
»Ostern muss heißen: Das Leben wandelt sich«
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Ostern kann nicht nur heißen: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Das klingt wie eine Vertröstung. Ostern muss heißen: Das Leben hier wandelt sich …“ (Jürgen Moltmann).
In ‚Sternstunden der Menschheit‘ erzählt Stefan Zweig (1881–1942) von solchen Ostererfahrungen im Leben Georg Friedrich Händels. Ich hatte dieses Buch zur Konfirmation geschenkt bekommen – und erst lange nicht, dann nach und nach darin gelesen. Als sich 2009 Händels Todestag zum 250. Mal jährte, las ich seine Ostergeschichte.
Nach einem Schlaganfall kann Händel nicht mehr gehen, sprechen und schreiben. „… es war ein Frost in den Gliedern, eine grausige Starre, die Sehnen, die Muskeln gehorchten ihm nicht mehr; der einst riesige Mann fühlte sich hilflos eingemauert in ein unsichtbares Grab.“
Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben, aber in den heißen Bädern der Kurstadt Aachen geschieht das Wunder: Händel ist geheilt. Am Tag seiner Abreise geht er in eine Kirche, steigt mühelos die Treppe zur Empore hinauf und beginnt auf der Orgel zu improvisieren. „Unten lauschten namenlos die Nonnen und die Frommen. So hatten sie niemals einen Irdischen spielen gehört. Und Händel, das Haupt demütig geneigt, spielte und spielte. Er hatte wieder seine Sprache gefunden, mit der er redete zu Gott, zur Ewigkeit und zu den Menschen.“
Wieder in London, schreibt er großartige Opern und Oratorien, doch ohne Erfolg. Er fühlt sich müde, resigniert: „Wozu hat Gott mich auferstehen lassen aus meiner Krankheit, wenn die Menschen mich wieder begraben?“ Er irrt durch London, kann sein Leben nicht mehr ertragen. Keine Melodien fallen ihm mehr ein. Da findet er auf seinem Schreibtisch die Texte des ‚Messias‘, die ihm der Dichter Jennens geschickt hatte. Schon beim ersten Lesen hört Händel die Worte als Musik. Drei Wochen schließt er sich ein, komponiert Tag und Nacht und präsentiert dann seinem staunenden Arzt Dr. Jenkins die schönsten Chöre und Arien. Die Uraufführung in Dublin wird ein grandioser Erfolg: „Die Schleuse hatte sich geöffnet.“ Nun strömte durch Jahre und Jahre wieder der klingende Strom. Nichts vermochte von jetzt ab Händel zu beugen, nichts den Auferstandenen wieder niederzuzwingen.
Händel ist auferstanden aus dem Grab einer tiefen Depression
Ostern muss heißen: das Leben hier wandelt sich. G. F. Händel hat es am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfahren. Zweimal ist er auferstanden, aus dem Grab eines leblosen Körpers und aus dem Grab einer tiefen Depression. Stefan Zweig hat Händels Ostererfahrungen mitreißend und anschaulich erzählt – nicht nur, um Geschichte lebendig zu halten, sondern auch, um uns zu fragen: Welche kleinen und leisen Osterfeste gibt es in deinem Leben? Wann sagst du: Ja, ich will aufstehen aus dem Grab meiner Niederlagen und Verletzungen? Wann gibst du Gott die Chance, dein Leben zu verwandeln?
Gottfried Rust,
Pfarrer der Pauluskirche,
(nach einer Idee von Wolfgang Raible)