Im Urlaub: Pfarrerin Claudia Kettering mit Tochter Carla und Hund Jo.
„Die Erlaubnis, fortzugehen, die von einem Höherstehenden gewährt wurde“, nannte man seinerzeit „Urlaub“. Das bedeutete nicht etwa Fortgehen in die Freiheit, sondern einfach die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Der Urlaub also war fest eingebunden in die Abhängigkeit von “Höherstehenden“. Auf Zeit erlaubten sie jemanden fortzugehen, aber ein unsichtbares Gummiband - der „Verlaub“- verband, ja fesselte den betreffenden an sie.
Und heute? Urlaub! Endlich nicht den Zwängen des Alltags, der Arbeit, unterworfen und wenigstens für eine kleine Weile frei von lästigen Pflichten sein. Ist es da ein Wunder, dass so mancher Urlauber in dieser befristeten Erlaubnis, sich zu entfernen, über den Strang dieses unsichtbaren Gummibands schlägt?
Sind die Zeiten wirklich vorbei, in denen sich deutsche UrlauberInnen im Ausland für die schönsten Wochen des Jahres in kleine Despoten verwandelten? Zur Zeit halten wohl die russischen „Neureichen“ als TouristInnen uns den Spiegel vor, wie wir seinerzeit in Mallorca oder Ungarn gewesen sind: laut, anspruchsvoll, eben von der Kette, pardon, vom Gummiband, gelassen.
Nach zwei Wochen geht es zurück ins Wieder-brav-Sein, ins Funktionieren. Das Gummiband der Erlaubnis zieht sich zusammen: Russen und Deutsche, Briten und Franzosen, alle müssen wieder den „Höherstehenden“ zur Verfügung stehen, dürfen sich lange, lange nicht mehr entfernen. Das ist der Schatten, der bis in die schattenlosesten Gegenden der Erde reicht, der dunkle Teil des Urlaubs. Wir alle haben ihn an uns und anderen erlebt. (Übrigens: der einzige biblische Urlaub, der mir einfällt, ist der „Fronturlaub“ Urias – was es mit dem auf sich hat, können Sie nachlesen in 2. Samuel 11!)
Die längste Zeit der Menschheit hatten arbeitende Menschen kaum Urlaub, allenfalls einen freien Heiligen-Tag. Sie arbeiteten Tag um Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.
Erst seit einem Wimpernschlag der Geschichte, seit nicht einmal 150 Jahren gibt es den Urlaub als feste Einrichtung für Arbeitende, seit etwa 1918 den bezahlten Jahresurlaub. Welche Errungenschaft! Ist es da ein Wunder, dass wir uns als „homo urlaubiensis“ noch im Anfangsstadium der Entwicklung befinden? In Selbstbefangenheit und Befehlslust?
Es soll aber bereits fortgeschrittene Exemplare geben: die Pfad-Finder aller Art, die das Fortgehen als Abenteuer empfinden, die Neugier hegen für neues Land und neue Leute.
Das fortgeschrittenste Stadium des noch jungen homo urlaubiensis aber liegt sicher in der Zukunft: Wenn wir nicht mehr um Erlaubnis fragen (müssen), fortzugehen. Wenn wir keine erlaubten kleinen Freiheitsnischen mehr brauchen, sondern allenfalls noch kleine Unfreiheitsnischen haben. In dieser Urlaubs-Evolution wäre der auf Neues Neugierige, der vor Fremden Respektvolle der Prototyp des freien Menschen.
Vielleicht haben wir heute schon die Ahnung davon. Vielleicht lieben wir den Urlaub deswegen so sehr. Sicher kommt er eines Tages dahin!
Claudia Kettering
Pfarrerin der Friedenskirche
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