Angedacht

»Das Carillon der Stiftskirche«

Kaiserslautern hat eine Attraktion erhalten, die sie nun von vielen anderen Städten unterscheiden wird: Im Westturm der Stiftskirche erklingt seit kurzem ein Carillon, ein von Hand zu spielendes Glockenspiel, das einen ganz neuen Ton in die Stadt bringt. Die Melodien aus luftiger Höhe stammen von 47 Glocken im Gesamtgewicht von 12 Tonnen. Kirchenmusikdirektor Professor Helmut Freitag, Universitätsmusikdirektor an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, und sowohl Ideengeber als auch Initiator dieses Instruments, hat die Klänge eingespielt. Derzeit ist das Carillon täglich von Montag bis Samstag, um 9.32, 12.32 und 18.32 zu hören.

Finanziert wurde das große Projekt aus Privatspenden und Mitteln der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz (also keine Mittel aus Kirchensteuer oder Steuermittel der öffentlichen Hand!). Allen diesen Spendern gebührt der Dank für das großartige Geschenk des Glockenspiels in der Stiftskirche – ein Geschenk an alle: Einwohner und Besucher der Stadt Kaiserslautern gleichermaßen!

Dieses Carillon in der Stiftskirche ist aber nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern in erster Linie ein außergewöhnlich klangschönes Musikinstrument. Musik ist die Sprache, die von allen verstanden wird und die unabhängig von den vielen Muttersprachen, die in unserer Stadt gesprochen werden, ihren direkten Weg vom Ohr zum Herzen findet. Die verschiedenen Melodien der geistlichen Lieder und Volkslieder, die je nach Tag- und Jahreszeit erklingen, unterbrechen das Gleichmaß der Stunden und Tage und laden ein zu einem kurzen Innehalten, Reflektieren und Besinnen, zu einem Atemholen für Herz und Seele. Sie hinterfragen das Umgetriebensein.

Eine alte jüdische Geschichte erzählt: „Der Berditschewer sah einen auf der Straße eilen, ohne rechts und links zu schauen. „Warum rennst du so?“ fragte er ihn. „Ich gehe meinem Erwerb nach“, antwortete der Mann. „Und woher weißt du“, fuhr der
Rabbi fort zu fragen, „dein Erwerb laufe vor dir her, daß du ihm nachjagen mußt? Vielleicht ist er dir im Rücken, und du brauchst nur innezuhalten, um ihm zu begegnen, Du aber fliehst vor ihm.“

Der glockenreine Klang des Carillon verlangt von uns nichts, schenkt aber Freude! So oft ich selbst in den vergangenen Tagen dem Spiel gelauscht habe und dabei auch den Passanten nachblickte, beobachtete ich eine Gemeinsamkeit: ein zunächst überraschter Blick nach oben, wo die verzaubernden Klänge herkamen und dann – ein Lächeln.

Eingefleischten Nützlichkeitsfanatikern kann man entgegenhalten:
Man braucht ein G l o c k e n s p i e l nicht unbedingt – doch es ist einfach schön, wenn es erklingt!

Viel Freude am Carillon wünscht
Karl-Friedrich Weber, Dekan i.R.
Foto: umf.

In der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe, brennt Werkstattleiter Josef Flier die Kernisolierung einer Glockenform ein.
Foto: Erich Schmitt