Angedacht
»Kirche lebt von Menschen, die mitmachen, weil sie begeistert sind.«
 |
Vor ein paar Jahren schaltete in England ein Pfarrer eine Anzeige in der örtlichen Presse, deren Text lautete: „Hiermit geben wir den Tod der Kirche bekannt. Die Trauerfeier findet am kommenden Sonntag im Gottesdienst statt.“
Wie zu erwarten war, war die Kirche an jenem Sonntag bis auf den letzten Platz besetzt. Erschreckt stellten die Besucher des Gottesdienstes fest, dass der Pfarrer tatsächlich einen Sarg in den Altarraum gestellt hatte. Als sie nach der Predigt Gelegenheit hatten, nach vorne zu kommen, um sich am offenen Sarg nochmal von der toten Kirche zu verabschieden, bekamen sie einen Riesenschrecken. Der Pfarrer hatte nämlich einen großen Spiegel in den Sarg gelegt, in dem sich die vorbeischreitenden Gemeindeglieder selbst sahen. Daraufhin fingen viele wieder an, sich für ihre Kirche zu engagieren.
Kirche ist also nicht die so gern kritisierte Institution, nicht das vielmals marode Gebäude, auch nicht ihre Funktionsträgerinnen und -träger, mit deren Arbeit manche mehr, manche weniger zufrieden sind. Kirche lebt von Menschen, die mitmachen, weil sie begeistert sind von dem und Anschluss suchen an das, was Jesus vorgelebt hat. Kirche lebt von der Heiligen Geistkraft, die phantasievoll in Menschen tätig ist; lebt vom Wort Gottes, das erlösend und befreiend wirkt.
Leider gibt es hier in letzter Zeit immer weniger solcher Menschen – aus demographischen und sonstigen Gründen. Im Gegensatz zu den Kirchen in der von uns so genannten Dritten Welt schrumpfen sie bei uns zunehmend, können sie deshalb die vielfältigen Aufgaben nicht mehr bewältigen, die sie in den „fetten Jahren“ für die Gesellschaft übernommen haben: im Bereich der Kindertagesstätten, der Krankenpflege, der Beratungsstellen usw.
So wird sich unsere Kirche innerlich wie äußerlich verändern. Wir werden manches sterben sehen, aber das wird auch die Möglichkeit neuer Intensität und neuer Lebendigkeit in sich tragen. Kirche ist ärmer geworden und wird noch ärmer werden. Sterben wird die eurozentrische Form des Christentums und ihre Theologie – reicher und vielfältiger wird Kirche aber dadurch werden. Sterben wird das in Konfessionen verengte Christentum – Kirche wird erwachsener. Sterben wird das altväterliche Kirchentum, das vorgibt, alles besser zu wissen und zu können – gütiger und demokratischer wird die Kirche davon.
Es stehen unserer Kirche künftig nicht nur Schreckensszenarien bevor. Was wir erleben sind eher die Geburtsschmerzen einer neuen Form von gelebtem Christentum.
Frank Schuster,
Pfarrer an der Versöhnungskirche
|