Kirchen in Kaiserslautern

    sitemap  |  Impressum  |  Druckversion   



Meinung

»Melanchthon hat sich viel von der Versöhnungskraft der Bildung erhofft«

„Ich bin der Meinung, dass Philipp Melanchthon einen großen Fehler gemacht hat“. Viele meiner Schüler würden dies sagen. Denn jedes Mal, wenn ich ihnen im Religionsunterricht erzähle, dass Melanchthon die Schulpflicht in Deutschland eingeführt hat, muss ich ihnen eine kurze Empörungspause gönnen. Aber dann fangen sie sich wieder und freuen sich doch über das Privileg des Lernens. Sie berichten sogar von ihren beruflichen Zukunftsplänen. Wissen und Zukunftsgestaltung denken diese jungen Leute also automatisch zusammen.

In den USA machte in den 60er Jahren ein Slogan Eindruck: „Wissen ist Macht.“ Da ist sicher viel dran – aber man muss schon fragen dürfen: welches Wissen ist denn Macht? Welches Wissen macht soviel, dass es ein Stückchen Welt verändert?

Wir schicken unsere Kinder ja auch mit diesem Gedanken zur Schule: dass sie durch das gute Erlernte sich und den nachfolgenden Generationen zu besseren Lebensbedingungen verhelfen. Damit haben wir einen alten Traum der Antike übernommen, der hofft, dass Bildung den menschlichen Charakter verbessere und daraus Gutes folge.

Meine Schüler wenden an dieser Stelle ein: „Aber es hat doch ein Gelehrter die Atombombe erfunden.“ Sie verknüpfen also nicht nur Wissen mit Zukunft, sondern auch mit Verantwortung.

Ich finde, es ist schon ein großer Lernerfolg, wenn ein Mensch Freude daran hat, Fragen zu stellen; wenn er die gegebene Welt nicht als selbstverständlich hinnimmt, sondern seinen Fortschrittsbeitrag leisten will. Interessanterweise meinen da Jugendliche aus einem Grundkurs Evangelische Religion nicht nur technischen Fortschritt. Sie wünschen sich die harmonischere Entwicklung menschlicher Beziehungen. Sie wünschen sich die Verbesserung von Kommunikation. Sie wünschen sich mehr Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit. Von einer lebensfreundlichen Welt träumen sie – nicht unbedingt von einer Welt, die alles zu bieten hat.

Da lerne ich immer wieder von den Schülern. Auch im Sinne von Melanchthon, dem viel daran lag, Menschen nicht mit Informationen und Fachlichem zu überhäufen, sondern Wissen gründlich zu vertiefen. Fürs Leben sollte gelernt werden. Nicht, damit es überfüllt, sondern sinnvoll sei.

Der 450. Todestag des Reformators bestimmt das Jahr 2010. Melanchthon hat sich viel von der Versöhnungskraft der Bildung erhofft. Seine interkonfessionellen Schlichtungsversuche sind bekannt. 1520 schrieb er an Georg Spalatin: „Durch Unkenntnis… geraten Religion, gute Sitten und alles, was wahrhaft menschlich und göttlich ist, ins Wanken.“ Ein Traum Melanchthons hat sich erfüllt: Wir sind in unserer heutigen Gesellschaft so informiert wie noch nie. Lernmöglichkeiten gibt es für alle in unterschiedlichster Form. Das ist viel Gelegenheit, um Zukunft gut zu gestalten.

Martina L. Abel,
Pfarrerin der Lutherkirche