ihren Unterhalt im Chausseebau gefunden hätten, der aber jetzt beendet sei. Diese Situation hatte war nach 30 Jahren noch nicht verbessert. Doch mit dem beginnenden Bau der Ludwigsbahn wurden aus ehemaligen Taglöhnern Rottenarbeiter, Bahnhofsdiener, Schranken- und Stellwerkswärter mit Vollbeschäftigung aber geringen Löhnen.

Der Bau dieser Bahn zog eine weitere Konsequenz nach sich: Es mussten Bahnhöfe, Stellwerke, Güterschuppen, Bahnwärterhäuser, Brücken und Durchlässe gebaut werden. Man griff auf den heimischen Sandstein zurück. Wieder fanden Taglöhner und Holzhauer eine über Jahre dauernde Beschäftigung als Steinbrecher und Steinhauer. Inzwischen wuchs auch die private Steinindustrie. 1905 zählte man in Hochspeyer schlecht bezahlte 105 Steinbrecher und Steinhauer, aber nur einen einzigen Steinmetz.

Im Jahre 1880 siedelte sich am Westrand von Hochspeyer eine chemische Fabrik an: Die Chemische Fabrik Georg Ottmann, die von Anfang an florierte und noch im gleichen Jahr in Birkenfeld eine Niederlassung gründen wollte. Niederlassungen wurden gegründet in Bodenfelde an der Weser, in Wiesbaden-Biebrich und in Srodula in Russisch – Polen. In ihrer Blütezeit waren 200 Arbeiter bei ständiger aber geringer Bezahlung beschäftigt. Der Stundenlohn belief sich für die meisten von ihnen auf 26 Pfennig. Ein Laib Brot war teurer! Diese Firma benötigte für ihre Produkte jährlich 35.000 Ster Buchenholz, das verschwelt wurde. Also brauchte man Fuhrleute um die riesigen Holzmengen herbeizufahren und man brauchte Taglöhner die abluden und das Holz bis zur Verarbeitung stapelten. Wenn ein Vertreter dieser Firma behauptete, die vielen von auswärts zugezogenen Arbeiter seien zu Wohlstand und Hausbesitz gekommen, so doch mindestens am dem Begriff Wohlstand zu zweifeln.

Eine anderer Industriezweig, der bis zu 100 Arbeiter zählte, war die Holzindustrie von Schüler und Ruby, die aus einer Vorgängerfirma hervorgegangen war. Die niedrigen Löhne, es waren Tariflöhne, der dort Beschäftigten waren noch nach dem 2. Weltkrieg in aller Mund. Einer der Inhaber dieser Firma war der Holzhändler Jakob Ruby, auf den ich noch zu sprechen kommen werde.

Hochspeyer war zu einem Industriedorf geworden. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere befasst sich mit den sozialen Verhältnissen in den Familien. Seit es gelungen war, die Säuglings- und Kindersterblichkeit zu bekämpfen und die Pockenimpfung zur Pflicht gemacht worden war, füllten sich die Häuser mit Nachwuchs. Was nicht mit wuchs, das waren die Äcker, die durch Realteilung rasch zu Äckerchen wurden und nur noch bedingt zur Ernährung der Familien beitragen konnten. Der neue Stand, der vierte Stand, hatte auch in Hochspeyer Fuß gefasst; jene Menschen, die sich und ihre Familien allein durch ihrer Hände Arbeit ernähren mussten.

2. Krankheiten und Epidemien.

Auf eine Tatsache ist noch hinzuweisen, nämlich auf die hygienischen Verhältnisse, besonders was das Trinkwasser betraf. Dunggruben in der Nähe von Brunnen verseuchten immer wieder das Wasser. 1884 brach in Waldleiningen eine Typhusepidemie aus. Bei der notorischen Armut der Einwohner fehlte es an allem. Auf die Bitte des Pfarrers sorgten Hochspeyerer Familien für die nötige Wäsche. Lebensmittel wurden auf Kosten der Armenkasse in Hochspeyer gekauft. Im Schulhaus wurde gekocht und die Nahrung durch die Schwestern zu den Kranken gebracht. Selbst der Pfarrer musste eingreifen um die Leute aufzuklären bezüglich der Hygiene. Der Tag und Nachtdienst belastete die Gesundheit der Schwestern sehr. Auf Anraten des Arztes sollten sie ins Mutterhaus zurückkehren. Man zählte 36 Erkrankte. Zwei junge Männer und ein Kind starben. Die Gesamtkosten von 1700 Mark, wurden von der Armenkasse aufgebracht. In Hochspeyer kam Typhus zuerst vereinzelt vor, doch 1887 war die Krankheit epidemisch. Erst im Jahr darauf erlosch die Epidemie. Eine große Anzahl der Bewohner war davon ergriffen worden. Zur gleichen Zeit erkrankten viele Kinder an Scharlach und Diphtherie. Pfarrer Georg Kennel schrieb in das Pfarr-Buch: „Der Seelsorge war reichlich Gelegenheit gegeben, durch das Wort Gottes und Gebet den Kranken, Sterbenden und den bekümmerten Angehörigen Trost und Stärkung zu bringen“.

