City-Kirche öffnet sich dem Alltag
»Stiftskirche verzeichnet 5000 Besucher im Monat – Erfolgreich Neues gewagt«
Ob am Nachmittag, wenn die Sonne durch das weit geöffnete Portal das Kircheninnere erhellt oder in der Nacht, wenn der Kirchenraum sich im Schein von Kerzen mystisch gibt, die Stiftskirche, die lange Zeit nur zu Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen offen stand, zieht die Menschen an. Besonders an Werktagen und freitags bis Mitternacht. Der Grund: Die protestantische Stiftskirche in Kaiserslautern ist seit November letzten Jahres täglich geöffnet.
„Eine Kirche, die offen sein will für die Menschen, kann nicht verschlossen sein“, so Pfarrer Stefan Bergmann. Lange hat es gedauert, bis die tägliche Öffnung stundenweise realisiert werden konnte. Die Resonanz ist groß. Etwa 5000 Besucher schauen monatlich in die Kirche herein. Der Pfarrer muss es wissen. Ist das gotische Kirchengebäude aus dem 13. Jahrhundert doch so etwas wie sein zweites Zuhause geworden. Pfarrer Bergmann hat mit seiner „City Kirchen Arbeit“ in Kaiserslautern Neues gewagt. Einmal hat er sich dafür stark gemacht, dass die Kirche täglich von 15 bis 17 Uhr, Dienstag und Samstag zusätzlich von 11 bis 13 Uhr und freitags von 20 bis 24 für Besucher offen steht. Möglich wurden die Öffnungszeiten durch ehrenamtliche Kirchenhüter, 32 an der Zahl. Zum andern sieht sein Konzept der City Kirche ein Programm vor, das am Leben der Menschen orientiert ist. Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, sind neben besonderen Gottesdienstformen auch kulturelle Beiträge geplant.
Musik und Kultur, Nachtoase und Führungen, Gedanken zur Nacht und Kulinarisches locken seit einem halben Jahr Menschen unterschiedlicher Konfession und Herkunft in die Kirche. „Ob Ruhe- oder Schutzsuchende, ob Neugierige, Kulturbeflissene oder was immer Menschen in die Kirche zieht, bei uns sind sie herzlich willkommen“, erläutert Bergmann.
Besonders wichtig ist ihm der Freitagabend. Mit neuen religiösen Angeboten wendet er sich an die Menschen: Einem Nachtgebet in englischer und deutscher Sprache, einer Kirche im Kerzenschein mit Gesprächsangebot, einem Nachtgebet mit Taizégesängen, einem Nachtmahl als Abendmahl mit Lichterkreuz, Gregorianik zum Mitsingen, Musik, Lyrik und Märchen. Alles ist kostenlos. Und die Menschen kommen zu ihm. Aus der Eisdiele, der Pizzeria, aus der Tanzschule oder nach einem Kinobesuch. Länger als eine halbe Stunde dauern Veranstaltungen nicht. Viele junge Erwachsene zieht es freitags abends in die Stiftskirche. Viele der Besucher entdecken Kirche auf diese Art neu. „Die Leute lassen sich nicht mehr einbinden“, verweist Bergmann auf übliche Gottesdienstzeiten, an denen nicht selten nicht mehr als 30 Personen teilnähmen. City-Kirchen-Arbeit versteht er als ein niederschwelliges Angebot, das den Menschen ermöglicht, ihre Religiosität in die Woche zu integrieren.
Ein Gästebuch zeugt von der Wertschätzung seiner Arbeit. „Super toll hier, sehr schön mit den Kerzen. Freu mich, dass ich zum ersten Mal die Kirche von innen sehen kann und das ohne den gewöhnlichen Gottesdienst.“ Oder: „Bin heute extra 20 Kilometer gefahren, um mir noch meine innere Ruhe zu gönnen. Und das um 22.00 Uhr. Diese eine Stunde voller Ruhe tat mir sehr gut, so gut, dass ich fast nicht mehr in die raue Welt draußen gehen möchte. Ich betete für meine Mutter, die ich nie kennen lernen durfte, für meinen Mann, den ich über alles liebe und der im April einen Schlaganfall erlitt, für meine beiden Söhne (…) danke ich Gott.“
Joachim Schwitalla, Rheinpfalz Ausgabe 15.06.2007
Info / Um die Stiftskirche weitere Stunden zu öffnen, soll der Kreis der ehrenamtlichen Kirchenhüter erweitert werden. Wer Interesse an dem Amt hat kann sich unter Telefon 0631/3625060 melden.
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