Kirchen in Kaiserslautern

    sitemap  |  Impressum  |  Druckversion   



Angedacht

»Als österliche Menschen leben: „Es geht darum, wie der Himmel zu uns kommt!“«

„Wie viel Prozent der biblischen Texte handeln von einem Leben nach dem Tod?“ Diese Frage verblüfft und verunsichert meinen Gesprächspartner. „Na ja, ich würde sagen so zwischen 50 und 60 Prozent?!“ Als ich ihn wissen lasse, dass es keine 10% sind, macht sich doch Verwunderung breit. „Und wovon handeln dann die weitaus meisten Texte der Bibel?“ werde ich gefragt. „Vom Leben vor dem Tod natürlich – vom schrecklichen und zugleich wunderbaren Leben auf dieser Welt. Von Liebe und Leid, von Gewalt und Versöhnung, vom Leben und Sterben.“

„Ich dachte immer, es geht in Sachen Religion hauptsächlich darum, wie Leute in den Himmel kommen, wenn sie gestorben sind.“ „So kann man sich irren.“, erwidere ich. „Ich würde eher sagen, es geht darum, wie der Himmel zu uns kommt, wie es auch schon im Vaterunser heißt: Dein Reich komme – und nicht: Lass uns in dein Reich kommen.“ „Ah ja ... und was ist mit der Auferstehung?“

„Unsere Bibel ist kein Buch zum Rechthaben, sondern eins zum Leben. Daher sage ich: Es muss und wird sie nicht erst nach unserem Tod, sondern es kann sie schon jetzt und hier, mitten im Leben geben. Jede Geschichte, in der ein Mensch nicht dem Tod überlassen wird, ist eine Auferstehungsgeschichte. Ich kann, das ist für mich die Osterbotschaft, ab sofort als österlicher Mensch leben, kann die Macht der Auferstehung in meinem Leben und für meine Mitmenschen wirksam werden lassen.“ „Das hieße ja, dass es auch den Tod schon mitten in unserem Leben gibt.“ „So ist es. Wir können ihn sogar täglich sehen – vor unserer Haustür und auch in den Medien: Wenn Kinder verhungern, wenn Kriege geführt werden, wenn die Natur zur Profitmaxi-mierung geopfert wird – aber auch dann, wenn Menschen in ihrem Alltag klein, stumm und kaputt gemacht werden. ‚Ihr wart tot in den Sünden.’ heißt das oft in der Bibel. Aber wir brauchen eben nicht tot zu bleiben, also uns nicht länger von der Macht des Todes einreden zu lassen, es gebe zu dieser Art von Leben keine Alternative.

Denn es gibt sie natürlich, das sagt nicht zuletzt die Macht der Auferstehung. Jesus hat uns durch sein Leben gezeigt, dass wir Menschen keineswegs festgelegt bleiben müssen auf unser todbringendes Tun. Ostern lehrt uns, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Und dass vor allem wir nicht bleiben müssen, wie wir sind. Wenn wir versuchen, als österliche Menschen zu leben, spüren wir, dass wir noch zu einem ganz anderem Verhalten fähig sind, zu ganz anderen Lebensentwürfen, und – wenn wir festgelegt blieben auf unsere eigene Kargheit – dass wir weit unter unserem von Gott gewollten Niveau und zurück hinter unserem Ruf als österliche Menschen bleiben.

Durch die Osterbotschaft gestärkt, können wir sagen: ‚Manchmal stehen wir auf / stehen wir zur Auferstehung auf / mitten am Tage / mit unserem lebendigen Haar / mit unserer atmenden Haut.’ (Marie Luise Kaschnitz) Und aus solcher Hoffnung lässt sich leben!“

Frank Schuster,
Pfarrer an der Versöhnungskirche
auf dem Bännjerrück