3. Gründungs- und Anfangsjahre des Evangelischen Krankenpflegevereins.

Der Wunsch, eine geordnete regelmäßige Krankenpflege durch ausgebildete Schwestern bestand schon seit langer Zeit. Seit 30 Jahren, also etwa seit 1875, waren bei den Typhusepidemien und anderen schweren Erkrankungen mehr als 20 Diakonissen aus dem Mutterhaus in Speyer vom Pfarrer zur Hilfe gebeten worden. So lernte man aus eigener Anscheuung den Segen einer ständigen Krankenpflege

Ein Typhusfall im Jahr 1906 war der unmittelbare Auslöser, der zur Gründung dieser humanitären Hilfsorganisation führte. Im Sommer 1906 war eine junge Mutter an Typhus erkrankt. Die Nachbarn scheuten sich jedoch aus Furcht vor Ansteckung Hilfe zu leisten. Eine Schwester aus dem Diakonissenhaus in Speyer war nicht gleich zu bekommen. Der Ehemann der Erkrankten wandte sich in seiner Not an eine katholische Krankenschwester aus Kaiserslautern, die auch die Pflege übernahm. Die junge Frau starb jedoch. Die Krankheit war zu weit fortgeschritten.

Auf diesen Fall hin wurde im September vom Evangelischen Arbeiterverein eine Mitgliederversammlung einberufen, an der auch nicht organisierte Gemeindeglieder teilnahmen. Pfarrer Georg Kennel stellte der Versammlung vor, wie dringend eine ständige Krankenpflege vor Ort notwendig sei. Sein Antrag auf Gründung eines Vereins für Krankenpflege und die Errichtung einer Diakonissenstation mit Anschluss an das Mutterhaus in Speyer fand einhellige Zustimmung.

Ein provisorischer Ausschuss wurde sofort gewählt um das Erforderlich in die Wege zu leiten. Sieben Frauen waren es, die von Haus zu Haus zu gingen, alle Gemeindeglieder besuchten, um für den Verein zu werben. Es wurde ein großartiger Erfolg! 359 Gemeindeglieder, hier besser Haushaltsvorstände, meldeten sich an. Das konnte im Monat bei einem Mindestbeitrag von 2o Pfennig 150 Mark einbringen. Mehrere Katholiken und Israeliten traten ebenfalls bei. Diese Frauen erhoben noch eine Zeit lang die Beiträge, bis das Sammeln einem Mann übertragen wurde, der nach offizieller Gründung 1907 Vereinsdiener wurde.

Eine Krankenschwester wurde vom Mutterhaus für September 1907 zugesagt. Vor der Gründungsversammlung des Vereins am 29. Juni 1907 hatte der provisorische Ausschuss bereits die Statuten entworfen, die dann auch angenommen wurden. Nach § 2 dieser Direktiven konnte jeder Einwohner der Gemeinde ohne Unterschied der Konfessionszugehörigkeit Mitglied werden mit Anspruch auf Hilfe durch die Krankenschwester.

Vorstand wurde der jeweilige Pfarrer, dem ein zehnköpfiger Ausschuss zur Seite stand. Beratende Funktion hatte ein sogen. Damenausschuss. Am 15. November 1907 traf Schwester Maria Lauer ein, die am Sonntag darauf (17.11.) feierlich eingeführt wurde. Vorher schon hatte der Ausschuss sich um eine Wohnung für die Schwester bemüht, diese ausgestattet und für Instrumente, Verbandszeug und Heilmittel gesorgt. Es wurde viel gestiftet! (Über die feierliche Einführung und das Programm finden Sie an den Schautafeln die entsprechenden Exponate.)

Hier etwas über die finanzielle Belastung des Vereins von Anbeginn an: Stationsgeld an das Mutterhaus jährlich 310 Mark, Gehalt der Schwester jährlich 360 Mark also 30 Mark im Monat, die Wohnungsmiete 130 Mark, Entschädigung für den Sammler 50 Mark und schließlich noch 50 Mark für besondere Fälle, Porti usw. Das waren immerhin 890 Mark an jährlichen Fixkosten, die sich aber bald erhöhen sollten.

Da die Arbeit durch eine Schwester allein fast nicht zu bewältigen war, besonders in der kalten Jahreszeit, wurde eine zweite Schwester, eine sogenannte „Winterschwester“ angenommen. Die erste Winterschwester war da von November 1909 bis zum 1. April 1910. Dadurch erhöhten sich die laufenden Kosten bedeutend. Ab dem Wintersemester1913 wurde die „Winterschwester“ wegen allzu harter Inanspruchnahme von Schwester Marie dauernd angestellt. Nur ein Beispiel für den Einsatz dieser Krankenschwester; ich nenne Zahlen aus dem „normalen“ Jahr: 1912/1913: Pflegetage 366, Nachtwachen 31, Krankenbesuche 1292, nicht genannt sind die Besuche der Patienten in der Schwesternstation, wo u.a. Verbände angelegt und sonstige ambulante Behandlungen durchgeführt wurden.

