Meinung
»Die Geburt Jesu - ein Highlight«
 |
Am Heiligen Abend gibt es in unserer Kirche ein Krippenspiel. Den glanzvollsten Auftritt haben dann die Kinder in ihren weißen Kleidchen: der Engelchor. Goldgelb werden sie bestrahlt und die ganze Kirche hält den Atem an. Was für ein Anblick! Und dann kommt der Verkündigungsengel. „Freuet euch, euch ist ein Kind geboren, das ist der Heiland“ ruft er mit ausgestreckten Armen von der Kanzel herab.
Das kleine Mädchen, das im letzten Jahr unbedingt diese Rolle wollte, kannte das Wort „Heiland“ nicht. Zuerst sagte sie nichts anderes als „Freuet euch, euch ist ein Kind geboren, das ist der Highlight“. Highlight heißt Glanzlicht und Höhepunkt. Das Wort ist gar nicht so falsch.
Mit Lichtern wird das Weihnachtsfest und vor allem die Vorweihnachtszeit mächtig bestrahlt. In den Wohnungen, auf den Straßen, in den Geschäften. Und Jesus ist in der Tat der Höhepunkt in der Geschichte Gottes mit den Menschen.
Andererseits: Jesus Christus als das Highlight unseres Weihnachtsfestes? Da gibt es doch ganz andere Highlights. Die Geschenke, das Essen, die Gemütlichkeit. Für die Hirten auf dem Feld war in dieser Nacht die Geburt Jesu sicher ein Highlight. Ein Leben lang langweilige Nächte bei den Schafen und nun ein strahlender Engelchor!
Das werden sie für den Rest ihres Lebens nicht vergessen und ihren Kinder und Kindeskindern immer wieder erzählt haben. Das war die Attraktion. Ein echtes Highlight, keine Frage.
Jesu Auftrag für unsere Welt war aber nicht Highlight für gelangweilte Hirten in öden Nächten zu sein. Er war der Heiland. Er machte Leben heil. Bis heute. Den Jubel der Engel kann ich mir jedes Jahr anhören. Ich höre ihn gern, denn ich weiß, dass er auch mir gilt: Für mich ist der Heiland geboren. Und für meine Familie und meine Freunde und für alle Menschen. Wir Christen haben einen wunderbaren Glauben: Gott ist Mensch geworden und weiß deshalb, wovon wir reden, wenn wir ihm unser Leid klagen. Und er kennt die Schönheiten und das Glück auf unserer Welt aus eigenem Erleben. Das ist großartig.
Mein liebstes häusliches Fest ist der Heilige Abend aber nicht, das war er noch nie. Der innerlich bewegendste Abend des Jahres ist für mich seit Jugendtagen der Altjahresabend mit seinem stillen Ernst. Das alte Jahr geht zu Ende, ich verabschiede es mit einem feierlichen Gefühl und schaue mit leichter Befangenheit auf das kommende Jahr.
Kurz nach Mitternacht hänge ich dann die vielen alten Kalender in unserem Haus ab, packe die neuen aus und hänge sie auf. Die Tageskalender sind noch ganz dick und ich freue mich schon auf die Geschichten, Zeichnungen und Witze, die wir darin entdecken werden.
Ein neues Jahr kommt und Gott wird uns weiterhin begleiten – am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Das erfüllt mein Herz mit Freude.
Susanne Wildberger,
Pfarrerin an der Apostelkirche
|