Angedacht
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Angedacht
Mit Leib und Seele
In Liebessachen sind wir verletzlich
Schon spannend, der klei-ne Unterschied mit großer Wirkung.
Geschlechtlich-keit dient nicht allein der besseren Durchmi-schung unserer Erbanlagen. Die Lust, das Andere zu gewinnen ist eine überirdische Erfindung. In Liebessachen sind wir wohl darum sehr verletzlich, ebenso phantasievoll wie bedürftig. Hier sind Leib und Seele verschränkt auf geheimnisvolle Weise, ist Sehnsucht und Hingabe mit Begehren und Lust vermischt.
Paulus hat der Christenheit eine ziemliche Abneigung gegen den Leib als Quelle der Liebesfreude aufgepfropft. Er meinte, Erotik und Sexualität könnten nur hingenommen werden in der Ehe. Und Ehe sei eigentlich nur erträglich als Konzession, damit man/frau „sich nicht in Begierde verzehre“ (1 Kor 7, 9). Diese Ethik entsprang der Erwartung des Weltunterganges in den allernächsten Wochen – alles außer Gebet und Mission galt als Kraftvergeudung.
Aber diese Haltung immer noch mitzuschleppen, ist gotteslästerlich. Liebesumarmung als Exklusivgeschenk an Eheleute – alle andere Liebesumarmung darf nicht sein? Das Geheimnis der Welt ist Liebe in allen Facetten. Alle Zuneigung ist göttliche Kraft. Alle Liebe, die nicht Gewalt antut, ist gesegnet.
Jesus selber war möglicherweise nicht verheiratet, doch intensiv befreundet. Sein Lieblingsjünger hieß Johannes. In herrlichen Gemälden vom Abendmahl wird er an Jesu Schulter liegend dargestellt. Alle langen Gespräche Jesu sind meist mit Frauen gelungen. Er konnte sie in ihrer eigenen Anziehungskraft sehen, ohne sich ihrer bemächtigen zu müssen. Eine salbte ihn mal ganz zärtlich und in ihr Tun versunken. Jesus wusch einmal all seinen Jüngern die Füße, Zeh für Zeh. Er hatte keine Angst vor dem menschlichen Körper, hatte wohl früh verstanden: „...stark wie der Tod ist die Liebe, drückend wie die Unterwelt die Eifersucht; ihre Brände sind Feuerbrände – eine Flamme vom Herrn“ (Hoheslied 8, 6).
Viele fanden lange auch gleichgeschlechtliche Liebe höchst bedrohlich. Sie raube dem Volk den Nachwuchs, hieß es, mit und ohne Paulus. Aber war er es nicht, der Enthaltsamkeit insgesamt als Himmelsleiter idealisierte?
Manche reden nur höflicherweise von Liebe, meinen aber Begehren, und wittern beim Wort „Erotik“ Verwahrlosung der Sitten und Verfall der Werte. Auch sie haben mit ihrer Angst ein Recht auf Toleranz.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde als Mann und als Frau. Das meint doch: Gott ist nicht einsam, nicht in sich verschlossen, sondern auf Beziehung aus. Und so macht er auch sein Gegenüber zum sozialen Wesen. Aber „Mann“ ist verschieden und „Frau“ ist vielfältig. Anscheinend liebt Gott die Fülle der Möglichkeiten. Zu behaupten, nur eine Form der Liebe sei der Wille Gottes, wäre doch zu mickrig.
Martina L. Abel
Pfarrerin an der Lutherkirche
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