3. Die Erbauung der Kinderschule mit der Schwesternwohnung

Es war von vornherein der Wunsch gewesen, eine Diakonissenstation zu haben. Es ging schneller als gedacht, denn die Stiftung Holzhändlers Jakob Ruby und seiner Familie ermöglichte bereits 1913 den Beginn des Baues. Ein Tympanon über der Eingangstür des Hauses erinnert an die Stifterfamilie.

Zuerst tauchte allerdings die Frage auf: Wo soll das Haus errichtet werden? Zwei Plätze kamen dafür in Frage: a) ein der Kirchengemeinde gehörendes Stück Land auf dem Stockacker (früher im Dorngarten genannt), oder aber b) die alte Pfarrscheune neben dem Pfarrhaus, die ohnedies überflüssig und baufällig war. Die Mehrheit entschied sich für die Lösung nach b) zu der der Pfarrer wegen des Pfarrgutes seine Zustimmung gab. Um es kurz zu machen: Der Bau wurde am 9. September 1913 begonnen und bereits anfangs Dezember im Rohbau vollendet. Fast nur Hochspeyerer Firmen waren am Werk, genau wie 1908 beim Bau des Rathauses. Im Laufe der ersten Hälfte des Jahres 1914 wurde der Innenausbau vollendet und am 5. Sonntag nach Trinitatis 1914, am 12. Juli, fand die feierliche Einweihung statt. Über die Einweihungsfeierlichkeiten befind sich ein Exponat an den Schautafeln. Die Baukosten beliefen sich nach der Brandversicherungssumme auf 17.500 Mark.

Der Schulbetrieb wurde im Juli 1914 eröffnet und schon am 9. September 1914 war es aus mit der Freude, die Kinderschule war zum Kriegslazarett ernannt worden, einem sogen. Vereinslazarett, in das bevorzugt Leichtverwundete und gehfähige Schwerverwundete aus Hochspeyer und der Umgebung aufgenommen wurden. Die Kinder jedoch mussten mit dem Saal Hirschmann vorlieb nehmen. Dabei waren es Ende 1915 zwischen 130 und 140 Kinder zwischen 3 und sechs Jahren. Der ganze Saal musste herhalten. Die Miete hatte das Vereinslazarett übernommen.

Die Schwestern wurde zu ihrer angestammten Tätigkeit auch die Pflege der Verwundeten aufgebürdet. Diese Frauen haben Großes geleistet. Schwester Maria Lauer erhielt in Anerkennung ihrer Verdienste um die Verwundeten das König Ludwig-Kreuz

Auf den Krieg folgte ein Friede der keiner war. Besatzung lag im Dorf, die Not wuchs, die Inflation setzte ein. Bereits 1921 wurde in der Generalversammlung die Frage aufgeworfen: Wie kann der Verein lebensfähig erhalten werden? Einmütig war man der Meinung: Der Verein muss bestehen bleiben. Es folgte Beitragserhöhung auf Beitragserhöhung, im Jahr 1923 fast monatlich. So betrug der Beitrag im November 1923 20 Millionen pro Mitglied. Einnahmen und Ausgaben beliefen sich auf eine 13stellige Zahl vor dem Komma! Das Geld hatte seinen Wert verloren und als das Geld wieder stabil geworden war, setzte in Hochspeyer eine große Arbeitslosigkeit ein. Die Chemische Fabrik schloss, die Holz- und Steinindustrie fand keinen Absatz für ihre Produkte mehr.

1923 war auch das Jahr der Ausweisungen, allein in Hochspeyer und Fischbach waren es 48 Mitglieder. Ein positives Ereignis hatte 1922 stattgefunden: Am 1. Juni dieses Jahres traten 70 Fischbacher dem Krankenpflegeverein bei.

Infolge Beitragserhöhungen in diesen Zeiten der Arbeitslosigkeit musste der Verein auch 65 Austritte verkraften, die aber bald wieder wettgemacht wurden.

Dam kam das schicksalschwere 1933: Die Kinderschule wurde vom Krankenpflegeverein getrennt. Über den Anlass kann man nachdenken, Unterlagen konnten nicht ermittelt werden. In der NS-Zeit wurde es ruhig um den Verein, wie um andere christliche Einrichtungen auch. Die Schwestern versahen ihre Arbeit wie eh und je, Generalversammlungen fanden bis 1941 statt. Mit diesem Jahr enden die Protokollbucheintragungen. Der Verein hat in der Zeit seines Bestehens immer die nötige Lebenskraft bewiesen: in der Kaiserzeit, in der Weimarer Republik, in der Diktatur der NS-Zeit, im Nachkriegsdeutschland und in der Bundesrepublik. Erst andere Formen der Krankenpflege wandelten sein Gesicht.

Copyright:

Franz Neumer, Hochspeyer.