Angedacht

"Weihnachten 2006 – Gott steht vor unserer Tür"

„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Mit diesen vertrauten Worten umschreibt Lukas im 2. Kapitel seines Evangeliums das Weihnachtsgeschehen. Bar jeglicher Romantik oder Kitsch sagt er aus: Gott wird Mensch, und zwar einer von denen, die unten sind. In den Häusern von Bethlehem war für ihn kein Platz.


Ich denke an die Kinder, die heute in den Hütten und Ställen auf dem Land oder in den Slums vor den großen Städten rund um den Globus geboren werden. Für viele beginnt damit ein Weg durch Hunger, Kriminalität, Prostitution. Doch ich denke auch an die Kinder hier in Kaiserslautern: jedes fünfte von ihnen erfährt inzwischen relative Armut, lebt in Familien, die Hartz IV beziehen! Nach der Pisa-Studie haben sie schlechtere Chancen auf gute Bildung und Arbeitsplätze.


Auf einer Tagung bekamen wir Pfarrerinnen und Pfarrer genaue Zahlen, die eine verrückte Wirklichkeit darstellen: 1998 besaßen in Deutschland 20% der Bevölkerung 60% des ganzen Vermögens. Das - am Vermögen gemessen - unterste Drittel der Bevölkerung besaß zusammen gerade mal 0,3%! Eine Entwicklung von Ungerechtigkeit, die weltweit zu beobachten ist. Auch die Steigerung der Unternehmensgewinne. Einzelne Unternehmen wie Siemens oder die Deutsche Bank, bekannt für Massenentlassungen, übertreffen an Wirtschaftskraft die meisten Staaten der Erde bei weitem.
Weihnachten 2006 bedeutet, dass Gott wieder vor den Toren „Bethlehems“ geboren wird, vor den Toren vieler Wohlhabender - mitten im Alltag einer unfairen Welt. Als einer von den Armen fordert er unsere Parteinahme.

Wie können in unseren Gemeinden Reichere und Ärmere miteinander als Christinnen und Christen leben? Wie können vorhandene Arbeit und Besitz gerechter verteilt werden und Angehörige unterer Schichten in Schule und Ausbildung besser gefördert werden? Wann kehren unser Staat und andere Staaten endlich wieder zu ihrem eigentlichen Sinn zurück, dem Wohl aller zu dienen, statt die Ärmeren zu belasten und die Reichen zu entlasten?

Weihnachten 2006 – Gott steht vor unserer Tür. Welchen Raum wird er finden? Welchen werden wir ihm geben? Unser ganzes Lebenshaus vielleicht? Das wäre ein Weih-nachtswunsch!

Text: Pfarrer Andreas Echternkamp (teilt sich mit seiner Frau Elke die Pfarrstelle an der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche).