Weihnachten in Schottland

»Weihnachten bei den anderen Erst 1958 wurde in Schottland der 25. Dezember zum nationalen Feiertag erklärt«

Weihnachten bei den anderen
Erst 1958 wurde in Schottland der 25. Dezember
zum nationalen Feiertag erklärt
1583 war es mit Weihnachten in Schottland vorerst einmal aus. Das Parlament erklärte den 25. Dezember zum Arbeitstag. Gottesdienste fanden nach Ladenschluss statt. Der Rest des Abends galt dem Bibelstudium. Fast 400 Jahre lag ein presbyterianischer Bann über bunten Girlanden, Truthähnen und Plum Pudding, ihres Zeichens verräterische Indizien „papistischer Exzesse“. Notorische Gesetzesbrecher, die sich trotzdem ein deftiges Stew kochten und die Seele an „Lebenswasser“ (Whisky) wärmten, gar tanzten, drohte für drei Wochen der Büßerstuhl in der Kirche.

Auch als in England längst die puritanische Ära überwunden war und Königin Victorias (1837-1901) Liebe zu Weihnachten einen freien Tag brachte, hielt Schottland am Anti-Weihnachtsgesetz der Reformation fest. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigten sich zaghaft englische Einflüsse: Strümpfe durften am Kamin zur sparsamen Füllung aufgehängt werden. Weihnachtslieder erklangen in Wohnstuben.

Für langfristige Veränderungen sorgten schottische Soldaten, die nach dem zweiten Weltkrieg auch kontinentaleuropäische Weihnachtsbräuche heimbrachten. „Weih-nachtsgans“ war eines der wenigen deutschen Worte, das John Ballantyne (Bild), ein Freund aus der Gemeinde Borthwick, noch von seiner Stationierung in Göttingen erinnerte. Und Betty Tait (Bild) erzählte: „Als Kind war es für mich ganz selbstverständlich, Vater an Weihnachten zur Arbeit gehen zu sehen. Kleine Geschenke gab es und Weihnachtslieder, leider keinen Truthahn. Der Pfarrer gehörte noch zur alten Schule und freute sich immer, wenn Weihnachten vorbei war.“ Erst 1958 wurde in Schottland der 25. Dezember zum nationalen Feiertag erklärt, übrigens auf Anregung eines Edinburgher Pfarrers. Freilich ließen auch in Schottland Gesetze Lücken. „Silvester und Neujahr“, sagte Betty, „haben wir hier immer schon ausgiebiger gefeiert. „

„Sich an Weihnachten frei zu nehmen, bedeutete einmal unbezahlter Urlaub“, wusste John, aber: „Dem Herrn sei Dank, dass wir den Anschluss an den Rest der Welt gefunden haben.“ Den Zusammenhang von Religion, Arbeit und Kapital wollen wir jetzt nicht vertiefen. Er kann durchaus Spendenfreudigkeit bewirken. Mein Kollege aus Borthwick, Graham Leitch, sammelte Weihnachten 2004 in seiner kleinen Gemeinde £ 805 für bedürftige Kinder aus dem Kreis Midlothian. Das vervollkommnete zweifellos Dundee-Cake, Truthahn, Shortbread und „Lebenswasser“.
Martina L. Abel,
Pfarrerin (Lutherkirche)