Angedacht

»Angedacht Sinn und Sinnlichkeit Salbungsgottesdienste im Protestantismus«

Ingo liebt Petra. Jeden Abend malt er ihr auf dem Sofa in leidenschaftlichen Worten aus, wie stark seine Gefühle für sie sind. Leider vergisst er über all seinen romantischen Sätzen, Petra auch mal zu streicheln, sie in den Arm zu nehmen, ihre Hand zu halten. Sie mag ihm daher all seine verbale Poesie nicht recht glauben ... Ob er sie wirklich liebt?

Was im zwischenmenschlichen Bereich ans Absurde grenzt, ist in unseren Gottesdiensten der Normalfall. Die Liebe Gottes, unser Angenommen- und Gehaltensein durch Gott, Gottes Heil und Segen wird uns in wohltemperierten Worten gepredigt, macht durchaus Sinn. Doch die Sinnlichkeit einer solchen Liebe ist uns abhanden gekommen.

Seit dem Jahr 2000 versuchen wir an der Versöhnungskirche, dieser Sinnlichkeit in den „Salbungsgottes-diensten“ wieder auf die Spur zu kommen. Dabei können die Teilnehmenden ganzheitlich fühlen: Gott tut gut!
Beim Salben mit einem wohlriechenden Öl, das auf die Stirn und die Handflächen gestrichen wird, geht es nicht um neumodische Zeremonien, sondern um eine Urform von Segen. Wer sich segnen lässt, erhofft sich von
Gott neue Energie und Heil für sein Leben.

Natürlich ruft die Salbung im Protestantismus auch Skeptiker auf den Plan. Dabei ist sie zum einen gut biblisch, zum anderen auch von den Reformatoren nicht in Bausch und Bogen verdammt worden und zum dritten angesichts der Suche heutiger Menschen nach Ritualen jenseits der Sprache unserer Predigten etwas Hochaktuelles.

Aber trotz Luther (der den Salbungsritus noch ausübte), trotz der vielen biblischen Heilungsgeschichten und trotz der ausdrücklichen Aufforderung des Neuen Testaments, Kranke zu heilen (Matthäus 10, 7-8; Jakobus 5, 14f.), scheinen wir Protestanten vergessen zu haben, dass die Kirche nicht
nur Lehranstalt, sondern u.a. auch heilende Gemeinschaft ist!

Einer Kirche des bloßen Wortes fehlt die Sprache, die schon das Neugeborene
und die noch der sterbende Greis verstehen: Die Sprache der zärtlichen Berührung!

Segnen kommt vom lateinischen secare, d.h. schneiden, ritzen. Dann meint Segen aber mehr als nur Handauflegung, nämlich dass wir den anderen die Liebe Gottes einritzen. Dazu müssen wir sie berühren. Auf diese Weise können die Gesalbten, die so Gesegneten ganzheitlich erfahren, dass Gottes heilende
Liebe sie berührt – und dass das Gute, das wir ihnen im Namen Gottes zusagen, in ihr Denken, Fühlen, Sprechen und Handeln hineingeschrieben wird, um es im Sinne Gottes zu verändern.

Frank Schuster, Pfarrer
der Versöhnungskirche / Foto:view


Salbungsgottesdienst:
So., 28. Oktober,
10 Uhr,
Versöhnungskirche, Leipziger Str. 1.